Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Die unheimliche Stärke des Euro

Posted by hkarner - 26. Juli 2017

Von Frank Stocker | Stand: 09:10 Uhr | 26/7, welt.de

Der Euro scheint auf einem unbeirrbaren Höhenflug. All jene, die ihre Ferien außerhalb der Euro-Zone verbringen, dürfen sich jetzt freuen. Experten fürchten jedoch, dass der starke Euro dem Wachstum in Europa schadet.
Seit Wochen steigt der Wert des Euro. Das mag manchen Urlauber freuen. Doch geht dies so weiter, könnte die EZB schon bald zu einer Reaktion gezwungen werden, die Sparer heftig treffen wird.
Es kommt rechtzeitig zur Urlaubssaison. Ein kleines Geschenk, zumindest für all jene, die ihre Ferien außerhalb der Euro-Zone verbringen. Denn der Wert des Euro ist in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen. Im Verhältnis zur US-Währung erreichte er am Dienstag mit knapp 1,17 den höchsten Stand seit Anfang 2015 und ist über zehn Cent teurer als noch im April.

Es kommt aber auch passend zu einem Jubiläum. Denn exakt vor fünf Jahren, am 26. Juli 2012 erklärte EZB-Präsident Mario Draghi vor Londoner Bankern, dass er „alles Notwenige“ (“whatever it takes“) tun werde, um den Euro zu erhalten. Das wirkte damals umgehend.

Doch ob Draghi den jüngsten Kursanstieg des Euro für ein passendes Jubiläumsgeschenk hält, ist mehr als fraglich. Denn mittelfristig kostet das Deutschland und Europa Wachstum und bringt die EZB in die Bredouille. Am Ende könnte sie dadurch reagieren, dass sie die Zinsnormalisierung noch weiter aufschiebt – und damit die Zinsflaute auf den Sparkonten noch länger anhält.

Dabei ist der Grund für die Entwicklung am Devisenmarkt zunächst einmal ein erfreulicher. „Die Erholung des Euro resultiert aus der ökonomischen und politischen Stabilisierung der Euro-Zone“, sagt Alwin Schenk, Portfoliomanager bei Sal. Oppenheim. Denn die Euro-Krise scheint inzwischen Geschichte, und die Wirtschaft in ganz Europa läuft wieder auf Hochtouren.

IWF sieht stärkeres Wachstum in Europa

Jüngstes Zeichen dafür war der erneut gestiegene Ifo-Index, der am Dienstag veröffentlicht wurde. Er misst die Stimmung der deutschen Wirtschaft, und obwohl die meisten Beobachter davon ausgegangen waren, dass sich diese zuletzt ein wenig eingetrübt hat, wurde nun ein neuer Rekordwert erreicht.

Aber auch andere Regionen der Euro-Zone holen auf. Die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) haben erst am Montag die Wachstumsprognosen für diverse Euro-Länder erhöht, vor allem für die Schwergewichte Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien. Und sie sehen sogar eine Chance, dass es noch besser kommen könnte.

Der Euro setzt sich immer weiter vom Dollar ab
Der Euro setzt sich immer weiter vom Dollar ab

Diese Erfolgsgeschichte gehe einher mit einer gleichzeitigen Destabilisierung in den USA und Großbritannien, so Alwin Schenk. Die ausbleibenden Reformen in den USA und der anstehende Brexit drücken auf die wirtschaftliche Entwicklung. Für beide Länder haben die IWF-Experten daher ihre Wachstumsprognosen gestutzt.

Zinsabstand zwischen USA und Deutschland sinkt

Das Ergebnis dieser wirtschaftlichen Entwicklung ist eine Annäherung der Zinssätze am Kapitalmarkt auf beiden Seiten des Atlantiks, gemessen an der Differenz der Renditen für zehnjährige deutsche Staatsanleihen einerseits und entsprechenden Papieren der USA andererseits. Noch im Dezember war diese Differenz auf den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung geklettert und lag bei über 2,3 Prozentpunkten.

Inzwischen ist der Abstand jedoch auf rund 1,75 Prozentpunkte zurückgegangen – und dies treibt ganz entscheidend den Euro-Kurs. So wie diese Differenz in den vergangenen Monaten geschrumpft ist, ist der Euro-Kurs gestiegen. Denn vor allem Großinvestoren bringen ihr Geld bevorzugt dorthin, wo sie mehr Zinsen bekommen. Je größer der Zinsabstand, desto stärker ist diese Tendenz, je kleiner er ist, desto geringer ist dieser Druck.

Die Zinsdifferenz zwischen Deutschland und den USA schrumpft
Die Zinsdifferenz zwischen Deutschland und den USA schrumpft

Quelle: Infografik Die Welt

Doch noch eine parallele Entwicklung war in den vergangenen Wochen zu beobachten: Je stärker der Euro wurde, umso mehr kamen die Aktienkurse hierzulande unter Druck. Denn die Investoren befürchten, dass die europäischen Unternehmen unter der Stärke der Währung leiden werden. Vor allem die exportstarken deutschen Firmen könnten weniger exportieren und damit weniger Gewinn machen. Und dies wiederum würde auf die Gesamtwirtschaft durchschlagen.

Starker Euro belastet Wirtschaftswachstum

Daniele Antonucci, Währungsexperte bei Morgan Stanley, geht davon aus, dass eine dauerhafte Aufwertung des Euro um zehn Prozent die Wachstumsrate im Folgejahr um etwa 0,7 Prozentpunkte drücken wird. Und da er damit rechnet, dass der Euro-Kurs im ersten Quartal kommenden Jahres sogar die Marke von 1,20 Euro durchbrechen könnte, prognostiziert er mit einem Wachstumsminus von rund 0,6 Prozentpunkten für die Euro-Zone im kommenden Jahr. Das entspricht im Falle Deutschlands immerhin rund einem Drittel des Gesamtwachstums, das wegfiele.

Doch sind die 1,20 Dollar je Euro realistisch? Immerhin visieren inzwischen die meisten Auguren des Devisenmarktes diese Marke an. Allenfalls in der Frage, wann sie erreicht wird, unterscheiden sie sich. Kit Juckes von der Société Générale beispielsweise hält es durchaus für möglich, dass sie noch vor dem nächsten Treffen der EZB-Spitze im September fällt. Und dies hätte dann wohl Konsequenzen.

Denn eine derart schnelle Aufwertung des Euro ist überhaupt nicht im Interesse der europäischen Zentralbanker. Schließlich würde dies den wirtschaftlichen Aufschwung gefährden, der in den vergangenen Jahren so mühevoll erreicht wurde, nicht zuletzt durch die Politik der Null- und Minuszinsen.

EZB könnte das „Tapering“ hinausschieben

Eigentlich sollte diese Politik schon bald abgemildert werden. So hatte EZB-Chef Draghi angedeutet, dass das Volumen der Anleihen-Käufe durch die Zentralbank schon bald nach und nach reduziert werden könnte – „Tapering“ heißt dieses Ausschleichen der Dosis im Fachjargon. Doch das steht mit dem Euro-Höhenflug wieder infrage.

„Sollte die EZB ihre ‚Tapering‘-Ankündigung Richtung Oktober – oder sogar noch darüber hinaus – verschieben, die US-Notenbank aber zeitnah den Start der Bilanzreduzierung ankündigen und einleiten, könnte der Höhenflug des Euro für kurze Zeit unterbrochen werden“, sagt daher Richard Turnill, globaler Chef-Investmentstratege bei der US-Investmentgesellschaft Blackrock. „Nicht auszuschließen, dass die EZB dies ganz gezielt im Hinterkopf hat.“

Für Sparer und Anleger würde dies jedoch unweigerlich bedeuten, dass die Zinswende, die am fernen Horizont allmählich aufleuchtete, wieder im Dunkel der totalen Nullzinsnacht verschwindet. Was die Deutschen daher eventuell im Urlaub sparen, das verlieren sie dann in der Folge wieder auf ihren Tagesgeldkonten und Sparbüchern.

 

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