Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

2017: Babylonische Sachverwirrung, Populismus und linke Konfusion

Posted by hkarner - 10. Januar 2017

Kommentar | 06.01.2017 MakroskopFlassbeck

Die Informationsflut, der sich die Menschen gegenübersehen, wird nur noch durch wenige Kanäle geleitet. Der Mainstream dominiert die öffentliche Diskussion, obwohl er offensichtlich in die falsche Richtung fließt. Linke Intellektuelle aber blockieren jede Alternative zum Mainstream, weil sie zwar große Ziele lieben, aber die Diskussion über den Weg dorthin hassen.

Viele Menschen gehen in das neue Jahr mit der gleichen Unsicherheit hinein, mit der sie aus dem alten herausgegangen sind. Sie fragen sich, wie die Welt oder auch nur ihr Land die gewaltigen anstehenden Probleme lösen soll, wenn es doch fast nicht mehr möglich ist, auch nur eine kleine Frage vernünftig zu diskutieren und zu einem guten Ende zu bringen, von den großen Fragen ganz zu schweigen.

Es war zu befürchten, dass es so kommt. Wir werden mit immer mehr Informationen geflutet, aber die Institutionen, die uns helfen könnten, diese Fluten so zu kanalisieren, dass wir etwas daraus lernen, werden immer schwächer. Früher hielt man sich vor allem an gedruckte Informationen, weil man vermutete, dass die Mühe und die Kosten des Druckens schon dafür sorgen würden, dass nicht alles und jedes verbreitet wird.

Das „Netz“, wo alle Informationen gleich wertvoll aussehen und wo jeder alles und jedes fast ohne Kosten öffentlich machen und verewigen kann, wird mit seiner Informationsflut aus der Sicht vieler Beobachter zu einem unserer zentralen Probleme statt zum Problemlöser. Doch der Unterschied zwischen den Foren des Netzes und den Stammtischen der letzten tausend Jahre liegt nur darin, dass Schallwellen schneller verschwinden als elektronische Aufzeichnungen und dass das beim Verzapfen des Blödsinns getrunkene Bier das Vergessen der Stammtischparolen leichter machte.

Die eigentliche Veränderung liegt darin, dass den „offiziellen“ Medien von der Informationsflut des Netzes ihre Geschäftsgrundlage geraubt wird, weil Informationen als solche unverkäuflich geworden sind, denn jede Information gibt es irgendwo umsonst. Aus reiner Notwehr sind die traditionellen Medien mehr und mehr zu einer Verteidigungsmaschine dessen geworden, was ihre Besitzer und ihre Macher für die reine Wahrheit halten.

Wer nämlich Information nicht mehr verkaufen kann, versucht Meinung zu verkaufen. Doch mit der Meinung ist es nicht so einfach wie mit den Informationen. Hat eine Redaktion fünf starke Meinungen, hat sie in der Außenwirkung keine einzige wirkungsvolle mehr. Hat sie nur eine Meinung, dann ist das die des Verlegers und die Meinungen der zehn wichtigsten Verleger sind alle gleich. Also kommentieren sie die Ereignisse der Welt immer einheitlicher und verzweifeln gleichzeitig dabei, weil sie wissen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das niemand mehr hören und lesen will.

Für die Politik sieht das für einen Moment sehr gut aus, weil die Meinung der zehn größten Verleger natürlich auch die Meinung der zehn einflussreichsten Politiker ist. Folglich lässt man sich vergnüglich im Mainstream treiben und kommt niemals auf den Gedanken, der könnte in die falsche Richtung fließen. Die Hunde im Netz bellen zwar laut, doch die Karawane „der großen Geister“ zieht unbeeindruckt weiter.

Führt der Mainstream aber doch in die Irre, merken es irgendwann die Menschen und sie sind nicht mehr bereit, die Boote im Mainstream der Medien und der Politik zu ziehen. Sie wählen „Alternativen“, die vorgeben, gegen den Mainstream zu sein, selbst wenn die „Rebellen“ nur mühsam verdecken können, dass sie Scharlatane sind.

Genau da ist die Welt zu Beginn des Jahres 2017. In den USA wird ein Mann Präsident sein, der nichts als Mainstream kennt und in dieses Amt gewählt wurde, weil die Masse der Menschen mit ihrer wirtschaftlichen Lage unzufrieden ist und er für ein paar Monate überzeugend die Rolle des Rebellen gespielt hat.

In Europa stehen große Veränderungen an, weil die wirtschaftliche Lage sieben Jahre nach Beginn der Krise katastrophal ist, die Arbeitslosigkeit auf extrem hohem Niveau nicht sinkt und die Wirtschaftspolitik ihr klägliches Versagen mit Alternativlosigkeit verteidigt. Deutschland sonnt sich politisch und medial in seiner Sonderrolle, gibt vor, alles richtig zu machen und die veröffentlichte Meinung ist übereingekommen, Deutschlands unerträglichen Merkantilismus und seine Schuld in und an der Eurokrise durch standhaftes Leugnen und Verschweigen aus der öffentlichen Auseinandersetzung zu verbannen.

Genau da betritt der Populismus die Bühne bzw. das, was zum Populismus erklärt wird. Alles, was nicht ins deutsche Fahrwasser passt, ist gefährlicher Populismus, weil es vorgibt, man könne ohne schmerzhafte Anpassungsprozesse so erfolgreich wie Deutschland sein. Wer sagt, man müsse die Löhne nicht senken, ist ebenso ein schlimmer Populist wie der, der behauptet, man könne die Probleme Europas durch mehr Nachfrage, womöglich sogar staatliche Nachfrage, lösen. Wer so weit geht, die staatliche Nachfrage nicht durch höhere Steuern, sondern durch höhere Kreditaufnahme (vulgo: Schulden) zu finanzieren, ist kein Populist mehr, sondern ein gefährlicher Volksverhetzer.

Daraus lässt sich unschwer folgern: In Deutschland ist Dummheit zur Staatsraison geworden. Die einfache Einsicht, dass in einer Währungsunion in Sachen Wettbewerbsfähigkeit nicht alle tun können, was einer tut, wird aus dem intellektuellen Leben ebenso verbannt wie die unbestreitbare Erkenntnis, dass es kein Sparen ohne Schulden gibt. Die deutsche Politik und die deutschen Medien agieren auf dem intellektuellen Niveau eines Kleinkindes. Das muss man so sagen, weil man nicht dauernd alle Hausfrauen, auch nicht die schwäbischen, beleidigen kann.

Doch die Dummheit hat noch eine ganz andere Dimension, eine Dimension, die noch viel größer und noch viel gefährlicher ist als die Beschränktheit des deutschen Kleinkindes. Von ganz weit außen, von links außen schallt denen, die sich gegen den Mainstream stellen, entgegen, sie sollen aufhören, über diese Themen überhaupt zu reden, weil auch sie ja nur traurige Sklaven eines Systems seien, das zum Scheitern verurteilt ist. Ja, man solle den anderen ruhig noch einmal für ein paar hundert Jahre das Feld überlassen, weil  „das System“ nur dann wirklich ökologisch und ökonomisch umfassend reformiert werden könne, wenn es nicht gerettet werde, sondern vollständig zusammenbreche. Das Ziel müsse die Überwindung unserer heutigen Wirtschaftsordnung sein.

Ein unglaubliches Beispiel für die zweite Dimension der Dummheit hat gerade der „linke“ britische Journalist George Monbiot im Guardian abgeliefert (hier). Nachdem er seitenlang über den Neoliberalismus herzieht, „muss“ er am Ende auch „den anderen“ sagen, dass sie total versagt haben, weil es ihnen nicht gelungen ist, eine ganz neue Theorie zu entwickeln, die gleich weit von Neoklassik wie von Keynesianismus ist. Das gipfelt in dem wirklich nur idiotisch zu nennenden Satz, jede Anrufung von Keynes sei ein Eingeständnis des Scheiterns („Every invocation of Lord Keynes is an admission of failure”). Entscheidend dafür sei in erster Linie, dass der Keynesianismus nur funktioniere, wenn der private Konsum und das Wachstum stimuliert werden und genau das sei für die Zerstörung der Umwelt verantwortlich.

Wer also gesamtwirtschaftlich denkt, wer versucht, zu verstehen, wie das System, in dem wir leben, wirklich funktioniert und wie der Weg zu den großen Zielen konkret aussehen könnte, ist schon ein Keynesianer und gescheitert, bevor er überhaupt etwas zu Wachstum und Konsum gesagt hat. Es fehlt in dieser Argumentation nur noch der ebenfalls in bestimmten links-ökologischen Zirkeln gern genutzte Hinweis darauf, dass staatliche Schulden ein Beleg für nicht nachhaltiges Wirtschaften sind und schon ist die gesamte Alternative zu Neoklassik und Neoliberalismus auf die Größe eine Stecknadelkopfes geschrumpft. Bravo, mit dieser Art der geistigen Selbstkastration bereitet man den Weg für den endgültigen Sieg der Unvernunft.

Denn was geschieht, wenn der Mainstream alternativlos und zugleich erfolglos ist? Das ist eben nicht die Stunde einer sterilen Linken, sondern die große Stunde derer, die für „Aktion um der Aktion willen“ sind und für die das allgemeine Mistrauen gegenüber denen, die ernsthaftes Nachdenken und politische Vernunft anstreben, das einzige politische Programm ist. Dann bekommt man, wie es Umberto Ecco gelehrt hat, Faschismus in der einen oder anderen Form, ganz gleich, ob man das will oder nicht.

 

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