Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Neue Finanzwelt 2018: Zwischen Kryptocrash und Challenger-Banken

Posted by hkarner - 2. Januar 2019

Dank an R.K.

Wahlweise findet man für einen Jahresrückblick über den deutschen Finanzsektor gute und schlechte Nachrichten. Unbestritten ist, dass 2018 für große börsennotierte Banken kein einfaches Jahr war. Schaut man auf die Marktwerte von Deutscher Bank oder Commerzbank, dann stehen sie so schlecht da wie zu Zeiten der Finanzkrise. Mit Blick auf die deutlich freundlichere Lage spanischer, französischer, schweizerischer oder gar der US-Banken taugen die üblichen Erklärungen Niedrigzinsphase, Regulierung und nun auch schwächelnde Konjunktur nicht besonders für die Ursachenforschung. Ein Ende des “Aktiendebakels” (Finanz-Szene) der Deutschen Bank ist nicht erkennbar. Als Zeitenwende wird die Ablösung der Commerzbank durch die technologisch orientierte Wirecard Bank im prominentesten deutschen Aktienindex, dem DAX, angesehen.

Während viele Banken in Deutschland weiter nach einem Weg aus dem langen Finanzwinter suchen, verweisen viele Beobachter auf die Agilität der jungen Finanz-Technologie-Unternehmen (Fintechs) und der vielen Ideen, die dort in den letzten Jahren entstanden sind. Tatsächlich ist die Entwicklung faszinierend. Die Zahl der entstehenden Prototypen für neue Finanzdienste ist kaum noch zu überblicken. Die Bereitschaft, ständig neue Produkte am Markt zu testen, ist ungebrochen hoch.

Wer die Digitalisierung kleinreden möchte, der findet ebenfalls Bestätigung im abgelaufenen Jahr. Denn trotz vieler spannender Aktivitäten sind auch 2018 die großen und seit Jahren erwarteten Erfolgsstories der Fintechs ausgeblieben. Ihre Gesamtzahl ist nach Zählung der FAZ im laufenden Jahr netto nur noch um zwei Unternehmen in Deutschland im Vergleich zu 2017 gewachsen. Viele Anwendungsfelder bleiben deutlich hinter den Erwartungen zurück. So bewegen sich die Roboter, die die Anlageberatung für das Massengeschäft durchführen sollen (Robo-Adivsor), weiter an unterhalb der der Relevanzgrenze. Einstige Vorzeigeunternehmen wie Kreditech (2015 noch zum Fintech des Jahres gekürt) sollen in schwere Fahrwasser geraten sein. Einige Anbieter insbesondere im P2P-Payment Bereich (Geld senden und empfangen per Smartphone ohne Eingabe der Kontonummer) haben den Markt verlassen.

Die Kryptoblase der Jahreswende 2017/18 ist geplatzt. Von einem gesamten Marktwert von über 820 Milliarden Dollar ging es zuletzt auf unter 100 Milliarden Dollar zurück (siehe aktuell coinmarketcap). Aus dem Finanzierungsinstrument Initial Coin Offering (ICO) ist die Luft zumindest vorläufig raus. Die Fans der Kryptowährungen glauben dagegen unverdrossen an den sofortigen Wiederaufstieg. Während sich viele Banken in ihrer Skepsis gegenüber den Kryptoassets bestätigt fühlen können, arbeitet die Tech-Branche selbst beharrlich weiter an einer professionellen Marktorganisation und bereitet den Weg, Großanlegern die neu Anlageklasse zu erschließen.

Ungebrochener Optimismus in der Kryptoszene

Trotz des Dämpfers sollte nicht vergessen werden, dass Krypto-Assets und ICOs nur als einer von vielen Anwendungsbereichen für die Blockchain-Technologie gilt. Diese neue Technologie bedarf einer gewissen Reifezeit. In den Werkstätten von Industrie, Finanzdienstleistern, Behörden und Startups wird fleißig an Prototypen gearbeitet. Und selbst das Thema Kryptowährungen erhält Rückenwind. Mittlerweile wünschen sich erste Fachleute aus der Finanzbranche eine neue Generation von Kryptowährungen, nämlich sogenannte Stablecoins, die nicht im Wert schwanken und für die eine Zentralbank jederzeit den Umtausch in Euro oder Dollar garantiert.

Ein weiterer Teil des Optimismus der Kryptoszene baut auf den technischen Fortschritt beim “Internet der Dinge” (= Internet of Things = IoT). Auch in Deutschland arbeiten mittlerweile zahlreiche Konsortien an der industriellen Kommunikation zwischen Maschinen und an Smart City-Konzepten, wie etwa das von der EU geförderte +CityxChange-Projekt. Bisher sind in diesen Konsortien allerdings kaum Banken zu finden. Die Branche muss aufpassen, dass sie den möglichen Trend machine-to-machine-Payment nicht verpasst. Schließlich hat sie im Online-Payment und beim mobilen Bezahlen schon Hoheitsanteile an PayPal, Google, Apple, Amazon und Co. abgeben müssen.

Dennoch kann keine Rede davon sein, dass die klassische Finanzbranche die Digitalisierung verschläft. Für Banken in Deutschland ist das Thema schon längst in der Chefetage angekommen. Digitalisierung bedeutet dort aber vor allem auch Kostensenkung. Dazu digitalisiert man Prozesse im Backoffice und passt traditionelle Produkte an das digitale Zeitalter an. Banken zögern aber bei der Erschließung neuer Technologien und Geschäftsfelder, wenn sich deren Erfolg nur schwer kalkulieren lässt. Das evolutionäre Ausprobieren gehört nicht zur DNA der Finanzhäuser..

Zu einem der strategischen Narrative gehört in 2018 aber das Plattform-Banking, ein Prinzip, das man sich von der großen Internet-Plattformanbietern wie Amazon und Co. abschauen möchte. Das Baukastenprinzip wird jedenfalls derzeit salonfähig in der Finanzbranche. Wie in einem Appstore sollen Kunden Produkte und Services auch von Drittanbietern für ihre Finanzgeschäfte auswählen können. Und wer selbst keine Plattform sein kann, soll die eigenen Produkte unkompliziertüber Plattformen anderer Anbieteranbieteb. Die Herausforderung liegt also darin, neue Produkte API-Ready zu entwickeln, also Leistungen über Programmierschnittstellen (API) Dritten anbieten zu können, wie etwa ein Ratenkaufangebot in einem Onlineshop.

Als Vorbilder beim Plattform-Banking gelten die sogenannten „Challenger Banken“. Während die meisten Fintechs mittlerweile auf Kooperationskurs gegangen sind, fordern die auch Neobanken genannten Startups die Finanzbranche in ihrem Massengeschäft ernsthaft heraus. In der Poleposition liefern sich hier das deutsche Unternehmen N26 und das in London sitzende Revolut ein spannendes Rennen und erweitern stetig ihr Smartphone-Konto um neue Dienstleistungen. Revolut schabte zwar knapp an einer Blamage vorbei, weil die schon zur Mitte des Jahres erwarteten Banklizenzen erst im Dezember unter Auflagen eintrudelten. Gleichwohl strotz das Unternehmen, das mittlerweile nach eigenen Angaben drei Millionen Kunden gewonnen hat, vor Selbstvertrauen. Das dürfte weiter gestärkt werden, wenn Revolut tatsächlich die kolportierten 500 Mio. US Dollar für eine Beteiligung von der japanischen Softbank erhält. Das sorgt in den Chefetagen der Finanzbranche genauso für Aufmerksamkeit wie die Beteiligung der Allianz und des chinesischen Technologiekonzern Tencent an N26 im Frühjahr diesen Jahres. Und während Sparkassen und Banken sich hierzulande auf den Heimatmarkt fokussieren, expandieren N26 und Revolut in Hochgeschwindigkeit in immer mehr Länder in und bald auch außerhalb Europas.

Mobiles Bezahlen auf dem Vormarsch

2018 könnte auch einmal als das Jahr bezeichnet werden, in dem der Durchbruch des mobilen Bezahlens in Deutschland begonnen hat. Endlich haben nämlich die US-Technologieunternehmen ihre lang erwarteten Zahlungsverfahren “Google Pay” und “Apple Pay” auf die Smartphones in Deutschland gebracht. Kaum jemand zweifelt daran, dass sie hier eine Erfolgsstory mit Blick auf die Marktakzeptanz schreiben werden.

Ebenfalls 2018 wagten sich die chinesischen „Fledermäuse“ (BAT genannt) in Europa ans Licht. Hinter dem Akronym BAT verbergen sich die asiatischen Technologiekonzerne Baidu, Ant Financial und Tencent Technology. Diese Unternehmen haben sich in Asien längst zu führenden Mitspielern am Markt für Finanzdienstleistungen entwickelt. Sie erweitern beharrlich ihren Radar und kooperieren mit internationalen Unternehmen und akquirieren Beteiligungen. Neben der oben erwähnten Beteiligung an N26 hat sich der vom chinesischen Versicherer Ping An aufgelegte “Global Voyager Fund” am Berliner Company-Builder Finleap beteiligt. Finleap entwickelt vor allem Startups für die Finanz- und Versicherungsbranche und hat beispielsweise die Solarisbank und den Versicherungsmakler Clark aufgebaut.

Viele weitere Entwicklungen und herausragender Ereignisse dieses Finanzjahres hätten hier noch eine Würdigung verdient. Aber es ist Zeit zum Jahresende, an wichtigere Dinge zu denken. In diesem Sinne wünsche ich den Lesern dieser Kolumne mit ihren Freunden und Angehörigen einen guten Rutsch in das neue J

Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.

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