Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Amerikanische Macht ohne Klugheit

Posted by hkarner - 24. Juni 2019

Ana Palacio is former Minister of Foreign Affairs of Spain and former Senior Vice President and General Counsel of the World Bank Group. She is a visiting lecturer at Georgetown University.

MADRID – In der griechischen Mythologie gab es die Prophezeiung, dass Zeus‘ erste Frau Metis, die Göttin der Weisheit, einen Sohn gebären würde, der, ausgestattet mit der listigen Klugheit seiner Mutter und der Macht seines Vaters, den Göttervater letztlich stürzen würde. Um seine Position zu schützen, verschlang Zeus die schwangere Metis. Der vorausgesagte Usurpator in Person seines Sohnes wurde nie geboren, allerdings entsprang eine Tochter, Athene, der Stirn des Zeus.

Die alten Griechen waren fasziniert von den Eigenschaften Metis (listige Klugheit) und Bia (rohe Gewalt). In manchen Fällen huldigten sie Ersterer, verkörpert durch Odysseus, dem sagenhaften Helden in Homers epischem Gedicht Odyssee. In anderen Fällen feierten sie Letztere, wie etwa in Person großer Krieger wie Achilles. Das Ideal allerdings bestand in einer Kombination beider Qualitäten. Das gilt bis heute.In den letzten sieben Jahrzehnten haben die Vereinigten Staaten offenbar erkannt, wie sie das lange Zeit schwer fassbare Gleichgewicht zwischen Metis und Bia herstellen können. Ausgestattet mit reichlich vorhandenen natürlichen Ressourcen, ohne regionale Konkurrenten und größtenteils von Ozeanen umgeben, waren die USA prädestiniert für die Rolle als Weltmacht. Die Behauptung der Position als vorherrschende globale Supermacht wurde jedoch erst durch die facettenreiche, flexible Art des amerikanischen Führungsstils ermöglicht, der militärische, demografische und wirtschaftliche Vorteile mit einer überzeugenden kulturellen Botschaft und kluger Diplomatie verband. Anstatt dem Rest der Welt ihren Willen nur durch Gewalt aufzuzwingen, positionierten sich die USA als systemische Macht – die sich für die Aufrechterhaltung einer umfassenderen Weltordnung einsetzte, die letztendlich allen Interessen diente. Mit Zuckerbrot und Peitsche überzeugten die USA die Länder, dass es für sie besser sei, diese Weltordnung zu unterstützen, als sie abzulehnen. Diese Kombination aus Überzeugungskraft und schierer Stärke – Metis und Bia – bildete das Fundament der globalen Führerschaft der Vereinigten Staaten. Die Regierung unter US-Präsident Donald Trump wirft dieses sorgfältig austarierte System derzeit jedoch über den Haufen. Trump ist weit davon entfernt, jene Überzeugungskraft an den Tag zu legen, die der Titel seines Buchs The Art of the Deal vielleicht nahelegt. Vielmehr versucht er, ausschließlich durch pure Machtausübung, seine Agenda des „America First” dem Rest der Welt aufzuzwingen.Trumps Vorliebe für Machtausübung lässt sich an einer Fülle von Beispielen belegen. Sie ist in dem auf europäische Länder ausgeübten Druck erkennbar, nicht nur mehr Geld für ihre Verteidigung auszugeben, um ihren NATO-Verpflichtungen nachzukommen – eine berechtigte Forderung – sondern auch daran, dass sie diese Ausgaben weiterhin für in den USA hergestellte Waffensysteme verwenden müssen. Ebenso sichtbar wird diese Vorliebe in seinen Kriegsdrohungen gegen Amerikas vermeintliche Feinde.  Um die Zusammenziehung militärischer Kräfte in der Region zu rechtfertigen, ließ die Trump-Administration jüngst die Kriegstrommeln gegen den Iran ertönen und bediente sich dazu undurchsichtiger Informationen über mysteriöse Explosionen, die seit Mai sechs kommerzielle Tanker im Golf von Oman lahmlegten.

Trumps Tendenz, statt auf Grips auf Muskelspiele zu setzen, zeigt sich auch in der eifrigen Anwendung wirtschaftlicher Instrumente – nämlich Sanktionen und Zölle – um den politischen Interessen der USA zum Durchbruch zu verhelfen. Der eskalierende Handelsstreit mit China hat Schlagzeilen geschrieben. Besonders bezeichnend war jedoch Trumps jüngste Drohung, überbordend hohe Zölle auf Einfuhren aus Mexiko zu verhängen, wenn die Regierung des Landes die Migration in die USA über ihre nördliche Grenze nicht einbremst. „Zölle”, so brüstete sich Trump kürzlich, „sind eine schöne Sache, wenn du das Sparschwein bist, wenn dir das ganze Geld gehört.“

Und doch sind die Lehren aus der Geschichte klar: wenn sich die USA der Gewalt zuwenden und Überzeugungsversuche meiden, untergraben sie damit ihre eigene Autorität – und fordern die Katastrophe heraus. Genau das passierte im Jahr 1950, als General Douglas MacArthur, nach der Vertreibung nordkoreanischer Kräfte aus dem Süden, unbedacht nach Norden marschierte, wo seine Streitkräfte und ihre Verbündeten auf chinesische Truppen trafen – und von diesen überrannt wurden. Es passierte auch 1964, als die USA die Angriffe nordvietnamesischer Torpedoboote auf amerikanische Zerstörer im Golf von Tonkin als Vorwand für die Verabschiedung einer Resolution des Kongresses benutzten, die es Präsident Lyndon B. Johnson und später Präsident Richard M. Nixon ermöglichte, das militärische Engagement der USA im Vietnam-Krieg auszuweiten. (Die Parallelen zur aktuellen Situation im Golf von Oman sind, gelinde gesagt, besorgniserregend.)  Einen ähnlichen Fehler begingen die USA in den 2000er Jahren während des Krieges gegen den Terror, im Rahmen dessen man sich auf massive Gewalt verlegte und das von so vielen amerikanischen Diplomaten bevorzugte strategische Raffinement vermissen ließ, wodurch man in einem ohnehin fragilen Nahen Osten noch weiter für Instabilität sorgte. Freilich leidet die Führerschaft der USA auch, wenn das Pendel zu weit in die Gegenrichtung ausschlägt. Trumps Vorgänger Barack Obama verließ sich in so hohem Maße auf sanfte Überzeugungsarbeit, dass die USA einen großen Teil ihrer Glaubwürdigkeit als Garant für globale Stabilität einbüßten. Dies trug dazu bei, die Voraussetzungen für die heutige Unordnung zu schaffen.Ob im antiken Griechenland oder in der modernen Welt: sich ausschließlich auf Metis oder Bia zu stützen, zeigt nur begrenzte Wirksamkeit. Letztlich kann listige Klugheit antizipiert und bekämpft werden und Macht kann allmählich schwinden oder im Falle einer fundamentalen Schwäche rasch zerstört werden. Derzeit verfügen die USA noch über genügend Macht, um die Länder zu zwingen, sich ihrem Willen zu beugen. Aber die Welt arbeitet bereits daran, das zu ändern. Man wendet sich zunehmend von in Dollar denominierten Transaktionen ab. Die Europäische Zentralbank forciert den Einsatz des Euro auf internationaler Ebene, während China Devisenswap-Vereinbarungen unterzeichnet, um den Renminbi zu fördern.Die letzten Jahrzehnte amerikanischer Macht waren insgesamt vorteilhaft für die Welt. Was als nächstes kommt, ist möglicherweise nicht so harmlos oder produktiv. Um ihre Macht zu bewahren und aufrechtzuerhalten – und den globalen Frieden und Wohlstand zu fördern – müssen sich die USA auf einem schmalen Grat zwischen Klugheit und Gewalt bewegen. Und Trump ist nicht gerade dafür bekannt, die Balance zu wahren. Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

 

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