Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Die hohen Kosten eines Finanzzentrums

Posted by hkarner - 21. Oktober 2018

Howard Davies, the first chairman of the United Kingdom’s Financial Services Authority (1997-2003), is Chairman of the Royal Bank of Scotland. He was Director of the London School of Economics (2003-11) and served as Deputy Governor of the Bank of England and Director-General of the Confederation of British Industry.

LONDON – Während die Brexit-Verhandlungen Großbritanniens weiterholpern, nutzen andere europäische Länder die Zeit der Ungewissheit hinsichtlich der künftigen Finanzmarkt-Regulierung, um Firmen und Aktivitäten aus London in konkurrierende Finanzzentren zu locken. Die Franzosen unterstützen Paris besonders aktiv, aber Frankfurt liegt, trotz halbherziger Unterstützung der Regierung in Berlin, nicht weit zurück. Und auch andere Städte wie Luxemburg, Dublin und Amsterdam haben ihre roten Teppiche ausgerollt. So beliebt waren Banker schon seit einem Jahrzehnt oder noch länger nicht.  

Aber sollten andere Städte London nachahmen und zu einem globalen Finanzzentrum werden wollen? Ist man sich in diesen Städten bewusst, was gut für sie und ihre jeweiligen Volkswirtschaften ist?

Die weltweite Finanzkrise des Jahres 2008 hat zu einem Umdenken hinsichtlich der diesbezüglichen Vor- und Nachteile geführt. Definitiv von Vorteil ist ein bedeutendes Finanzzentrum im eigenen Land für Porsche-Händler, angesagte Champagner-Bars und Nachtclubs. Von mancher Seite wird allerdings argumentiert, dass die Nachteile im Hinblick auf die Auswirkungen auf die übrige Wirtschaft zu schwerwiegend sind, um sie außer Acht zu lassen.

Andy Haldane, Chefvolkswirt der Bank of England, bezeichnet zumindest Teile der Bankenbranche als „Schadstoffe“. Das „systemische Risiko”, so Haldane, „ist ein schädliches Abfallprodukt”, von dem „Gefahr für arglose Unbeteiligte in der Wirtschaft ausgeht.“  Einige Länder, darunter das Vereinigte Königreich, tragen weiterhin „die sozialen Kosten, die Bankenkrisen für die Allgemeinheit bringen.“

Andererseits könnte man auch argumentieren, dass die Regulierungsreformen, insbesondere die vom Basler Ausschuss für Bankenaufsicht eingeführten weit höheren Kapitalanforderungen für systemisch bedeutsame Banken, dieses Risiko der sozialen Kosten erheblich gesenkt haben. Aus Forschungsarbeiten geht hervor, dass so genannte Kernkapitalquoten von über 13 Prozent die Gefahr von Bankzusammenbrüchen drastisch verringern. Es ist nicht möglich, dass Risiko auf null zu senken, aber die von Aufsichtsbehörden durchgeführten Stresstests zeigen, dass die meisten Großbanken überaus extreme wirtschaftliche Schocks überleben können.  Die Modelle der Bank of England simulieren eine Kontraktion des BIP im Ausmaß von 4,7 Prozent und einen Rückgang der Immobilienpreise um 33 Prozent und bislang haben die Banken überlebt.

Andere Untersuchungen weisen allerdings auf andere nachteilige Auswirkungen hin, die sich aus der Existenz eines riesengroßen Finanzsektors in einem Land ergeben. So argumentieren beispielsweise Stephen Cecchetti und Enisse Kharroubi von der Bank für den Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), dass ein übermäßig umfangreicher Finanzsektor Produktivität und Wachstum beeinträchtigt.

Ein Grund dafür besteht in einer verzerrten Kompetenzallokation. Der Finanzsektor, auf dem typischerweise höhere Gehälter als in den meisten anderen Bereichen bezahlt werden, zieht knapp vorhandene hochqualifizierte Arbeitskräfte aus anderen Wirtschaftsbereichen ab, wo diese mehr zur Produktivität beitragen könnten. In meiner Zeit als Direktor der London School of Economics, erstaunte mich die Tatsache, dass in manchen Jahren über 30 Prozent der Absolventen einen Job im Finanzwesen annahmen, obwohl diese Universität ja nicht nur finanz- und wirtschaftswissenschaftliche, sondern auch eine breite Palette an sozial- und geistwissenschaftlichen Studien  anbietet.  Zahlreiche Absolventen technischer Studienrichtungen am Imperial College in London wurden von Investmentbanken verführt, wo man ihnen – nicht für die Konstruktion von Brücken oder Werkzeugmaschinen – sondern für die Erfindung raffinierter Finanzstrukturen extravagante Gehälter bezahlte.

Ein zweiter negativer Effekt ergibt sich laut Cecchetti und Kharroubi daraus, dass Banken lieber die mit Sicherheiten ausgestatteten Investitionen in Immobilien finanzieren, als die weniger einfach zu bewertenden Investitionen in technologiebasierte Unternehmen.  Die Berechnungen der beiden Ökonomen deuten darauf hin, dass ein hohes Maß an Finanzialisierung der Wirtschaft – ein bedeutend höheres Maß als dies in Großbritannien in den letzten Jahren dar Fall war – das Wachstum beeinträchtigen könnte.

Andere Untersuchungen legen nahe, dass die negativen Auswirkungen spürbar werden, wenn die Kreditvergabe an den Privatsektor einen Wert von 80 bis 100 Prozent des BIP übersteigt.  Während der Finanzkrise lag dieser Wert in Großbritannien bei etwa 180 Prozent und er blieb auch einige Zeit über 100 Prozent. Und andere wiederum argumentieren, dass ein umfangreicher Finanzsektor den Wechselkurs stützen könnte und damit andere Exporte weniger wettbewerbsfähig werden.

In umstritteneren, kürzlich von der Universität Sheffield veröffentlichten Forschungsarbeiten geht man noch einen Schritt weiter und versucht die wirtschaftlichen Kosten zu abzuschätzen, die Großbritannien als Folge seiner Spezialisierung im Finanzwesen zu tragen hat. Für den Zeitraum von 1995 bis 2015 gelangen die Autoren zu einer Summe von 4,5 Billionen Pfund (5,1 Billionen Euro) – dieser Wert entspricht zwei Mal dem BIP auf dem Niveau des Jahres 2018.

Wenn diese Berechnungen stimmen, sollten wir die Banker in einen eigens angemieteten Eurostar-Zug nach Paris verfrachten und ihn speziell verriegeln, damit sie nicht schon vor dem Eurotunnel abspringen. Die Lombard Street an den Boulevard Haussmann zu verlegen, könnte wirksamer sein als alle anderen Versuche, die wir Engländer im Laufe der Jahrhunderte unternahmen, unseren nächsten Nachbarn Schaden zuzufügen.

Doch wie stichhaltig sind diese Berechnungen? Das Argument, wonach es sich mit dem Finanzwesen wie mit Luxusgütern verhält und man zu viel des Guten davon haben könnte, klingt durchaus plausibel. Hinsichtlich der angeblichen Auswirkungen auf das Wachstum geht man allerdings davon aus, dass sich die im Finanzsektor abgebauten qualifizierten Arbeitskräfte in anderen Bereichen der Wirtschaft um Jobs umsehen und nicht ihren Arbeitsplätzen im Finanzwesen folgen. Es besteht keine Garantie, dass diese Entwicklung so eintritt oder dass Arbeitsplatzverluste aufgrund von Verlagerungen des Finanzsektors durch Wachstum in anderen Bereichen ausgeglichen werden. Die britische Industrieproduktion schneidet nicht wegen des Finanzsektors unterdurchschnittlich ab, sondern, unter anderem, aufgrund schlechten Managements und schlechter Beziehungen zwischen den Tarifpartnern.

Es sieht jedoch so aus, als wäre das Vereinigte Königreich drauf und dran, sich einem realen Experiment zu unterziehen, im Rahmen dessen diese Theorien auf den Prüfstand gestellt werden.  Kommt es zu keinem überraschenden Durchbruch bei den Brexit-Verhandlungen, der ein künftiges Freihandelsregime sowohl für Waren als auch für Dienstleistungen vorsieht, wird es im Laufe der Zeit zu einer erheblichen Verlagerung von Finanzaktivitäten auf den Kontinent und nach Irland kommen. Wenn das eintritt, müssen wir hoffen dass die in London während seiner Glanzzeit verlachten Ökonomen von der BIZ nicht ganz falsch liegen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

 

 

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