Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Ilija Trojanow – der Weltensammler als Populist

Posted by hkarner - 23. Mai 2017

Gero Jenner, 23. Mai

Am 22. Mai kam in den sieben Uhr Nachrichten von des österreichischen Kultursenders Ö1 Ilya Trojanow über sein neues Buch „Nach der Flucht“ zu Wort. Er beschrieb das Erlebnis der Befreiung, der erfüllten Wissbegierde, welche das Wandern zwischen den Welten in einem aufnahmebereiten Geist bewirkt. Schon Goethe hatte Ähnliches mit den Worten zum Ausdruck gebracht, dass ein kluger Mensch auf Reisen am meisten lerne. Man braucht jedoch nicht einmal besonders klug zu sein, um die Konfrontation mit anderen Menschen, anderen Kulturen als einen Ausbruch aus der Enge des eigenen Selbst und der Routine des Alltags zu empfinden.

Trojanow durchlebte mehrere kulturelle Häutungen, weil er – in Bulgarien geboren – abwechselnd in Nairobi, im Chiemgau und München, in Paris und Mumbai heimisch war – ein Bilderbuch-Kosmopolit. Früher einmal, als das Fliegen noch Privileg und Abenteuer war, vermittelte es das ekstatische Erlebnis mit einem einzigen Sprung: Über den Wolken schwebend, tauchte man in das Unbekannte. Ich selbst habe dieses Erlebnis mehrfach erlebt. Auf meinen Reisen nach Indien, nach Japan, Ceylon und Indonesien habe ich diesen Ausbruch immer wie eine Art von Erlösung erfahren. Kosmopolitismus, das ist im besten Fall ja weit mehr als abstraktes Bücherwissen, das sich ein Mensch aus Reiseführern oder Fachbüchern über fremde Kulturen aneignet. Es ist erlebte Geschichte, welche die eigene Vergangenheit als Lebensringe umschließt, aber dabei in der Gegenwart weiterwirkt, weil die Berührung mit anderen Menschen, Landschaften und Leidenschaften den eigenen Blick auf die Welt nachhaltig verändert.

Wanderer zwischen den Welten

Dass dieses Erleben des Fremden dem so Verwandelten einen weiteren Blick beschert, Toleranz vor allem, weil er die eigene kleine Welt nur noch als eine unter vielen Spielarten des Möglichen erlebt, ist eigentlich selbstverständlich. Und daher ist es sicher auch naheliegend, dass man mit Trojanow zu der Ansicht gelangt, die ganze Welt sollte sich diese Haltung zu eigen machen. Alle sollten wir zu Wanderern zwischen den Welten und Kulturen werden, heute so denkend und fühlend wie ein Deutscher oder ein Wiener, morgen so wie ein Inder, übermorgen so wie ein Chinese. Anders gesagt, sollten wir alle zu Weltensammlern werden. Auf den ersten Blick scheint diese Folgerung naheliegend, erst auf den zweiten – den Trojanow uns freilich nicht offenbart – erscheint sie bedenklich.

Wir suchen nach dem Gegenwurf

Was mich betrifft, so brauche ich mich ja nur daran zu erinnern, nach welchen Orten und Menschen ich auf meinen Reisen in Indien suchte bzw. welche ich dort tunlichst vermied. Niemals suchte ich im fremden Land, was ich aus dem eigenen kenne. Anders gesagt, ich suchte keine Fabriken und Büros. Ich wäre auch gewiss nicht auf den Gedanken gekommen, mich um das Gespräch mit indischen Ingenieuren oder Produktmanagern zu bemühen. Ich suchte überhaupt nichts von jener globalisierten Moderne, in der ich nur den Abklatsch meiner eigenen Lebenswelt wiedergefunden hätte. Was mich faszinierte, das war das radikal Fremdartige, das waren hinduistische und islamische Tempel, das waren die Mythen und die Geisteswelt, deren sichtbare Manifestation diese Bauwerke sind. Vor allem aber waren es die Menschen, die in diesem total anderen Kosmos lebten und an ihn glaubten. Nur sie repräsentierten das zutiefst Fremde und Faszinierende. Nur sie konfrontierten mich mit einem Gegenwurf zu meinem eigenen geistigen Kosmos (und seinen Beschränkungen).

Der Kosmopolit ist ein Sammler – er kann nichts erschaffen

Vor allem – und da fing bei mir das eigene Denken über das Fremde an und meine eigene Stellung zu ihm – suchte ich nicht den Kosmopoliten, denn dann hätte ich in der Fremde auch nur mich selbst wiedergefunden. Der Kosmopolit, das ist der „Weltensammler“ in Ilya Trojanows großartigem Roman. Bereits in diesem Namen drückt sich die Stellung aus, die er gegenüber der Welt einnimmt. Er sammelt Welten, aber er erschafft keine eigenen. Hinduismus, Islam, afrikanische Volksreligion – all das sammelt der Held von Trojanows Geschichte wie man in einem Museum die Zeugnisse einer Vergangenheit bewahrt, die man bestaunt, aber mit der man sich nicht zu identifizieren braucht. Denn der Kosmopolit ist dieses Museum, er ist ein passiver Spiegel, der die Welt nur reflektiert, eigenes Licht ist von ihm nicht zu erwarten.

So gesehen führt der Weltensammler eine parasitäre Existenz,

er zehrt von der schon vorhandenen Buntheit der Welt. Er bewegt sich im Zaubergarten der Kulturen, aber er ist unfähig, selbst zu ihr beizutragen, denn er spiegelt sie nur mit jener Art Toleranz, die wir auch in Museen finden, wo das Unvereinbare nur durch Regale oder angrenzende Räume voneinander getrennt nebeneinander aufgereiht wird. Einen völlig anderen Menschentypus gehörten dagegen jene Menschen an, die den Zaubergarten einst geschaffen haben. Sie waren ihrer je eigenen Welt verfallen, weil sie bis zur Besessenheit an sie glaubten. Der Islam, der Hinduismus und natürlich das Christentum wurden von Menschen gegründet, die bereit waren für ihre Ideen zu sterben und bis heute gestorben sind – so sehr waren sie von diesen Ideen besessen. Ja, nicht selten waren sie so sehr von ihnen durchdrungen, dass sie alle anderen Lehren verketzerten oder auch auszurotten versuchten. Mit anderen Worten, sie verkörperten das Gegenteil der kosmopolitischen Toleranz.

Trojanows Weltensammler ist fasziniert von dem Fremden,

dem Anderssein. Er ist geradezu süchtig danach. Aber er verhält sich dabei nicht anders als ein Museumsbesucher, der von einer ethnologischen Abteilung in die andere eilt, um die psychischen Wechselbäder zu genießen, welche ihm die momentane Berührung mit verschiedenen Spielarten des Exotischen verschafft. Am Ende bleibt dabei nicht mehr übrig als das Erleben einer Romangeschichte: tiefere Spuren vermag so ein Rundgang nicht in die Haut zu graben.

Welch ein Gegensatz zu jenen Menschen, welche die fremden Welten erschufen! Sie haben sich ans Kreuz schlagen lassen, wurden gesteinigt oder für ihre Überzeugungen verbrannt. Seelisch wie geistig verkörperten sie das gerade Gegenteil des Kosmopoliten. Der überzeugte Christ wollte nicht wissen, wie sich der gläubige Muslim seinen fremden Gott Allah vorstellen mag. Andererseits konnte der gläubige Muslim nur mit Entsetzen hören, dass Hindus Vielgötterei betreiben oder Katholiken einen Kult der Menschvergötterung in Gestalt von Heiligen. Man riegelte sich voneinander ab, nur um nicht vom Denken der anderen infiziert und an der eigenen Lehre irre zu werden.

Nichts von dem bedrängt den Weltensammler. Jene, die den Zaubergarten einst für ihn erschufen, haben das unter Einsatz ihres Lebens getan. Sie ließen sich für ihre Überzeugungen kreuzigen und verbrennen. Religionen und Kulturen wurden in Kämpfen geboren, inneren und meist auch blutig geführten äußeren Kämpfen. Der Kosmopolit aber verhält sich wie ein Bibliothekar. Er beschränkt sich auf das Registrieren, Inventarisieren, Katalogisieren, ohne dass ihn irgendeiner der verschiedenen Standpunkte wirklich etwas angeht.

Man kann es auch schroffer sagen: Weltensammler und Weltenschaffer, Kosmopoliten und Kosmogonen haben wenig, im Grunde gar nichts miteinander gemein.

Ilya Trojanow selbst ist Kosmopolit und Weltensammler

damit ist er einer von uns, hat die Zeichen der Zeit verstanden. Aber er geht noch weiter. Er scheint überzeugt zu sein, dass eine schönere, bessere, friedlichere Welt entstehen würde, wenn wir alle nur noch zu den Weltensammlern gehörten. Deswegen wünscht er, dass die Vielfalt, die sich bisher in verschiedenen Räumen und Regionen in Gestalt einander fremder Kulturen manifestierte, gleichsam überall Wurzeln schlägt und jedes einzelne Land in einen bunten multikulturellen Fleckenteppich verwandelt. Zu Ende gedacht, würde das heißen, dass ich morgens ein Christ, mittags ein Muslim und abends ein Hindu bin – so wie es der Weltensammler in Trojanows Roman auf seine Weise ja tatsächlich durchlebt.

Dieser Zustand braucht heute nicht mehr beschworen zu werden, er ist längst auf dem Weg der Verwirklichung. Da wurde ein modisches Rührwerk in Gang gesetzt, das Anleihen aus aller Welt ihrem ursprünglichen Kontext entreißt, um sie für die Bedürfnisse des Konsums so aufzubereiten, dass sie als leichte Kost für einen Angehörigen der modernen Industriegesellschaft psychisch verdaulich sind – Yoga, schamanistische Praktiken, Totenbuchrituale, esoterische Anleihen der verschiedensten Provenienz  gehören dazu. Es braucht nicht betont zu werden, dass der moderne Weltensammler auf diese Weise den Zaubergarten vernichtet, nach dem er doch süchtig ist – nicht anders als die vielen Touristen, die, nach Bali einfallend, die herrliche alte hinduistische Enklave weitgehend zerstörten. Wohin wir auch gelangen in unserer globalisierten Welt, überall sehen wir nur noch uns selbst.

Intellektuellenpopulismus

Insofern muss man dem Romanautor Ilya Trojanow eine Haltung vorwerfen, die ich als Intellektuellensnobismus oder als Intellektuellenpopulismus bezeichnen möchte. Denn es gibt ja das Volk oder Völkchen der Intellektuellen und daher auch einen Populismus, der darin besteht, sich bei diesem beliebt zu machen. Man sollte sich allerdings fragen, ob die Welt wirklich schöner oder wenigstens friedlicher wird, wenn es den Rührwerk-Intellektuellen gelingt, alle Kulturen und Traditionen, alle gewachsenen Eigenarten zu vermischen?

Mit aller Entschiedenheit müssen wir die erste Hälfte dieser Frage verneinen. Denn am schönsten, eben ein Zaubergarten, war die Welt, solange Menschen ihre Sitten und Bräuche, ihre äußere Kleidung, ihre Tempel und Häuser, ihre Landschaften nach eigenen Vorstellungen im Laufe von Jahrhunderten gestalten konnten. Auf diese Weise sind Kulturen wie die hinduistische, die islamische, die konfuzianische, sowie die reichgegliederte abendländische entstanden, in denen die Menschen die unglaubliche Freiheit verwirklichen konnten, alles anders als die anderen zu machen. Sie liebten, sie lebten, sie feierten, sie dachten, sie litten anders als wir. Das war möglich, solange sie in ihrer eigenen Welt lebten und an sie glaubten – sie auch – wenn es sein musste – als ihren kostbarsten Besitz mit Waffengewalt und Fanatismus verteidigten. Der Kosmopolitismus, der diese Vielfalt aus der Vogelperspektive betrachtet, sie relativiert und sie eben dadurch ihres existenziellen Ernstes beraubt, existierte, wenn überhaupt, immer nur als ein Außenseiterphänomen für eine verschwindend kleine Intellektuellenkaste.

Die bunte Schönheit der Welt beruhte auf Abgrenzung und Grenzen

Das Eigene kann ich eben nur deshalb und nur solange bewahren, wie es mir besser, richtiger, wahrer als das Fremde erscheint, andernfalls kann und sollte ich es durch Letzteres ersetzen – aus der Folgerichtigkeit dieses Grundsatzes gibt es kein Entrinnen. Trojanow sollte wissen: Das Fremde gedeiht am besten in der Distanz der Fremde, aber nicht, indem wir es eingemeinden, denn dann behandeln wir es entweder mit der Unbetroffenheit eines Weltensammlers oder wir haben damit zu rechnen, dass die wirklich Gläubigen die Anwesenheit von Ungläubigen in ihrer Nähe nicht dulden und im schlimmsten Fall – weil ihnen das Eigene als das einzig Richtige erscheint – sogar nach Bomben greifen.

Aber wird die Welt nicht wenigstens friedlicher sein,

wenn wir Kultur und Religion zu Konsumartikeln erklären, anders gesagt, zu einem Angebot, aus dem wir uns als Weltensammler bedienen? In diesem Punkt neige ich eher zur Skepsis. Japan hat die abendländische Kultur so weitgehend übernommen, das von der eigenen kaum noch etwas übrig geblieben ist. China befindet sich auf dem gleichen Weg. Wer wird ernsthaft behaupten, diese Angleichung an die globale Weltzivilisation, durch die uns Japaner und Chinesen so viel ähnlicher wurden, hätte die beiden Länder friedlicher werden lassen? Von Japan lässt sich das ganz bestimmt nicht sagen. Kaum hatte es sich mit aller Entschlossenheit verwestlicht, wurde es zu einer aggressiv-expansiven Macht, die während des Zweiten Weltkriegs ungeheuer viel Unheil über weite Teile Asiens brachte. In jüngster Zeit möchte das Land alle Restriktionen beseitigen, die seiner auf die Selbstverteidigung beschränkten Militärmacht heute noch auferlegt sind. China, von dem Tiziano Terzani meinte, dass es sich zu seinen Lebzeiten innerhalb weniger Jahrzehnte bis zur Unkenntlichkeit verwestlicht habe, hat im Eiltempo so gewaltige militärische Kapazitäten aufgebaut, dass die USA sich inzwischen mehr durch den fernöstlichen Riesen als durch das traditionell zum Feindbild erkorene Russland beunruhigt fühlen. Die Annahme, dass Staaten friedlicher werden, d.h. ihre eigenen Interessen vergessen, wenn sie eine größere Ähnlichkeit miteinander verbindet, hat sich schon im alten Europa als Fabel erwiesen. Die Menschen haben sich dort zwar zu ein und demselben christlichen Gott bekannt, das hat sie aber nie daran gehindert, einander hingebungsvoll zu bekriegen.

Das Fazit:

Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob wir dem Romanschriftsteller Ilya Trojanow lauschen, diesem Weltensammler, der hellseherisch die Position des modernen Intellektuellen beschreibt – Weltensammler und Kosmopolit ist bei uns ja nahezu jeder aufgeklärte Intellektuelle – oder ob wir dem Propagandisten und selbsterklärten Rührwerk-Intellektuellen Ilya Trojanow Glauben schenken, wenn er den modischen Intellektuellenpopulismus frönt, wonach die Welt erst dann zur besten aller möglichen wird, wenn wir morgens Christ, mittags Muslim, abends Hindu sind bzw. dasselbe Ziel dadurch erreichen, dass wir die multikulturelle Durchmischung möglichst auf dem eigenen Territorium auf dem Weg unbegrenzter Einwanderung erreichen.

Visionen der Öde

Trojanow ist sich vermutlich nicht einmal bewusst, dass er damit die Sache der zivilisatorischen Gleichschaltung und Verödung betreibt, die darin ihren natürlichen Abschluss findet, dass wir alle am Ende nur noch an das physikalisch Beweis- und das technisch Machbare glauben. Die Welt einer Freiheit, die Menschen dazu befähigte, hier das Wunder von Chartres zu erschaffen, dort den einzigartigen Kailashnath, die herrlichen Schreine von Ise oder die Vision eines Tadsch Mahal, wird in dieser neuen Welt zu den überall gleichen und gleich gesichtslosen Vorstädten verrührt, die mittlerweile die alte Substanz erstickend umlagern, die aus der Welt als Zaubergarten hier und da noch übrig geblieben ist. Nicht als feiner Seismograph unserer psychischen Befindlichkeit, also nicht als Romanautor, wohl aber als propagandistischer Rührwerk-Intellektueller ist Ilya Trojanow an diesem Prozess einer Uniformierung beteiligt, die weder Schönheit noch Frieden verheißt.

In seinem klugen Buch „Romantik – eine deutsche Affäre“ hat Rüdiger Safranski seine Landsleute davor gewarnt, aus fehlgeleitetem Idealismus Ideen in die Politik zu tragen, die dort nichts zu suchen haben, sondern den Deutschen immer nur größtes Unheil brachten. „Das Romantische gehört zu einer lebendigen Kultur, romantische Politik aber ist gefährlich.“ Das gilt ebenso für den modischen Intellektuellenpopulismus – eine andere Form der Romantik.

 

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