Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Unsere Zukunft ist Improvisation

Posted by hkarner - 10. Juli 2017

Date: 09-07-2017
Source: Die Zeit

Der Gipfel zeigte: England und die USA sind destabilisiert und mit sich selbst beschäftigt. Angela Merkel füllt die Rolle der neuen Führerin der freien Welt nicht aus.

Es gibt dieses Bild vom Beginn des G20-Gipfels: Angela Merkel vor einer hellblauen Wand, auf der die Umrisse der Kontinente abgebildet sind. Die Kanzlerin hat die Hände zur Raute gefaltet, den Blick nach rechts gerichtet. Sie wartet auf die Staatsgäste, die jeden Augenblick ankommen können.

Es ist ein Bild, das zu der Rolle passt, die der deutschen Kanzlerin derzeit zugeschrieben wird: Angela Merkel, die neue Führerin der freien Welt. An diesem Wochenende aber ist klar geworden, dass Merkel diese Rolle nicht ausfüllen kann. Was sich vielmehr abzeichnet, ist eine Weltordnung ohne Führungsnation, dafür aber mit wechselnden Allianzen, die die Linien der internationalen Politik bestimmen.Die Vereinigten Staaten werden diese Aufgabe nicht mehr übernehmen. Dass Donald Trump sich nicht sonderlich für internationale Zusammenhänge interessiert, war vorher bereits klar. In Hamburg haben die Amerikaner denn auch keinerlei Bereitschaft erkennen lassen, sich für globale Belange einzusetzen. Es bedurfte schon des geballten Verhandlungsgeschicks aller übrigen Teilnehmer, um sie überhaupt zu einem Formelkompromiss beim Thema Freihandel zu überreden. In der Klimapolitik ist nicht einmal das gelungen. Donald Trump war sogar dreist genug, zwischenzeitlich seine Tochter Ivanka – die über kein politisches Amt verfügt – an seiner Stelle in die Runde der Staatschefs zu schicken. Vielleicht lässt Wladimir Putin ja demnächst einen Hund teilnehmen.

Klare Botschaft an Amerika
Dass die Gruppe der G20 an diesem Wochenende trotzdem nicht auseinandergebrochen ist, kann zum Verdienst Angela Merkels gezählt werden. Die Kanzlerin hat es verstanden, an der richtigen Stelle zu deeskalieren, ohne sich zu verbiegen. Man hätte sie auch in der Schanze gut gebrauchen können.

Aber ohne die Unterstützung anderer hätte Merkel das nie geschafft, dafür ist Deutschland trotz des Aufschwungs wirtschaftlich und politisch nicht bedeutend genug. Die französischen Unterhändler kämpften beim Klima bis zuletzt mit ihren amerikanischen Kollegen, während Präsident Emmanuel Macron Trump bearbeitete. Es dürfte kein Zufall gewesen sein, dass Merkel die beiden während des Konzerts in der Elbphilharmonie nebeneinandergesetzt hatte.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker gab seinen Leuten derweil den Auftrag, eine Liste mit möglichen Gegenmaßnahmen ausarbeiten zu lassen, für den Fall, dass die Amerikaner europäische Stahlexporte mit Strafzöllen belegen. Die Botschaft an die Amerikaner: Wenn ihr Krieg wollt, könnt ihr ihn haben. Und unter der Führung des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping machten die Schwellenländer deutlich, dass sie zum Klimaschutz stehen und die Märkte der Zukunft ohne eine Klimastrategie nicht zu erobern sein werden.

Vielleicht werden Historiker im Rückblick einmal sagen, dass in Hamburg eine Epoche zu Ende gegangen ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben Großbritannien und die Vereinigten Staaten von Amerika die westliche Welt in ihrer heutigen Form begründet und institutionell abgesichert. Diese Zeiten sind vorbei. Die Deregulierung der Finanzmärkte und ihre Folgen – Ungleichheit, Krisen, Legitimitätsverlust – haben die angelsächsischen Länder ökonomisch und politisch so sehr destabilisiert, dass sie noch viele Jahre mit sich selbst beschäftigt sein werden. Wir werden improvisieren müssen.

 

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