Europäische Privatkundenbanken erholen sich nach wie vor nur langsam von der Krise. Die wenigsten konnten neue Einnahmequellen erschließen oder ihre Kosteneffizienz verbessern. Das geht aus dem neuen Retail Banking Radar der Unternehmensberatung A.T. Kearney hervor, für den die Entwicklung von knapp 100 Privatkundenbanken und Bankengruppen in 24 west- und osteuropäischen Ländern ausgewertet wurde. Österreichische Banken konnten ihren Ertrag zwar steigern, doch die bisherigen Anstrengungen reichen nicht: Sowohl beim digitalen Umbau als auch auf der Kostenseite sind größere Schritte gefragt, um zu den führenden Banken Europas aufzuschließen.

Retail Banking in Österreich

„Österreichische Retailbanken haben im europäischen Vergleich eine Verbesserung im letzten Jahr gesehen. Ihre Performance liegt aber immer noch unter dem europäischen Durchschnitt“, berichtet Daniela Chikova, Partnerin bei A.T. Kearney und Co-Autorin der Studie. Die Profitabilität pro Kunde konnte ein Plus im Vergleich zum Vorjahr verzeichnen. Die Gründe dafür liegen vor allem an weiter sinkenden Risikokosten. Zudem konnte der Ertrag pro Kunde, der in der westeuropäischen Gesamtheit stagniert, um 4 Prozent gesteigert werden. Dennoch bleibt der Ertrag mit weniger als 600 Euro pro Kunde unter dem europäischen Durchschnitt von 644 Euro.

Noch deutlicher gestiegen ist der Ertrag pro Mitarbeiter. Die Studienautoren führen das auf sinkende Personalkosten zurück, vor allem durch Personalabbau. Auch die Zinsabhängigkeit ist in Österreich auf dem tiefsten Stand seit 2007 und beträgt nur noch 63 Prozent des Gesamtertrags. Die anhaltend niedrigen Zinsen führen zu einem Umdenken auf Konsumentenseite und stärken die Nachfrage nach Veranlagung und Vorsorge. Entsprechend verzeichnen Retailbanken steigende Erträge aus Provisionsgeschäften im Bereich Wertpapier sowie Versicherung und Altersvorsorge. Westeuropa zeigt mit 72 Prozent im Durchschnitt eine deutlich höhere Abhängigkeit von Zinserträgen.
Doch es gibt nicht nur Positives zu berichten: Trotz Sparprogrammen ist auf Kostenseite kaum eine Verbesserung spürbar. Die Österreichische Cost-to-Income-Ratio liegt bei etwa 71 Prozent. Das ist zwar etwas niedriger als in den vergangenen Jahren, aber dennoch weit über dem Europadurchschnitt von rund 60 Prozent und der Best Practice in Spanien und den nordischen Ländern von unter 50 Prozent. „Andere europäische Länder und Banken wirtschaften deutlich profitabler“, betont Chikova. „Es ist noch ein signifikanter Effizienzsprung im österreichischen Retailbanken-Sektor notwendig.“
Zusätzlich stehen die österreichischen Privatkundenbanken durch sich verändernde Kundenbedürfnisse, neue Wettbewerber, steigende regulatorische Anforderungen und ein herausforderndes makroökonomisches Umfeld (insbesondere in Osteuropa) unter Druck.
Digitale und mobile Zukunftsfelder versprechen Aufschwung
Chikova betont: „Ein Umsteuern ist dringend erforderlich. Der Umbau im Retail Banking gewinnt in Europa bereits an Geschwindigkeit. Beispielhaft seien Mobile Banking Angebote genannt. Österreich droht hier den Anschluss zu verlieren“. Um wieder vorne mitzuspielen ist eine Kombination aus Innovation und radikaler Vereinfachung in einem onlineorientierten Retail-Banking notwendig. Die Experten von A.T. Kearney empfehlen eine Doppelstrategie:
  • Orientierung an den Besten: Österreichische Banken müssen ihre Position in Europa weiter verbessern, indem sie sich in den Zukunftsfeldern Digitales Bezahlen, Mobile Banking, Online Investing und Instant Lending stärken
  • Effizienzsprung: Um auf der Kostenseite wieder aufzuholen, sind eine Angebotsvereinfachung, volldigitale Verarbeitung und ein Umbau vom Filial- zum onlinebasierten Vertriebsmodell von Nöten
Performance der Banken in Europa regional sehr unterschiedlich
In der Studie sind starke Unterschiede nach Regionen festzustellen. In Skandinavien und in der Schweiz sind die Banken europaweit am profitabelsten. In der Schweiz erzielen sie 382 Euro dank höherer Preise und fortlaufender Innovation, während die Banken in Skandinavien ihre Kosten durch Digitalisierung senken. In Südeuropa stellt sich die Situation anders dar. Die Nachwirkungen der Rezession zehren an den Gewinnen, auch wenn eine gewisse Verbesserung zu beobachten ist. In Westeuropa gehen die Performance-Zahlen weiter auseinander. In Deutschland und Großbritannien gibt es ähnlich klare Anzeichen einer Verbesserung wie in Österreich. Dort herrscht eine starke Konjunktur bei geringer Arbeitslosigkeit, wohingegen sich andere Märkte wie beispielsweise Frankreich abwärts bewegen. In allen Märkten bleibt aber die Herausforderung, die Geschäftsmodelle für das digitale Zeitalter zu transformieren. Auch innerhalb von Mittel- und Osteuropa ergibt sich ein gemischtes Bild. Es gibt starke Unterschiede zwischen polnischen sowie mitteleuropäischen Banken auf der einen Seite, die ihre Stärke durch eine niedrige Kosten/Ertrags-Quote gewahrt haben, und den Banken in Südosteuropa auf der anderen Seite, die immer noch mit einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld kämpfen.
Vier Grundstrategien, um auf Herausforderungen zu reagieren
Je nach Geschwindigkeit des Konjunkturaufschwungs und der Finanzstärke der einzelnen Banken werden die europäischen Retail-Banken 2015 eine leichte Erholung verzeichnen: Die Zinsmarge dürfte langsam steigen und zu höheren Erträgen führen. Die Rückstellungen werden angesichts der Stabilisierung des Arbeitsmarktes etwas zurückgehen. Und die Kosten/Ertrags-Quoten werden dank der Restrukturierungsmaßnahmen schrumpfen. Wegen des schleppenden Ertragswachstums und der laufenden Investitionen in neue Geschäftsmodelle werden die Institute jedoch auf lange Zeit nicht mehr so rentabel arbeiten können wie vor der Krise.
In den kommenden zwölf Monaten drohen weitere Gefahren, mit denen sich die Banken auseinandersetzen müssen. Deshalb empfiehlt A.T. Kearney vier Grundstrategien, die Banken kurzfristig verfolgen sollten, um auf die genannten Herausforderungen zu reagieren:
  • Das Geschäfts-Modell für das kommende digitale Zeitalter neu definieren und fit machen
  • Neue Einnahmequellen und Chancen zur Ertragssteigerung suchen
  • Das Betriebsmodell auf den Prüfstand stellen
  • M&A-Chancen beim Comeback nach der Krise im Auge behalten