Seit Donald Trump in Washington die Amtsgeschäfte übernommen hat, ist Jyrki Katainen ein vielbeschäftigter Mann. Regierungsvertreter aus Indien, China und den Golfstaaten sind in den vergangenen Tagen an den Vizepräsidenten der Europäischen Kommission herangetreten, um über engere Handelsbeziehungen zu sprechen. Am Montag dieser Woche war Katainen in Berlin, um Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries über den Stand der Dinge zu unterrichten.

Der Besuch ist Teil eines Abwehrplans, mit dem sich die EU in aller Stille auf die vielleicht größte Herausforderung ihrer Geschichte vorbereitet: eine mögliche Konfrontation mit den Vereinigten Staaten von Amerika.

 Bislang schien ein solcher Konflikt undenkbar. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist ein geeintes Europa ein zentraler Pfeiler der amerikanischen Außenpolitik. Die europäische Integration galt in Washington bislang als Faktor für Frieden und Wohlstand auf der Welt – und hatte den gewünschten Nebeneffekt, einen riesigen Absatzmarkt für amerikanische Waren zu garantieren.

Das wird offenbar nicht mehr so gesehen: Donald Trump hat den Brexit als „fantastisch“ bezeichnet, die EU ist aus seiner Sicht nur gegründet worden, „um die Vereinigten Staaten im Handel zu schlagen“, und sein Kandidat für den Botschaftsposten in Brüssel hat das Staatenbündnis schon einmal mit der Sowjetunion verglichen, die am Ende ja auch von den Amerikanern „zu Fall“ gebracht worden sei.

Wie in Berlin zu hören ist, hat Trump bereits Emissäre losgeschickt, die mit einzelnen Mitgliedsstaaten Handelsabkommen schließen sollen. Auch die deutsche Bundesregierung erhielt ein Angebot aus Washington. Es sieht vor, dass Deutschland mehr amerikanische Rüstungsgüter einkauft, um seinen gewaltigen Exportüberschuss abzubauen. Solche Verhandlungen sind für die EU-Kommission ein Affront, denn in den europäischen Verträgen ist geregelt, dass sie für Handelsfragen zuständig ist.

In Brüssel werden darum die Signale aus Washington als Kampfansage gewertet. Die Unruhe in der Schaltzentrale der EU ist so groß, dass Ratspräsident Donald Tusk vergangene Woche einen Brandbrief an die Staats- und Regierungschefs der Union geschrieben hat. Darin steht in undiplomatischer Schärfe, dass Trump „die vergangenen 70 Jahre der amerikanischen Außenpolitik“ infrage stelle und seine Politik eine Gefahr für die Weltordnung sei.

Man kann Jyrki Katainens diplomatische Offensive als Versuch verstehen, von dieser Weltordnung zu retten, was zu retten ist: Wo sich die Amerikaner abschotten, sollen sich stattdessen die Europäer öffnen. Es ist kein Zufall, dass die Kommission vor wenigen Tagen angekündigt hat, ein neues Freihandelsabkommen mit Mexiko abschließen zu wollen, ausgerechnet mit jenem Land also, dem Trump kürzlich mit Strafzöllen drohte. So könnte die EU zum Garanten einer multilateralen internationalen Handelsordnung werden, wie sie die Amerikaner einst nach dem Krieg geschaffen haben und aus der sie sich jetzt zurückziehen.

Den eigenen Mitgliedsstaaten würde die EU demnach Schutz gewähren, wenn es in der Welt zu ungemütlich wird. So bereitet sich die Kommission darauf vor, auf Strafzölle der Amerikaner mit Vergeltungsmaßnahmen zu reagieren. Forschungsinstitute rechnen bereits durch, was die Europäer der von den Republikanern im Kongress geplanten Grenzausgleichsabgabe – eine Art Sondersteuer auf Einfuhren in die USA – entgegensetzen könnten.

Die alten Fronten brechen auf

Ein Fahrplan für das Konzept soll nach Brüsseler Vorstellungen Ende März vereinbart werden. Dann kommen die Staatschefs in Rom zusammen, um den 60. Jahrestag der Gründung der EU zu feiern.

Es ist nicht das erste Mal, dass Europa sich in einer Krise neu erfinden will. Das hakte oft daran, dass jedes Mitgliedsland seine eigenen Vorstellungen davon hat, was falsch läuft und was nicht. Zuletzt wollten die osteuropäischen Staaten weniger Flüchtlinge, die südeuropäischen mehr deutsches Geld und die nordeuropäischen strengere Haushaltsregeln für alle.

Mit dem Aufstieg von Donald Trump allerdings brechen diese alten Fronten auf. Die Osteuropäer, die Brüssel in der Flüchtlingskrise wiederholt die Gefolgschaft verweigerten, finden auf einmal wieder Gefallen an Europa, weil nicht mehr klar ist, ob sie sich im Ernstfall noch auf die Sicherheitsgarantien der Amerikaner verlassen können. Mit einer gewissen Genugtuung hat man im Rest Europas registriert, dass Jarosław Kaczyński, der Vorsitzende der polnischen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit, angesichts der russischen Bedrohung sogar eine atomare Aufrüstung der EU fordert.

Aus deutscher Sicht wiederum wächst angesichts möglicher Handelskonflikte mit den USA das Interesse an stabilen Verhältnissen im europäischen Binnenmarkt. Der ist immerhin, gemessen an der Bevölkerungszahl, größer als der amerikanische. Dazu passt, dass die deutsche Wirtschaft – die einem neuerlichen Integrationsschub bislang eher skeptisch gegenüberstand – die Europäer nun auffordert, „wieder stärker zusammenzurücken“, wie es der Außenhandelsverband formuliert. Immerhin: Auch nach dem Austritt der Briten wäre der europäische Markt immer noch größer als der amerikanische. Währenddessen nimmt auch in dem für gewöhnlich sehr auf seine Souveränität bedachten Frankreich die Bereitschaft einiger Akteure zu, Macht an die europäische Ebene abzugeben. Jedenfalls ist derzeit nicht ausgeschlossen, dass mit Emmanuel Macron ein dezidiert europafreundlicher Kandidat die Präsidentschaftswahlen gewinnen wird.

Und so wächst die Hoffnung, dass sich aus dieser Interessenkonstellation nach den Wahlen in Deutschland und Frankreich ein Zeitfenster für „neue Projekte“ öffnen könnte, wie es ein Brüsseler Beamter ausdrückt.

Denkbar ist etwa mehr Zusammenarbeit in der Verteidigungspolitik, um den Sorgen der Osteuropäer besser zu begegnen. Die müssten dafür dann allerdings mehr Flüchtlinge aufnehmen oder sich zumindest stärker für die Sicherung der Außengrenzen engagieren. Die Franzosen wiederum würden – was durchaus denkbar ist, wenn Marine Le Pen nicht Präsidentin werden sollte – das Engagement der EU-Kommission für den Freihandel unterstützen, und Deutschland müsste sich im Gegenzug zu Zugeständnissen in der Euro-Politik bereit erklären.

Das wäre für jede Bundesregierung brisant, dennoch würde ein solcher Deal an den Deutschen wahrscheinlich nicht scheitern. Zwar sind weder SPD noch die Unionsparteien bereit für radikale Maßnahmen, etwa für eine gemeinsame europäische Schuldenaufnahme, aber weniger kontroverse Beschlüsse wie mehr Geld für Investitionen oder Schuldenerleichterungen für Griechenland könnte man sich in der nächsten Legislaturperiode auch im Umfeld von Angela Merkel vorstellen. Und Martin Schulz hätte damit sowieso kein Problem.

Dass daraus ein grand bargain wird, ein großer Deal, der das europäische Einheitswerk auf eine neue Grundlage stellt, ist eher unwahrscheinlich – aber womöglich reichen die Gemeinsamkeiten aus, um die Zerfallsprozesse der vergangenen Jahre zu stoppen. Und das könnte in der derzeitigen Weltlage durchaus als Erfolg durchgehen.