Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Kohls letzter Dienst an Europa

Posted by hkarner - 2. Juli 2017

Date: 01-07-2017
Source: SPIEGEL
Subject: Trauerfeier in Straßburg

Helmut Kohl bekommt kein Staatsbegräbnis – und in Deutschland regt das kaum jemanden auf. Die Deutschen haben sich offenbar an den Gedanken gewöhnt, dass selbst ihr Kanzler ein Bürger Europas sein kann. Gut so.

Man stelle sich vor, die Trauerfeier für Margaret Thatcher hätte nicht mit allem militärischen Pomp in London stattgefunden, sondern im Ausland. Oder man stelle sich vor, der Akt zum Abschied von François Mitterrand wäre von Frankreich nach Deutschland verlegt worden. Man darf annehmen, dass Briten und Franzosen wochenlang kaum etwas anderes diskutiert hätten.

In Deutschland aber scheint es nur wenige aufzuregen, dass die zentrale Trauerfeier für Helmut Kohl nicht etwa in Berlin, sondern im Straßburger Europaparlament stattfindet – und dass auf seinem Sarg nicht die Flagge Deutschlands, sondern die der EU liegen wird. Sicher, mancher hält das für befremdlich oder gar für einen Affront. Und es kursiert auch der etwas spitzfindige Hinweis, dass die Trauerfeier in Straßburg gar kein Staatsakt sein könne, weil die EU kein Staat sei.

„Na und?“ scheinen sich die Deutschen zu fragen, und das völlig zu Recht: Ob die Trauerfeier nun offiziell Staatsakt heißt oder nicht, wird die Erinnerung an Kohls historische Leistung kaum schmälern. Bei Thatcher, Mitterrand oder Charles de Gaulle geschah das übrigens auch nicht; sie alle hatten – übrigens auf eigenen Wunsch – kein Staatsbegräbnis bekommen.

Vor allem aber gibt es hierzulande keine verbreitete Aufregung, ja nicht mal eine anhaltende Debatte darüber, dass die Welt in Frankreich von Kohl Abschied nimmt. Anscheinend hat man sich in Deutschland an den Gedanken gewöhnt, dass ein Deutscher – selbst wenn es sich um den Vollstrecker der Einheit handelt – auch, oder sogar in erster Linie, Europäer sein kann. Im Idealfall wäre es ein Zeichen nationaler Reife und eine wohltuende Absage an eine engstirnige Form des Patriotismus.

Der Zeitpunkt könnte kaum besser sein

Zwar hatte Kohl auf den Zeitpunkt seines Ablebens ähnlich geringen Einfluss wie auf den jener Entwicklungen, die ihm die Chance gaben, die Wiedervereinigung herbeizuführen. Doch das Timing ist nun erneut ein Glücksfall für Europa. Genau in dem Augenblick, in dem die EU gerade wieder zu sich selbst findet, bekommt sie die Möglichkeit, mit der Feierstunde im Parlament und der anschließenden Trauerfahrt über den Rhein nach Speyer ein emotionales Zeichen zu setzen.

Wäre Kohl nur wenige Monate früher gestorben – etwa auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, kurz nach dem Brexit-Schock oder kurz vor dem drohenden Wahlsieg Marine Le Pens in Frankreich -, seine Trauerfeier wäre vermutlich gleich auch als Totenmesse der EU interpretiert worden.

Inzwischen aber scheinen die Europäer zu ungeahnter Einigkeit zurück zu finden – und zu einem neuen Bewusstsein davon, was sie aneinander haben. Der „America First“-Nationalismus eines Donald Trump und die Aggressionen eines Wladimir Putin zwingen die EU dazu, ihre Rolle in der Welt neu zu finden. Zugleich zeigt das Beispiel Großbritanniens, was passieren kann, wenn man es zu weit treibt mit der beliebten Taktik, gemeinsam gefasste EU-Beschlüsse zu Hause als Diktat Brüssels zu verteufeln. Britische Politik-Darsteller wie Außenminister Boris Johnson sind auf diese Art berühmt geworden – und bekommen nun die voraussichtlich saftige Rechnung.

Sicher, die Ablehnung eines Staatsakts könnte vom Altkanzler selbst oder seiner Witwe Maike Kohl-Richter als Affront beabsichtigt gewesen sein. Doch auch dann wäre es ein, wenn auch unbeabsichtigter, letzter Dienst Helmut Kohls an Europa.

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