Emmanuel Macron ist ein ungeduldiger Politiker. Immerzu will er nach vorne stürmen. Die Zukunft wartet nicht, man muss ihr im Laufschritt entgegeneilen – das ist sein fester Glaube, der ihm große Erfolge beschert hat. Zum Beispiel 2017, als Macron als Außenseiter völlig überraschend das Amt des französischen Staatspräsidenten eroberte.

Typisch Franzose, denken sich viele andere Europäer: viel Pathos, viel Wortgeklingel, und dahinter verbirgt sich doch nur der alte, imperiale Anspruch Frankreichs. Man ärgert sich über so viel französische Arroganz, und schaltet in einen dumpfen Abwehrmodus. Das ist verständlich. Aber falsch.

Stillos, aber bestechend

Es mag ja sein, dass Macron stillos war, als er vergangene Woche die Nato als „hirntot“ bezeichnet hat; es mag ja sein, dass er übertreibt, wenn er die Europäische Union „am Abgrund“ sieht – aber seine Analyse besticht. Allein schon deshalb verdient der französische Präsident eine Antwort. Sie müsste zuallererst aus Deutschland kommen.

Aber was hörte man in den vergangenen Tagen aus Berlin? Angela Merkel wies Macrons Kritik als zu „drastisch“ zurück. Und weiter? Nichts, nur das übliche Berliner Klein-Klein: wegducken, sich eingraben, hoffen, dass der Sturm vorüberzieht, und dabei immer schön drauf achten, dass die eigenen nationalen Interessen nicht zu kurz kommen. So ist die Europapolitik der großen Koalition auf Miniaturmaß geschrumpft.

Macron spricht die Sprache der Macht

Die deutsche Regierung muss Macron ja nicht gleich zurücklieben. Aber sie müsste ihm zumindest auf Augenhöhe begegnen können, das wäre sie Deutschland und Europa schuldig.

Die designierte deutsche Kommissionspräsidentin, Ursula von der Leyen, sagte vergangene Woche in ihrer Europarede in Berlin: „Europa muss die Sprache der Macht sprechen lernen!“ Dafür hat sie viel Applaus bekommen. Was genau das aber aus ihrer Sicht zu bedeuten hat, „die Sprache der Macht“, wird sie noch ausbuchstabieren müssen.

Macron hingegen hat schon mal vorgemacht, wie man die Sprache der Macht spricht. Ohne falsche Scheu sagt er: Wer souverän sein und über sein Schicksal in Freiheit bestimmen wolle, der müsse auch in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen. Der müsse die richtigen Instrumente haben und den Willen, sie auch einzusetzen. Gelingt das nicht, werde die Europäische Union ein Spielball großer Mächte. Dann verlieren die Europäer ihre Freiheit.

Schwurbeln geht nicht mehr

Wer die klaren Worte Macrons beklagt, sollte sich vorstellen, alle amtierenden Spitzenpolitiker Europas würden so schwafeln wie der deutsche Außenminister Heiko Maas oder so schwurbeln wie die Bundeskanzlerin. Es gab eine Zeit, da war das deutsche Wischiwaschi kein Problem, da fiel es nicht weiter auf. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Schwurbelnd ausweichen geht nicht mehr, seit der US-Präsident Donald Trump heißt, der russische Präsident Wladimir Putin sein Land rücksichtslos zurück auf die Weltbühne manövriert hat und Recep Tayyip Erdoğan sich Territorien in Nordsyrien greift. Das weiß auch die Regierung in Berlin. Und doch will sie es nicht wahrhaben. Sie scheut die Verantwortung.

Europa kann von Glück reden, dass ein Nervtöter wie Emmanuel Macron im Pariser Élysée sitzt. Er sagt, was andere nicht hören wollen. Er ist der Bote einer schweren Zukunft. Aber er will sie bewältigen, nicht erleiden. Allein dafür verdient er Unterstützung.