Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Wie die Beraterindustrie vom Crash profitierte

Posted by hkarner - 5. März 2017

András Szigetvari5. März 2017, 08:00 derstandard.at

Eine kleine Gruppe von Finanzdienstleistern hat hunderte Millionen Euro an den Bankenrettungen in Europa verdient

Wien – Als der irische Rechnungshof seinen Bericht über die Gesamtkosten der Bankenkrise vorlegte, war die Überraschung in der Öffentlichkeit groß. 64 Milliarden Euro kostete die irischen Steuerzahler die Rettung ihrer Kreditinstitute laut dem Bericht. Diese Zahl war bereits bekannt. Verwunderung löste aber die Tatsache aus, dass Wirtschaftsprüfer und Finanzdienstleister 152 Millionen Euro vom Staat dafür kassiert hatten, ihn bei der Rettung der Banken beraten zu haben. Etwas mehr als zwei Jahre ist diese Episode her.

Doch Irland spielt eine prominente Rolle in einem soeben erschienenen Report des Transnational Institute (TNI). Das TNI, ein finanzmarktkritischer Thinktank mit Sitz in Amsterdam, hat sich angesehen, wie Wirtschaftsprüfungsgesellschaften von Bankenrettungen in Europa profitiert haben. Von Irland über Spanien, Italien, Slowenien bis hin nach Zypern und Griechenland ergibt sich laut TNI das gleiche Bild. Regierungen haben hunderte Milliarden Euro an Steuergeldern in Banken gesteckt. Die als Basis dafür notwendigen Berechnungen und Bewertungen lieferte oft ein kleiner Kreis von Beratungsunternehmen. Vor allem die Big Four, also KPMG, Ernst & Young, Deloitte und PwC, sowie kleinere Berater wie Lazard aus New York profitierten von Aufträgen im Wert von mehreren Hundert Millionen Euro. Das Transnational Institute kritisiert, dass die gleichen Unternehmen, die vor Ausbruch der Krise für die Kontrolle der Bankenbilanzen zuständig waren und keine Mängel entdecken konnten, häufig auch nachher mit den Aufräumarbeiten beauftragt wurden. Beispiel Spanien: Dort ging die Bankia 2011 an die Börse. Deloitte beriet das Kreditinstitut und bestätigte, dass Bankia zuletzt 300 Millionen Euro Jahresgewinn erwirtschaftet habe. Weniger als ein Jahr später musste die Bank notverstaatlicht werden. Es stellte sich heraus, dass Bankia bei genauem Hinsehen nicht 300 Millionen Gewinn, sondern 4,3 Milliarden Euro Verlust gemacht hatte. Deloitte wurde von der staatlichen Aufsicht deshalb zu einer Strafzahlung verdonnert. Spanien musste Hilfe vom Eurorettungsschirm beantragen. Im Zuge dieses Antrags wurden Sonderprüfungen bei den Banken notwendig. Hierfür erhielten die Big Four, darunter abermals Deloitte, Aufträge von der Regierung im Wert von 30 Millionen Euro. Spanien gab später noch einmal so viel für Berater aus, um mit der Masse an faulen Krediten fertigzuwerden.

Verschätzt

Oft lagen die Prüfgesellschaften völlig daneben. Irlands Notenbank beauftragte zu Beginn der Krise das US-Finanzunternehmen Merrill Lynch damit, zu untersuchen, was die Bankenrettungen den Staat kosten könnten. Meryll Lynch unterschätzte die tatsächlichen Kosten um 40 Milliarden. Die Berater sorgten auch für handfeste Skandale. In Zypern sollte die New Yorker Firma Alvarez & Marsal 2012 berechnen, wie viel Geld zur Rettung der Banken gebraucht werde. Das Unternehmen sollte mit 0,1 Prozent der errechneten Summe entlohnt werden. Damit hätte Alvarez & Marsal ein Interesse gehabt, den Betrag hochzuaddieren. Die medial aufgedeckte Affäre dürfte einer der Gründe für den Rücktritt des Notenbankchefs Panicos Demetriades gewesen sein.

Abseits solcher Einzelfälle sieht Sol Trumbo Vila, einer der Autoren des TNI-Reports, das grundlegendere Problem in der „enormen Marktkonzentration“. Die Big Four sind EU-weit für die Prüfung von etwa 60 Prozent der Bilanzen von börsennotierten Unternehmen zuständig. In Italien und Spanien sind es 80 Prozent. Hinzu kommt, dass die Wirtschaftsprüfer von den Konzernen bezahlt werden, die sie kontrollieren. Die EU hat deshalb neue Regelungen erlassen, die seit 2016 auch in Österreich gelten. Vorgesehen ist, dass bestimmte große Unternehmen, etwa Banken, regelmäßig ihren Wirtschaftsprüfer wechseln müssen. „Das Rotationsprinzip geht in die richtige Richtung“, sagt Trumbo Vila. „Die Regelungen wurden aber auf Druck aus der Branche verwässert.“ Ursprünglich wollte die EU-Kommission, dass große Unternehmen alle sechs Jahre ihren Wirtschaftsprüfer wechseln. Dann wurde der Zeitrahmen auf zehn Jahre verlängert. Österreich nimmt sogar eine Ausnahme in Anspruch, womit die Frist auf über 20 Jahre ausgedehnt werden kann. (András Szigetvari, 5.3.2017) – derstandard.at/2000053556243/Wie-die-Beraterindustrie-vom-Crash-profitierte

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