Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

China schließt immer schneller seine Innovationslücke

Posted by hkarner - 1. Juni 2017

Johnny Erling aus Peking, 1. Juni 2017, 13:48 derstandard.at

Europas Unternehmen drohen in China ihre Innovationsführerschaft zu verlieren. Sie beklagen ein unfaires „Spielfeld“

Peking – Ruan Zongze, Vizepräsident des Instituts für Internationale Studien und strategischer Vordenker für die chinesische Außenpolitik, hat eine Erklärung für den nachhaltigen Erfolg des Wirtschaftsaustauschs seines Landes mit der EU. Seine Formel lautet: „China braucht Europas fortgeschrittene Technologie. Europa braucht Chinas ausgedehnten Markt.“ Das sagte er der Nachrichtenagentur Xinhua, kurz bevor Premier Li Keqiang zu seinen am Mittwoch begonnenen Gipfeltreffen in Berlin und Brüssel aufbrach.

Chinesische Wettbewerber schließen auf

Beide Annahmen von Ruan stimmen nicht mehr. Chinas Unternehmen kaufen sich überall ihre Technologie zusammen und eignen sie sich an. Für Europas Unternehmen aber verliert Chinas Markt seinen Glanz, 2016 fielen die EU-Investitionen in China dramatisch – auch weil Peking dem Ausland weiterhin viele Zugänge zu seinen Märkten versperrt. Chinesische Wettbewerber, die auf einem besseren Spielfeld kicken, werden derweil nicht nur stärker, sondern schließen in Sachen Innovation zu den Auslandsunternehmen auf. Das fand die EU-Wirtschaftskammer in Peking heraus. In ihrer zum Antritt des Europabesuchs von Premier Li veröffentlichten Umfrage über das Geschäftsklima für europäische Unternehmen sagten 17 Prozent der Befragten, dass chinesische Konkurrenten in ihrem Gewerbe bereits Innovationsführer seien. Rund 60 Prozent der Befragten erwarten, dass Chinas Unternehmen bis 2020 die Innovationslücke zu ihnen schließen könnten. Der neugewählte EU-Kammerpräsident Mats Harbon fand das Ergebnis der Umfrage bedrohlich für die Wettbewerbsfähigkeit seiner Unternehmen. Er nannte es einen „Weckruf für ganz Europa.“

Unfaire Behandlung

Auch in früheren Umfragen der Auslandskammern hatten Unternehmen über Probleme mit ihrem Marktzugang und unfairer Behandlung in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt geklagt. Peking sagte jedesmal neue Reformen zu. Nur: Es verbesserte sich wenig. In der neuen mithilfe von Roland Berger erstellten Studie sagt nun die Hälfte der Befragten, dass sich ihr Umfeld 2016 weiter verschlechtert habe. Nur vier Prozent der Befragten sahen Ansätze zu mehr Marktöffnung in China. In elf von 15 Industrien gaben mehr als die Hälfte der Befragten an, im Vergleich zu chinesischen Unternehmen unfair behandelt zu werden. Daran ändert auch der scheinbare Widerspruch nichts, dass die Auslandsfirmen zum Zeitpunkt der Umfrage – März 2017 – wirtschaftlich und finanziell besser dastanden als Anfang 2016. Sie profitierten, so wie Chinas gesamte Volkswirtschaft, von den massiven Investitionsprogrammen in Infrastruktur und Wohnungsbau, die Peking vergangenes Jahr zur Stimulierung der Konjunktur aufgelegt hat und mit denen es sich dem Abwärtsdruck entgegenstemmt.

Schuldenlast steigt und steigt

Doch seit acht Jahren steigt die Schuldenlast des Staates – und zudem immer schneller. Die Kammer beruft sich auf Schätzungen des Finanzexperten George Magnus, der die Höhe der Inlandsverschuldung auf 260 bis 300 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) schätzt und vor abflachendem Wachstum warnt. Im Vorgriff hat die Ratingagentur Moody’s mit einer erstmaligen Herunterstufung der Bonität Chinas reagiert. Auch mehr als 60 Prozent der EU-Unternehmen nennen in der Umfrage die Verlangsamung des Wachstums ihre größte Sorge, noch vor der für sie schwerer werdenden Suche nach qualifizierten Mitarbeitern und dem Druck steigender Gehaltsforderungen.

Reformsignale ohne Langzeitwirkung

Die jüngsten Reformsignale der chinesischen Führung scheinen dagegen zu verpuffen. Im Jänner hatte Staatspräsident Xi Jinping auf dem Davoser Weltwirtschaftsforum nach außen „zumindest rhetorisch“ suggeriert, dass Peking sich dem freien Welthandel und der Öffnung seiner Wirtschaft „mehr noch als früher verpflichtet fühlt,“ heißt es in der EU-Studie. Gerade 15 Prozent der befragten Unternehmen versprechen sich davon, dass sich die Marktzugangsbarrieren in den nächsten fünf Jahren verringern könnten. 40 Prozent glauben dagegen, dass sie noch zunehmen. Statt Liberalisierung sehen viele EU-Unternehmen schon wieder eine Rückkehr „goldener Zeiten“ für kreditprivilegierte Staatsunternehmen am Horizont. Ausländische kleine und mittlere Unternehmen, Anwaltsfirmen und Finanzdienstleister fühlen sich von den regulatorischen Hürden und der „drakonischen“ Internetzensur am stärksten betroffen. 49 Prozent gaben 2017 an, dass die verschärften IT-Kontrollen sich noch negativer auf ihre Unternehmen auswirkten. Das gilt auch für die neuen Sicherheitsgesetze, wie das am 1. Juni in Kraft tretende Cybergesetz. Chinas Behörden könnten darüber Verschlüsselungstechnologien und die Datenspeicherung bei Hightechprojekten kontrollieren. Peking hat auf die Bedenken von dutzenden internationalen Kammern und Wirtschaftsverbänden nicht reagiert.

Neue Seidenstraße

Die Kritik der EU-Kammer überschattet Lis Europareise. Der Premier will zuerst in Berlin neue Initiativen zur Handels- und Wirtschaftsförderung anstoßen, nachdem China 2016 mit einem Handelsvolumen von 170 Milliarden Euro der größte Handelspartner Deutschlands geworden ist. (Johnny Erling aus Peking, 1.6.2017) – derstandard.at/2000058538827/China-schliesst-immer-schneller-seine-Innovationsluecke

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