Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Neujahrsvorsätze oder Das programmierte Scheitern

Posted by hkarner - 1. Januar 2017

https://nzz.at/s/pUqivux2

Meinung / von Michael Fleischhacker / 1/1/2017, NZZ.atFleischhacker CC

Als Wunderjahr haben wir 1989 in Erinnerung, als mit dem Fall der Berliner Mauer das Ende des Kalten Krieges eingeläutet wurde, jener Nachkriegesordnung, die die Welt in eine freie und eine unfreie Hälfte geteilt hatte. Österreich, bis dahin so etwas wie das Niemandsland zwischen West und Ost, hat davon profitiert wie kaum jemand sonst.

Als Horrorjahre gelten 2001, als mit den Anschlägen vom 11. September und der Reaktion der Vereinigten Staaten darauf klar wurde, dass der globale Siegeszug von Demokratie, Frieden und Wohlstand noch auf erheblichen Widerstand stoßen würde. Und 2008, als mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers die schon von Überhitzung geprägte Boom-Phase endete, die dem 9/11-Schock folgte.

Horrorjahr 2016?

2016 galt vielen ebenfalls als annus horribilis. Zu viele wichtige Musiker seien gestorben, heißt es, das Abgleiten der Türkei in die Diktatur lasse nichts Gutes erahnen, die Wahl des irrlichternden Isolationisten Donald Trump werde die Welt in Kombination mit dem forschen Auftreten Russlands noch vor erhebliche Probleme stellen.

Ja, und die vier „Neuanfänge“ für die so genannte Große Koalition, die Österreich nach dem Wechsel von Werner Faymann zu Christian Kern an der Spitze von SPÖ und Bundesregierung erlebt hat, scheinen auch nicht so ganz funktioniert zu haben. Zwar steht in den nach besonders durchwachsenen Jahren beliebten Warum-2016-doch-nicht-so-schlecht-war-Listen „Werner Faymann ist nicht mehr Bundeskanzler“ ganz oben. Der ganz große Befreiungsschlag für Partei, Regierung und Land scheint dieser Wechsel aber doch nicht gewesen zu sein.

Im politischen Betrieb haben sich die Neujahrsvorsätze, die sich viele Menschen im persönlichen Bereich immer noch machen – um ihr Leben von einem Tag auf den anderen gesünder, solider, langsamer und/oder genussreicher zu machen –, längst von der kalendarischen Zäsur des 1. Jänner gelöst. Zwar gibt es noch die Neujahrsklausuren und Dreikönigstreffen, die der Motivation des politischen Kaders vor allem in potenziellen Wahljahren dienen sollen, aber das „Neustart“-Pathos ist eher zum Teil einer politischen Alltagskultur geworden, die kulturell sonst nur noch wenig zu bieten hat.

Kein gutes Zeichen

Es ist kein gutes Zeichen für den Zustand von Strukturen und Personal und dient auch nicht dem Vertrauen der Bürger in die politische Klasse, dass sie inzwischen auf der politischen Bühne zwei- bis dreimal im Jahr sehen, was in ihrem persönlichen Leben als wesentlicher Grund für das Scheitern längst klar geworden ist: dass die Kombination aus überambitionierten Zielen und einer unzureichenden Analyse der tieferen Ursachen der zu bekämpfenden Symptome zum Scheitern führt. Und dass dieses Scheitern einen noch weiter runterzieht.

Es ist gut dokumentiert, dass starke Raucher mit jedem gescheiterten Versuch, von einem Tag auf den anderen mit dem Rauchen aufzuhören, im Lauf dieser Versuche zu immer noch stärkeren Rauchern werden. Jeder gescheiterte Versuch, es jetzt aber wirklich und grundsätzlich und für immer zu schaffen, macht die Sache nur schlimmer. Man verliert das Vertrauen in sich selbst und fürchtet zurecht, dass man von der Umgebung, der man jedes Mal im Brustton der Überzeugung sein „Diesmal aber wirklich“ entgegenschmettert, nicht mehr ernst genommen wird.

Im Politischen ist es nicht viel anders, das hat 2016 in Österreich besonders deutlich gezeigt. Es kam und kommt nicht darauf an, dass der eine Kanzler mit dem anderen Vizekanzler besser kann als mit dem anderen Außenminister, es geht nicht darum, dass man das gemeinsam Erreichte nur besser verkaufen und sich wechselseitig etwas gönnen soll. Es geht darum, dass die österreichische Bevölkerung eine von SPÖ und ÖVP gebildete Regierung einfach nicht mehr will. Nicht erst seit gestern und aus sehr guten Gründen.

Der Zynismus regiert

Auch der Selbsthass, der sich mit jedem gescheiterten Versuch einstellt, verschont den politischen Betrieb nicht, wie man täglich beobachten kann. Wo die Diskrepanz zwischen öffentlich verkündeter Moral und im Alltag gelebter Unmoral zu groß wird, nimmt sich der Zynismus sein Recht und löst diesen Widerspruch zugunsten der öffentlich verkündeten Unmoral auf.

Das ist die Situation, in der wir uns am Beginn des Jahres 2017 befinden, in Österreich und international. Hoffen wir, dass die politischen Akteure das tun, was beim Einzelnen nach mehreren gescheiterten Neustart-Versuchen gelegentlich wirkt: die Vorsätze ein, zwei Nuancen zurücknehmen, auf große öffentliche Ankündigungen verzichten und die Beobachter des Geschehens nach einigen Wochen mit respektablen Verbesserungen überraschen.

 

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