Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Die Welt ist ohne Führung

Posted by hkarner - 27. August 2019

Date: 26-08-2019
Source: Die Zeit: Eine Kolumne von Mark Schieritz

Der G7-Gipfel zeigt: Der Westen zerfällt.
Wer nicht untergehen will, der muss sich für schlechte Zeiten rüsten.
Vier Überlebenstipps

Zum Glück hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schon vorher festgelegt, dass die Teilnehmer des G7-Gipfels in Biarritz auf eine gemeinsame Abschlusserklärung verzichten werden. Die Liste der Gemeinsamkeiten wäre wohl auch überschaubar geblieben. US-Präsident Donald Trump ist entschlossen, seinen Handelskrieg gegen die Chinesen zu führen; ob ein chaotischer Brexit verhindert werden kann, ist mehr als fraglich, und innerhalb der EU ist umstritten, ob der Handelsvertrag mit dem südamerikanischen Staatenbündnis Mercosur wegen der Waldbrände im Amazonasgebiet nun ratifiziert werden soll oder nicht.

So ist das die Lehre aus dem Treffen an der französischen Atlantikküste: Die Welt ist ohne Führung. Das amerikanische Zeitalter geht zu Ende, das chinesische hat noch nicht begonnen, die Europäer suchen noch nach ihrem Platz in den Trümmern der alten Ordnung. Was bedeutet das für unseren Wohlstand? Und was können wir tun? Vier Überlebenstipps für ein unübersichtliches Terrain:

Erstens: Wer auf weltweite Lösungen für die Probleme unserer Zeit hofft, der hofft wahrscheinlich vergeblich. Es gibt einfach zu viele Länder, die daran überhaupt kein Interesse haben. Das gilt für das Thema Klima ebenso wie für die Themen Steuern oder Bankenregulierung. Die Schlussfolgerung kann aber nicht lauten, einfach nichts mehr zu tun. Dafür ist gerade mit Blick auf das Klima die Sache zu dringend. Vielmehr sollten gemeinschaftliche Anstrengungen von Staaten mit ähnlichen Anliegen – Koalitionen der Willigen – der neue Modus der internationalen Zusammenarbeit werden. Die großen europäischen Volkswirtschaften zusammen kontrollieren beispielsweise einen riesigen Markt, an dem kaum ein weltweit tätiges Unternehmen vorbeikommt. Wenn sie gemeinsame ökologische oder soziale Standards einfordern, dann wird sich der Rest der Welt daran auch halten, um den Marktzugang nicht zu verlieren. Solche Koalition zu schmieden, sollte der neue Leitgedanke der deutschen Außenpolitik werden.

Zweitens: Wenn die Weltwirtschaft einbricht, dann ist ein international abgestimmtes Konjunkturprogramm wie zu Zeiten der Finanzkrise eher unwahrscheinlich. Jedes Land wird selbst dafür sorgen müssen, dass aus dem Abschwung keine schwere Krise mit steigender Arbeitslosigkeit folgt. Der einzige Lichtblick: Deutschland ist in einer vergleichsweise guten Lage. Der Haushalt ist ausgeglichen, die Staatsschulden sinken. Die Bundesregierung könnte es sich leisten, die Konjunktur mit einem kreditfinanzierten Ausgabepaket zu stützen, wenn dies nötig werden sollte. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) sagt bislang, ein solches Programm sei derzeit nicht nötig, weil die Wirtschaft trotz der aktuellen Probleme noch nicht so geschwächt sei. Das mag stimmen, aber das kann sich schnell ändern. Man kann nur hoffen, dass man im Bundesfinanzministerium auf einen solchen Fall vorbereitet ist.

Drittens: Mit steigenden Zinsen ist vorerst nicht zu rechnen. Der beste Beleg dafür: Während man in Frankreich mit schönen Bildern den Mangel an Gestaltungskraft vergessen machen will, mussten die Chefs der großen Notenbanken auf ihrer Jahrestagung in Jackson Hole einräumen, dass auch sie nicht wissen, wann die Niedrigzinsphase zu Ende geht. Die ist nämlich keine verrückte Idee von Mario Draghi, sondern ein strukturelles Merkmal einer Weltwirtschaft, in der zu viel gespart und zu wenig investiert wird und Geld deshalb im Überfluss vorhanden ist. So gesehen hat die Debatte über ein Negativzinsverbot oder Klimaanleihen mit auskömmlichen Zinssätzen allen populistischen Verirrungen zum Trotz einen wahren Kern. Es stellt sich nämlich durchaus die Frage, ob der Schutz von Kleinsparern nicht ein legitimes politisches Ziel ist. Nicht weil es ein Grundrecht auf einen positiven Zins gibt, sondern weil es womöglich im Sinne des gesellschaftlichen Zusammenhalts wünschenswert ist, wenn Menschen mit geringem Einkommen ihr Geld anlegen können, ohne dass es an Wert verliert.

Viertens: Deutschland braucht ein neues Geschäftsmodell. Seit vielen Jahren diskutieren Ökonomen darüber, ob es nun gut oder schlecht ist, dass die Deutschen im Außenhandel gewaltige Überschüsse erwirtschaften und dieses Geld überall auf der Welt anlegen. Die Befürworter sagen: Das ist in einer alternden Gesellschaft sinnvoll, weil dadurch finanzielle Ressourcen angesammelt werden. Die Gegner sagen: Es fehlen die Mittel für Investitionen im eigenen Land. Diese Debatte ist entschieden, nicht politisch, sondern ökonomisch. Donald Trump und seine populistischen Brüder im Geiste werden es schlicht nicht tolerieren, dass der Weltmarkt mit deutschen Waren überschwemmt wird. Es muss also eine stärkere Ausrichtung der Wirtschaft auf den heimischen Markt erfolgen.

 

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