Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Der Architekt: Otmar Issing über das Ende des Euros

Posted by hkarner - 13. Dezember 2016

EU | 08.12.2016, Makroskop

In einem Interview mit Centralbanking.com Mitte Oktober erzählt Otmar Issing seine Sicht der Dinge. Der ehemalige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB) befürchtet ein Ende des Euros, da eine weiterführende politische Einigung nicht möglich sei.

issing-ccOtmar Issing gilt als einer der Vertreter des deutschen Monetarismus und war bei Bundesbank und der EZB viele Jahre in führenden Positionen (u. a. als Chefvolkswirt) tätig. Er ist im Ruhestand und beobachtet die Entwicklungen inzwischen von der Seitenlinie, da er nicht mehr für eine Zentralbank arbeitet.

Issing und der Monetarismus – der Prophet liegt daneben

In dem Interview geht es zunächst um den Monetarismus und Issing erzählt, dass er im Übergang von Bundesbank zu EZB dem Monetarismus eigentlich abgeschworen hatte. „I would be strongly against a monetary target“, so hätte er bei der EZB vor einem Geldmengenziel gewarnt. Aufgrund der unsicheren strukturellen Situation mit einer Zentralbank für elf Länder hätte man unmöglich vorhersagen können, wie hoch der Liquiditätsbedarf sei. Letztlich ging aber alles weiter seinen Lauf ohne jegliche Störungen, als der Euro eingeführt wurde. Issing kritisiert allerdings an der Politik der EZB, dass diese die quantitative Entwicklung von Geld und Kredit ignoriert hätte. Dies hätte zur Entwicklung von Finanzblasen beigetragen und damit als ein Grund von mehreren die Krise verursacht.

Diese Äußerungen erscheinen allerdings in einem etwas anderen Licht, wenn man Issings Texte aus früheren Jahren liest. Bei ZEIT online beispielsweise veröffentlichte er im März 2010, also zu einer Zeit, in der man von expansiver zu restriktiver Fiskalpolitik umschwenkte, unter dem Titel „Zu viel Geld ist gefährlich“ einen Beitrag mit der Unterüberschrift „Die keynesianische Politik produziert hohe Staatsschulden und neue Finanzblasen. Der Monetarismus wird eine Renaissance erleben“ (hier). Diese Sätze verwundern, denn es war ja gerade die nicht-keynesianische jüngere Periode mit der Geldpolitik und den Finanzmarktblasen, die über „bail-outs“ von Banken und einbrechende Steuern zu einer höheren Staatsverschuldung geführt hatten. Auch die monetaristische Renaissance ist ausgeblieben – inzwischen fordern IWF, OECD, Stiglitz und Krugman sowie fast alle internationalen Ökonomen von Rang eine stärker expansive Politik in Deutschland.

»„Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen“ – diese für den Monetarismus fundamentale These Milton Friedmans wird sich immer wieder bestätigen. Hoffentlich muss die Welt nicht erst durch eine neue Phase der Inflation an ihre Gültigkeit erinnert werden.«

So endet der Artikel von Issing. Dass das schon rein logisch nicht haltbar ist, hat Heiner Flassbeck vielfach gezeigt (hier zum Beispiel). Aber auch empirisch steht diese Behauptung auf schwachen Beinen. Auf die „neue Phase der Inflation“ warten wir heute immer noch, inzwischen würden wir sie sogar begrüßen. Wir haben allerdings auch inzwischen gelernt, dass die Inflationsrate wesentlich von der Veränderung der Lohnstückkosten abhängt. Wenn die Löhne nur schwach wachsen, wo sollen dann die höheren Preise herkommen? Ende 2016 sind wir vom Monetarismus weit entfernt und keynesianische Ansätze – Helikoptergeld, europäisches Finanzministerium, Juncker-Plan, etc. – stehen wieder im Zentrum der Wirtschaftspolitik.

Wettbewerbsfähigkeit in der Eurozone

Issing spricht auch die Probleme der Zeit vor der Währungsunion an. Anscheinend ist er der Meinung, dass in der Europäischen Währungsunion weiterhin kritische Entwicklungen vorhanden sind, die zu der Krise geführt haben. Natürlich sei es ein Problem, so Issing, wenn Löhne stärker wachsen als die Produktivität. Jean-Claude Trichet hätte davor häufiger gewarnt. Dies ist richtig, gleichzeitig hat Trichet – und ist das sicher nicht ohne den Einfluss der Chefvolkswirts geschehen – das deutsche Lohndumping gerechtfertigt. In einer Rede von 2006 bei der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (hier) sagte Trichet:

»Germany has seen very moderate growth in unit labour cost over an extended period, leading to a correction of the losses in competitiveness as a result of German reunification. This correction and the related sustained period of relatively low inflation is, of course, fully justified and perfectly welcome. It also shows that adjustment mechanisms in EMU do work.«

»In Deutschland hat man einen moderaten Lohnstückkostenzuwachs über einen längeren Zeitraum verzeichnet, welcher zu einer Korrektur der Wettbewerbseinbußen aufgrund der deutschen Wiedervereinigung geführt hat. Diese Korrektur und der damit zusammenhängende Zeitraum der relativ geringen Inflation ist natürlich vollkommen gerechtfertigt und wird willkommen geheißen. Dies zeigt auch, dass die Anpassungsmechanismen in der Währungsunion funktionieren.« (freie Übersetzung)

Trichet war auf einem Auge blind: Es war seiner Auffassung nach kein Problem, dass die Löhne in Deutschland langsamer wachsen als die Produktivität, weil er daran glaubte, dass Deutschland einen Nachholbedarf in Sachen Wettbewerbsfähigkeit hatte. Auch Issing erklärt, dass der Euro nicht als Vehikel gedacht war, mit dem sich die deutsche Exportindustrie einen unfairen Vorteil erarbeiten kann. Auch er behauptet, Deutschland hätte lange Jahre gebraucht, bis seine Wettbewerbsfähigkeit wieder hergestellt war.

Wäre das so gewesen, dann hätte Deutschland aber mit dem Beginn der Währungsunion nicht solche Exporterfolge feiern können. Denn das geht ja nur, wenn man absolut wettbewerbsfähiger ist als die anderen, nicht aber, wenn man erst in Sachen Wettbewerbsfähigkeit aufholt. Folglich war das zu geringe Wachstum der Löhne in Deutschland ebenso ein Problem wie das zu starke Wachstum in Südeuropa. Dass die deutsche Entwicklung zu einem deflationären Währungssystem führen könnte, hatten keynesianisch ausgerichtete Ökonomen schon in den 1990er Jahren bemängelt. Heute zeigt sich das Problem in aller Deutlichkeit: wir haben in der Eurozone Inflationsraten, die weit unter der Zielinflation von etwas unter 2% liegen.

Inzwischen versteht die Mehrzahl der internationalen Ökonomen, dass Deutschland mit seiner Lohndrückerei der Hauptverursacher der Eurokrise war. Die Abweichungen der Lohnzuwächse von denen der Produktivität waren eklatant. Auch wenn die restlichen Länder einer goldenen Regel gefolgt wären und dort Produktivitäts- und Lohnwachstum übereingestimmt hätten, so wäre doch alleine durch die deutschen Kampflöhne eine Krise mit großen makroökonomischen Ungleichgewichten entstanden. Die Immobilienbooms in der Peripherie haben diese Krise nur herausgeschoben, denn solange der Boom andauerte, gab es auch in der Peripherie ausreichend Nachfrage, um die Arbeitslosenzahlen zu senken.

Die Erbsünde laut Issing

Issing bemängelt neben der Entwicklung der Lohnstückkosten, dass Deutschland und Frankreich ständig die Grenzen des Stabilitäts- und Wachstumspaktes überschritten hätten. Durch die seiner Meinung nach zu hohen Staatsausgaben hätten diese Länder dem Pakt den Todesstoß versetzt. Der dritte Punkt, der zur Krise führte, seien die Immobilienblasen in Irland und Spanien gewesen. Diese seien politische Fehler gewesen. Mit dieser Meinung steht Issing allerdings relativ alleine da, denn die Verantwortung für das Kreditmengenwachstum liegt ja im Endeffekt bei der Zentralbank, die mit einer entsprechenden Zinserhöhung so ziemlich jeden Boom stoppen kann. Schließlich hat Issing ja selbst kritisiert, dass die EZB nicht auf das Kreditmengenwachstum geachtet hätte. Dann aber heißt das, dass die Verantwortung für spekulative Blasen bei der Zentralbank liegt.

Neue Währung Euro: „Der Traum der anderen“!

Issing kritisiert die anderen Länder in der Eurozone immer wieder und pickt sich insbesondere Italien heraus. Das Land hätte seit langem die niedrigsten Realzinsen gehabt und nichts daraus gemacht. Stattdessen würden die Politiker in diesen Ländern nun Deutschland verantwortlich machen. Dabei wären es doch die anderen Länder gewesen, die sich Stabilität vom Euro versprochen hätten – „it was their dream!“, so Issing.

Angesprochen auf die Frage, ob der Euro der Preis war, den Deutschland zahlen musste für die Wiedervereinigung, erklärt Issing, dass Kohl selbst Deutschland stärker in Europa verankern wollte und daher für den Euro gewesen wäre. Protokolle zeigen allerdings, dass man den Euro sehr wohl als den Preis der Wiedervereinigung ansehen kann (hier). So heißt es in einem Artikel bei SPON zu dem Thema:

»Der frühere Bundesbank-Präsident Karl-Otto Pöhl wurde noch deutlicher: „Möglicherweise wäre die Europäische Währungsunion gar nicht zustande gekommen ohne deutsche Einheit.“«

Im zweiten Teil dieser Miniserie geht es um die fehlende fiskalische Komponente des Euros, die „bail-outs“ der Banken, Einlagensicherung und „quantitative easing“ (QE) sowie die Frage, wie die Krise des Euros beendet werden kann.

 

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