Das Weiße Haus hatte auch Tim Phillips in den Rose Garden eingeladen. Er sollte dabei sein, wenn Donald Trump seinen Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen bekannt geben würde. Denn das war der Moment, auf den Phillips seit Jahren hingearbeitet hat. Doch statt in glühender Hitze seinem Präsidenten zu lauschen, saß Phillips vergangenen Donnerstag in einem klimatisierten Saal in Los Angeles und sammelte schon Geld für sein nächstes großes Ziel, die radikale Senkung der Steuern.

Phillips ist der Präsident von Americans for Prosperity, einer ultralibertären Organisation, die 2004 von Charles und David Koch gegründet wurde. Den Kochs gehört der in Kansas ansässige Öl- und Chemiegigant Koch Industries, das zweitgrößte Privatunternehmen der USA. Gemeinsam besitzen sie 96 Milliarden Dollar. Sie gehören zu den reichsten Menschen der Welt – und zu den fünf größten Umweltverschmutzern Amerikas. 

Es gab noch einen Sieger an diesem Tag, und der war anwesend. Er saß zufrieden lächelnd in der ersten Reihe. Trumps Strategieberater Stephen Bannon hatte seit Wochen auf den Präsidenten eingewirkt, aus dem Klimaabkommen auszusteigen. Er will Amerika aus der internationalen Gemeinschaft herauslösen und zum autarken Nationalstaat machen. Dabei hat er Helfer. Die Familie, die Bannons Pläne seit Jahren mit Abermillionen unterstützt, besteht aus Robert und Rebekah Mercer, einem auf Long Island lebenden exzentrischen Hedgefonds-Milliardär und dessen Tochter.

An diesem Tag feierten also die mächtigsten Kräfte der amerikanischen Rechten einen gemeinsamen Sieg – obwohl sie sonst nicht viel verbindet.

Die Kochs sind eine Größe in der amerikanischen Politik. Mit ihrem Netzwerk aus Thinktanks, gesponserten Lehrstühlen und Handlangern wie Tim Phillips nehmen sie schon seit den Siebzigern Einfluss: gegen staatliche Sozialhilfe, gegen Krankenversicherung, gegen Steuern, Umweltauflagen und Finanzregulierung. Sie sind für internationalen Freihandel – und für Einwanderung, da diese billige Arbeiter heranschafft. In der Republikanischen Partei haben sie ihre radikale Ideologie längst tief verankert, es fehlte nur noch der passende Präsident. Trump mit seinem Protektionismus, der repressiven Einwanderungspolitik und dem gigantischen staatlich finanzierten Infrastrukturprojekt schien dieser Mann zunächst nicht zu sein. Charles Koch verglich einst die Wahl zwischen Trump und Clinton mit der zwischen Krebs und Herzinfarkt.

Die Mercers dagegen sind etwas Neues. Niemand in Washington kannte sie – bis Stephen Bannon Trumps Wahlkampf übernahm und sie ihn eigenhändig finanzierten. Die Mercers besaßen keine Organisation, kein Personal, keine Erfahrung, trotzdem sah es zuerst danach aus, als lägen sie im Kampf um die Macht in den USA vorn. Trump machte Bannon zum Chefberater, trat aus dem Freihandelsabkommen TPP aus, verhängte einen Einreise-Bann über sieben muslimische Länder, räsonierte über eine Grenzsteuer. Ein konservativer Kommentator der New York Times schrieb: „Die Partei Reagans ist tot. In unserem geteilten Land müssen sich die Konservativen in Richtung Nationalismus lehnen.“

Dann geschah etwas Überraschendes. Der Muslim-Bann war so amateurhaft verfertigt, dass Gerichte ihn stoppen konnten. Trump ließ von der Grenzsteuer ab, und sein Vorschlag für die neue Krankenversicherung passierte zunächst das Repräsentantenhaus nicht. In seiner zweiten, verschärften Version hörte er sich dann plötzlich sehr nach Tim Phillips (und den Kochs) an.

Was war geschehen?

Phillips’ Büro liegt im siebten Stock eines unscheinbaren Bürogebäudes in Arlington, zehn Autominuten vom Weißen Haus entfernt. 150 Leute arbeiten dort für ihn und koordinieren weitere 400 Mitarbeiter im Rest des Landes. Das alles muss man wissen – weder am Gebäude noch am Fahrstuhl weist etwas auf Phillips oder Americans for Prosperity hin. Für die siebte Etage gibt es keinen Fahrstuhlknopf. Wer dorthin will, braucht eine Chipkarte. Reporter sind unerwünscht. Tim Phillips schickt seinen Pressesprecher vor.

Eine schwerreiche Clique hat sich des Staates bemächtigt

Frage: „Charles Koch hat im Wahlkampf gesagt, Trumps Politik stehe seinen Interessen diametral entgegen. Wieso scheint es jetzt so, als habe sich Trumps Politik Kochs Interessen stark angenähert?“

Antwort: „Wir arbeiten seit der Wahl eng mit dem Weißen Haus zusammen. Erst gestern hatten wir dort ein Treffen wegen der Steuerreform. Es gibt in der Regierung eine große Offenheit gegenüber unseren Themen. Das Weiße Haus bestraft uns nicht dafür, dass die Kochs Mister Trump im Wahlkampf nicht unterstützt haben.“

Tim Phillips ist zwar ein geschickter politischer Lobbyist – das Geheimnis seines Erfolges ist aber ein anderes: Trumps Regierung ist vollgestopft mit Koch-Leuten. Zum Beispiel Vizepräsident Mike Pence: Ihn hätten die Kochs 2012 allzu gern zum Präsidenten gemacht, seit Jahren unterstützen sie ihn mit haufenweise Geld. Noch im Frühjahr 2016 war er Gast in David Kochs Haus in Florida.

Dann ist da Pence’ Berater Marc Short, bis vor Kurzem Chef von Kochs Spender-Club Freedom Partners. Oder Trumps Energieberater Michael Catanzaro, ein ehemaliger Lobbyist für Koch Industries. Und damit der Klimawandelleugner Scott Pruitt Umweltminister wurde, gaben die Kochs schon in den ersten drei Monaten dieses Jahres 3,1 Millionen für Politikerlobbying aus. Pruitt drehte dann auch sogleich Obamas Umweltgesetzgebung zurück.

Um ins Weiße Haus zu kommen, braucht man Geld und gute Nerven, dazu hatte Trump die Kochs nicht nötig. Um sich jedoch im Weißen Haus zu halten, braucht man Personal und Erfahrung – und da waren die Kochs zur Stelle. Und so saß ihr Personal nun im Rose Garden des Weißen Hauses, gleich neben den Chefs der Thinktanks, die die Kochs ebenfalls finanzieren: American Energy Alliance, Competitive Enterprise Institute, Heritage Foundation. Sie hatten all die Zahlen und Studien produziert, die Trump in seiner Ausstiegsbegründung zitierte. Ein seltenes Gruppenbild des sonst verdeckt wirkenden Netzwerks.

„Die Kochs wollen die Regierung übernehmen“, sagt ein Washingtoner Lobbyist, der oft mit ihnen zu tun hatte, „aber sie wissen, das geht nur, wenn sie zuvor eine funktionierende Organisation aufgebaut haben, die die Regierung führen kann.“ Americans for Prosperity ist einer der dicksten Arme dieses weitverzweigten Kraken und Tim Phillips eine der zentralen Figuren. Die Organisation hat eine permanente Infrastruktur in 36 US-Staaten aufgebaut und kann jederzeit über 3,2 Millionen Mitglieder mobilisieren. Das Ganze ähnelt einer Partei, allerdings einer, die allein von einem Teil der reichsten Amerikaner finanziert wird und allein deren Interessen verfolgt. Auf der Seite der Demokraten gibt es dergleichen nicht.

Eine Frau, die Familie Koch und ihre Mittel sehr gut kennt, sitzt im Schneidersitz in ihrem Washingtoner Büro und sagt: „Die Kochs sind ausgezeichnet darin, Arbeiter dazu zu bringen, gegen die eigenen ökonomischen Interessen zu wählen, indem sie ‚big government‘ dämonisieren und den freien Markt im Gegenzug vergötzen.“ Jane Mayer schreibt für den New Yorker über amerikanische Innenpolitik. An den Wänden hängen einige der Preise, die sie für ihre investigativen Storys bekommen hat. Ihr letztes Buch über die Macht der Kochs (Dark Money) wurde von der New York Times zu einem der besten Bücher des letzten Jahres gewählt. Es beschäftigt sich auch damit, wie die Kochs der Öffentlichkeit weisgemacht haben, den Klimawandel gebe es nicht. Einer ihrer aggressivsten Missionare war dabei Tim Phillips.

Schon 2009 organisierte er eine „Hot Air Tour“ durch Amerika, um Stimmung zu machen gegen Obamas Versuch, die CO₂-Emissionen zu verringern. Er attackierte renommierte Klimaforscher, diskreditierte deren Forschungsergebnisse. Er ließ verbreiten, das Grillen auf Kirchenveranstaltungen oder Nachbarschaftstreffen werde in Zukunft aus Klimaschutzgründen verboten. In Virginia schickte er Störer in die Veranstaltungen jener Politiker, die den Klimawandel als erwiesen ansahen. Diese beschimpften die Politiker als Verräter. Aus den Auftritten wurden Clips geschnitten, die später gegen die „Verräter“ verwendet wurden. Nachdem Americans for Prosperity viele Millionen auf derartige Aktionen verwendet hatte, war jedem Republikaner klar, dass das Reden vom Klimawandel das Karriereende bedeutete.

Phillips’ Aktionen gingen bald weiter: Bevor Obamacare 2009 verabschiedet wurde, organisierte er über 300 Demonstrationen gegen das Gesetz. Es wurden Leichenbilder aus dem KZ in Dachau gezeigt, um die Gesundheitsversicherung mit den Massenmorden der Nazis gleichzusetzen. Ein demokratischer Kongressabgeordneter wurde symbolisch erhängt. Nun aber, da es darum geht, Obamacare abzuschaffen, setzt Phillips auf seine bewährte Methode: Er drohte den Republikanern im Kongress, Americans for Prosperity werde ihre Wiederwahl 2018 mit Gegenkandidaten und viel Geld verhindern, sollten sie für Trumps ersten, weichen Entwurf stimmen. Wenige Wochen darauf wurde die neue, konservativere Version verabschiedet. Und das, obwohl die Mehrheit der Amerikaner Kochs Politik nicht will – weder der Ausstieg aus dem Klimaabkommen noch die Abschaffung von Obamacare sind populär. Eine schwerreiche Clique hat sich des Staates bemächtigt.

„Die reichsten Republikaner treten für Steuersenkungen und die Streichung von Sozialprogrammen deutlich stärker ein als die Mehrheit der Bevölkerung und auch die ihrer eigenen Partei“, sagt Mayer: „Je mehr Politiker von wohlhabenden Spendern abhängig sind, desto mehr driftet die Partei nach rechts. Sie ist von den Superreichen gekapert worden.“ 2010 wurde dieser Prozess erheblich beschleunigt, als der Supreme Court die Obergrenze für Wahlkampfspenden aufhob. In diesem Jahr begann sich Rebekah Mercer für Politik zu interessieren.

Sind die USA längst eine Plutokratie?

Mercer ist studierte Mathematikerin, die sich ihren vier Kindern persönlich widmet. Sie unterrichtet sie zu Hause, mit dem Schulmaterial eines exzentrischen Chemikers, der die „sozialistische“ Erziehung in öffentlichen Schulen mit Kindesmisshandlung gleichsetzt. Wie die Mercers die Welt sehen, wurde kürzlich vor Gericht deutlich. David Magerman, ein Hedgefonds-Kollege Robert Mercers, hatte öffentlich über dessen völlig mitleidlosen, mechanistischen Blick auf die Welt berichtet. Mercer, der CEO, entließ ihn daraufhin, wogegen Manager Magerman nun klagt. In der Klage schildert er, wie Mercer vor Mitarbeitern sagt, der Wert eines Menschen bemesse sich allein am Geld, das er verdient. Lehrer seien daher wenig wert, da sie nicht viel verdienten. Er schildert auch eine Unterhaltung, in der Mercer erklärt, Amerika habe die falsche Richtung eingeschlagen, als es den Schwarzen 1964 mehr Bürgerrechte zugestand. Schwarze seien heute die einzigen Rassisten, die es in Amerika gebe. Mercers Meinung war lange bekannt, es glaubte bloß keiner, dass dieser Mann, der kaum sprach und viel Zeit mit seiner Zwei-Millionen-Dollar-Spielzeugeisenbahn und der Maschinengewehrsammlung verbrachte, jemals Einfluss auf die Öffentlichkeit nehmen würde. Nun tut er es, mithilfe seiner wortgewandten Tochter.

Wie die meisten reichen Republikaner machte Rebekah Mercer ihre ersten politischen Schritte im Netzwerk der Kochs. 2011 etwa nahm sie an einem exklusiven Koch-Seminar teil. Darin wurden alle umworben, kräftig für Kochs politische Aktionen zu spenden – Obamas Wiederwahl war zu verhindern. Mercer spendete über 25 Millionen.

Aber so richtig passten die Mercers und die Kochs nicht zusammen. Die Kochs sind so etwas wie alte Industriebarone: Charles lebt in Kansas, seine Häuser sind unglamourös, bis heute lässt er sich von seiner Frau die Haare schneiden. Er hasst Protzerei. Die Mercers dagegen zeigen ihren neuen Reichtum gerne. Als Vater Robert Mercer 2010 der Chef des Hedgefonds Renaissance Technology wurde, kaufte er große Jachten – etwa die Sea Owl, 25 Meter lang und 75 Millionen Dollar teuer. Erkennungsmerkmal seiner Tochter ist eine diamantenbesetzte Brille. In Manhattan bewohnt sie ein Apartment, das aus sechs miteinander verbundenen Wohnungen besteht – im Luxushochhaus Trump Place. (Es gehört Trump zu 30 Prozent.)

Auch erschienen ihr die Kochs zu weich, was Einwanderung und Handel angeht. 2011 hatte sie Stephen Bannon kennengelernt, sein aggressives Wesen und sein Hass auf das Establishment gefielen ihr. Als Obama 2012, trotz massiven Eingreifens durch das Koch-Netzwerk, wieder zum Präsidenten gewählt wurde, wollte sie vor allem eines: mehr Kontrolle. Sie baute ihr eigenes Netzwerk auf – nach dem Vorbild der Kochs, aber mit anderem Ziel. Sie wollte den Kochs den Rang ablaufen.

Charles Koch ist 81, sein Bruder David 77 Jahre alt. Wer ihr Netzwerk zusammenhalten wird, ist unklar. Rebekah Mercer ist erst 43. Zehn Millionen Dollar hat sie in Bannons ultrarechte, antiislamische Website Breitbart gesteckt. Sie investierte in Cambridge Analytica, eine Big-Data-Firma, die über soziale Medien wie Facebook die politische Meinung bestimmter Zielgruppen manipuliert. Sie dehnte ihren Einfluss auf diverse Thinktanks aus und sitzt in den Aufsichtsräten der einflussreichen rechten Heritage Foundation, die sich stark für Privatisierung und die Zurücknahme von Sozialleistungen einsetzt, sowie des antiislamischen Gatestone Institute, das 2008 Geert Wilders erstmals nach Amerika einlud. Die Mercers (und ihresgleichen) sind mittlerweile milliardenschwere Arbeitgeber für Tausende Mitarbeiter, die die Ideologie ihrer Geldgeber mit allen Mitteln vorantreiben. Sind die USA längst eine Plutokratie?

Kürzlich konnte man in Cortland, einem Städtchen im Norden von New York, einen unbekannten Arm des Mercer-Netzwerks bei der Arbeit sehen. Hier, im ländlichen Gebiet mit alten Fabriken, wurde Trump mit großer Mehrheit gewählt. Daher liegen im Hotel nun Snacks bereit, für jeden, der sich George Phillips’ Vortrag anhören mag. Er ist Regionaldirektor von Reclaim New York, einer von Rebekah Mercer gegründeten und finanzierten Mobilisierungs-Organisation – ihr erster Versuch, Kochs Americans for Prosperity zu kopieren.

Sie verfolgt jedoch ein aggressiveres Ziel. Während Koch versucht, politische Prozesse zielgerichtet mit Themen und Personal zu versorgen, versucht Reclaim den ganzen Prozess zum Erliegen zu bringen. Davon spricht Phillips zum Publikum. Viele sind nicht da, einige Rentner, eine Frau mit einem Jesus-Sticker, einige Pärchen. Aber Phillips ist Profi. Er weiß, das hier ist nur einer von Hunderten Vorträgen, die er in nächster Zeit halten wird. Zuerst bringt er die Leute auf Touren, nennt Zahlen der wegen Korruption verurteilten Politiker, dann erklärt er den Anwesenden, was von ihnen erwartet wird: Er will, dass sie staatliche Stellen, vom Bürgermeister bis zum Schuldirektor, mit sogenannten Freedom of information-Anfragen bombardieren und nach detaillierten Finanzunterlagen fragen. „Und wer nicht in der angegebenen Zeit reagiert oder die Daten im falschen Format schickt, den verklagen wir.“ Reclaim hat das schon mehrfach durchexerziert.

Eine Dame meldet sich und sagt verwundert: Fast alle Daten stünden doch auf der Website der Stadt. Eine andere widerspricht, sie zahle doch keine Steuern, um sich Daten dann selbst zusammenzusuchen. Dann verfällt sie in einen Monolog über den unfairen Staat. Phillips nickt. Für heute hat er seine Aufgabe erfüllt. Ein bisschen Chaos, viel Unsicherheit, viel Misstrauen. Starke Gefühle. So entstehen Bewegungen.