Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Schwieriger Abschied vom Fetisch Wachstum

Posted by hkarner - 29. Juli 2017

Nora Laufer, 29. Juli 2017, 14:00 derstandard.at

Immer mehr Österreichern ist Umweltschutz wichtiger als Wachstum. Beim Konsum ist von Nachhaltigkeit aber wenig zu spüren, sagen Ökonomen

Wien – Der Glaube, dass Wirtschaftswachstum zu einem guten Leben führt, nimmt in Österreich ab. Während 2011 noch über 56 Prozent der Österreicher angaben, dass Wachstum für ein gutes Leben verantwortlich sei, hat 2015 weniger als die Hälfte der Bevölkerung die Frage mit Ja beantwortet. Diese Daten gehen aus einer Studie der Statistik Austria hervor, die alle fünf Jahre die Einstellung der Österreicher zu Umwelt- und Wirtschaftsthemen erhebt. An der Umfrage haben rund 14.000 Personen teilgenommen. Vor allem Pensionisten über 70 Jahre und Arbeiter setzen gutes Leben mit Wirtschaftswachstum gleich. Wesentlich geringer ist die Zahl bei Selbstständigen: Nur knapp ein Drittel glaubt, dass Wachstum wichtig ist, damit es den Menschen gutgeht. Nach Bundesländern zeigt sich ein Ost-West-Gefälle: Die höchste Zustimmung gibt es im Burgenland (65 Prozent) und die geringste in Salzburg (45 Prozent) und Tirol (47 Prozent). Für Menschen mit Pflichtschulabschluss ist Wachstum besonders wichtig (65 Prozent), jene mit Universitätsabschluss bilden in dem Punkt das Schlusslicht (33 Prozent).

Nachhaltigkeit als Konfliktpunkt

Während sich die Einstellung der Bevölkerung anscheinend von der Wachstumsidee wegbewegt, wollte die österreichische Regierung einen anderen Weg einschlagen: Durch eine Gesetzesänderung sollte Wirtschaftswachstum in der Verfassung verankert werden. Bis zu den Wahlen wurde die Umsetzung jedoch auf Eis gelegt. Die geplante Änderung hat – wie der STANDARD berichtete – vor allem unter Juristen und Wissenschaftern für viel Empörung gesorgt. Die Heftigkeit der Reaktionen habe gezeigt, dass das Thema Nachhaltigkeit „ein wichtiger gesellschaftlicher Konfliktpunkt“ sei, sagt Fred Luks, Leiter des Zentrums für Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien. Während das Wachstum für Österreicher also eine weniger wichtige Rolle spielt als noch vor einigen Jahren, wächst das Nachhaltigkeitsbewusstsein, wie die Studie der Statistik Austria zeigt.

Überzeugung versus Konsum

Demgegenüber sieht Ökonom Luks aber eine Diskrepanz zwischen Überzeugung und Konsumverhalten. Wächst die Wirtschaft, wollen Menschen auch mehr verdienen – und konsumieren mehr. Tatsächlich sind die privaten Konsumausgaben in Österreich zuletzt deutlich angestiegen. Wenn sie können, geben die Menschen also mehr für Computer und Fernseher aus. „Wachstum war lange ein Substitut für Verteilungskämpfe. Dadurch, dass der Kuchen wächst, muss man sich nicht über die Größe der Kuchenstücke streiten“, erklärt Luks. Neben der Bevölkerung würden auch Politiker ein widersprüchliches Verhalten in Nachhaltigkeitsfragen an den Tag legen: „Sobald die Konjunktur anzieht, freuen sich alle. Wenn man bedenkt, dass Wachstum auch ein Treiber von Umweltbelastungen ist, verhält sich das gegenüber den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen durchaus paradox“, sagt Luks. Er kritisiert, dass viele Politiker davon ausgehen, dass Wachstum durch Technologie ausgehebelt werden könnte.

Rahmen nötig

Gerade die Politik sei für nachhaltiges Wachstum besonders wichtig: „Der Markt wird sich nicht selber nachhaltig entwickeln, dafür braucht es auch Rahmensetzungen“, argumentiert Luks. Ein Beispiel solcher Reglementierungen ist das Verkaufsverbot von Diesel- und Benzinautos ab 2040, das Großbritannien diese Woche angekündigt hat. Österreich will wie berichtet nicht mitziehen, die Regierung setzt auf freiwilliges Mitmachen. Auch für den Ökonomen Mathias Moser spielt BIP-Wachstum in der Politik eine zu große Rolle: „Der Mindestlohn wird zum Beispiel noch stark aus der Wachstumsperspektive argumentiert, statt aus der gesellschaftlichen“, sagt Moser. Das BIP als einziger Wohlstandsindikator sei nicht ausreichend, eine vielseitigere Messung wäre seiner Meinung nach für politische Entscheidungen aussagekräftiger. Er erklärt, dass das BIP Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Phänomenen nicht ausreichend erfassen würde.

Glück und Wachstum

In der Vergangenheit gab es bereits einige Versuche, Wohlstand nicht nur am BIP-Wachstum zu messen, sondern Bereiche wie Gesundheit, Bildung und Zufriedenheit heranzuziehen. Zuletzt wurde im Rahmen des Weltwirtschaftsforums im Jänner ein solcher Index vorgestellt. Da Wohlstand in verschiedenen Ländern unterschiedliche Bedeutungen hat, glaubt Moser nicht, dass ein einzelner Maßstab zur Wohlstandserfassung sinnvoll ist. Am Anfang müsse jedenfalls ein gesellschaftliches Umdenken stehen, sagt Moser: „Wenn ein Wachstumsmantra vorherrscht, ist es schwierig, andere Maßstäbe einzubringen.“ (Nora Laufer, 29.7.2017) – derstandard.at/2000061960853/Schwieriger-Abschied-vom-Fetisch-Wachstum

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