Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

„Jeder Staat schützt seine heilige Kuh“

Posted by hkarner - 6. Februar 2017

Der Schweizer Whistleblower Rudolf Elmer arbeitete für die Bank Julius Bär, machte Daten über Geldwäscher und Steuersünder publik und kämpft mit der Justiz – nun auch im Kino.

Die Presse: Wie lebten Sie als Banker auf den Cayman Islands?

Rudolf Elmer: Es ist sehr schön dort, aber langweilig schön. Die Insel ist flach und klein. Man sieht immer die gleichen Leute. Viele vereinsamen und trinken zu viel – tolle Strandbars gibt es ja genug.

Sie wussten aber, dass die Steueroase einen schlechten Ruf hat?

Ich ging mit einer Pfadfindermentalität hin: Man muss sich das anschauen, versuchen zu verändern. Aber man wird angefüttert, ein Teil des Systems. Man verliert seine Erziehung und sein Gewissen.

Wie kam es zum Bruch?

Nur das Management von Julius Bär wusste über die Kunden Bescheid. Etwa über den mexikanischen General Chaparro, der wegen Verbindungen zu Drogenmafia und Waffenhandel im Gefängnis saß. Ich sagte mir als Compliance-Verantwortlicher: Ich habe keine Zeit, die Kunden zu überprüfen, ich vertraue meinen Vorgesetzten. Dann gab es aber gewisse Geschäfte, die ich nicht akzeptierte und mehrfach in Zürich reklamierte. So wurde ich zum Problem für die Bank. Der Chef vor Ort wollte mich draußen haben.

Haben Sie mit Kundendaten Geld verdient?

Ich habe ganz bewusst nie Daten verkauft. Das wäre für mich der Schritt zum Kriminellen. Auch im Streit mit der Bank wollte ich kein Geld. Sie hatte mir schon 2006 eine hohe Summe offeriert.

Stattdessen gingen Sie an die Öffentlichkeit. Für die Schweizer Medien waren Sie ein Nestbeschmutzer. Wie ist das heute?

Es ändert sich. Die Öffentlichkeit beginnt zu verstehen, was in diesem zwölfjährigen Verfahren gegen mich abläuft. Aus dem Fall Elmer wurde ein Fall Bankgeheimnis. Man wollte an mir exemplarisch zeigen, dass es noch existiert. Damit nur ja niemand auf die Idee kommt, es mir nachzumachen. Ich erzähle, was ich erfahren habe: dass die Justiz die Daten nicht untersuchen wollte und die Staatsanwaltschaft ihre Weitergabe an den Fiskus stoppte. Dabei könnten die Daten rechtlich verwendet werden, weil sie kein Diebesgut sind. Aber es ist verständlich: Jeder Staat schützt seine heilige Kuh.

Deshalb gingen Sie mit Ihrem Wissen ins Ausland?

In der Schweiz hätte ich keine Chance gehabt. Der Durchbruch waren der Kontakt mit WikiLeaks 2008 und die Berichte darüber. Mithilfe der Medien habe ich die Justiz gezwungen, Position zu beziehen. Und ich ging dazu bewusst nach London, dem Konkurrenten des Finanzplatzes Zürich. Dort verschafft man sich Gehör.

Die Daten haben Sie noch?

Ja klar. Das ist eine Versicherung für mich. Ich habe nach 2008 Teile davon den deutschen, englischen und amerikanischen Steuerbehörden übergeben, auch den Geheimdiensten. Dort gehören sie hin, die müssen den Dingen nachgehen.

Ist die heilige Kuh Bankgeheimnis nicht längst geschlachtet?

Überhaupt nicht. Innerhalb der Schweiz wurde der Maulkorb für Bankmitarbeiter noch schärfer geschnürt, mit viel höheren Strafen.

Wichtiger ist das globale Geschäft. Hat hier nicht der automatische Informationsaustausch das Bankgeheimnis ausgehöhlt?

Nur zum Teil. Probleme bekommen kleine Fische: Ausländer, die ein Konto mit 100.000 Franken an nicht versteuerten Geldern haben. Die großen Fische haben Konstruktionen über mehrere Länder. Sie verschleiern den wirtschaftlichen Eigentümer – mit Trusts, Fonds oder Inhaberaktien. Dieses Geschäft läuft weiter. Und es ist durch den Druck auf Datenaustausch noch lukrativer geworden.

Das Geschäftsmodell der Schweizer Banken funktioniert also immer noch?

Angekratzt ist es ein wenig, durch den Geiz mancher Superreicher, die nicht bereit sind, viel Geld für solche Konstruktionen auszugeben. Früher war es einfacher, sie mussten nur ein Konto eröffnen.

Helfen Strafen gegen Banken?

Die HSBC konnte sich nach ihrem Geldwäscheskandal in Genf mit 40 Millionen Franken freikaufen. Ein Quartalsgewinn, was soll’s. „Der Reiche trägt das Gesetz in seinem Portemonnaie“, das war schon zu Rousseaus Zeiten so.

Unser Eindruck ist aber, dass Großbanken ihre neuen Kunden heute viel genauer prüfen.

Der öffentliche Druck zwingt sie dazu. Ich bin auch überzeugt, dass es manche Banken sehr ernst nehmen – weil die Risken zu groß werden. Vor allem mit den Amerikanern. Denn die sagen dann: Entweder ihr liefert Kundendaten, oder ihr seid aus dem Zahlungsverkehr im US-Dollar draußen.

Sie haben bewusst selbst für Ihre Tochter einen Trust, also eine Art Stiftung errichtet. Warum?

Die Trust-Idee stammt von den Kreuzrittern: Sie vertrauten ihr Vermögen dem Nachbarn an, damit für Frau und Kinder gesorgt ist. Das Konzept ist in Ordnung. Aber es wurde missbraucht. Das Problem ist die Geheimhaltung.

Menschen aus Ländern mit instabiler Währung und Politik bringen ihr Geld zu Recht ins Ausland. Warum sollten sich nicht kleine Staaten darauf spezialisieren, es gut zu verwalten?

Es wird dann zum Problem, wenn diese Kleinstaaten damit anfangen, das Recht anderer Staaten gezielt zu unterwandern. Wenn in der Schweiz etwa Steuerhinterziehung kein Straftatbestand ist, sondern nur ein Vergehen.

Wie geht es Ihnen heute persönlich, müssen Sie noch zittern?

Ich zittere nicht mehr! Ich habe mich selbst wieder gefunden. Das ist das Schöne an der Geschichte.

 

 

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