Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Noch mehr „schöpferische Zerstörung“? Wieso sich die Neoklassik mit der Eurokrise so schwer tut

Posted by hkarner - 28. November 2016

Weltwirtschaft | 25.11.2016, Makroskop

Nach sechs Jahren mit weitgehender Stagnation in der Eurozone und schwachem Wachstum in den USA kann man nicht mehr von einem „temporären Schock“ reden. Es geht offensichtlich um tieferliegende Probleme.

Neoklassische Grundlagen: Der langfristige Wachstumspfad

In einer der üblichen Vorlesung zum Master in Volkswirtschaftslehre bekommt man Wachstumsmodelle erklärt. Hier versucht man zu erklären, wie schnell oder langsam sich eine Volkswirtschaft über lange Zeiträume entwickeln wird.

Langfristiges Wachstum hängt in der einfachen Variante von dem realen Kapitalstock (Maschinen etc.) und der Menge der eingesetzten Arbeit ab. In weiterführenden Modellen gibt es dann auch technologischen Fortschritt, der die Arbeitsproduktivität oder die Produktivität des eingesetzten Kapitals pro Einheit erhöht. Typischerweise braucht man dafür guten Wettbewerb und flexible Arbeitsmärkte.

Aus verschiedenen Annahmen kann man mathematisch einen langfristigen Wachstumspfad herleiten, also beispielsweise einen Pfad, auf dem die Wirtschaft um 3% jährlich wächst. Der langfristige Wachstumspfad hängt im Prinzip von angebotsseitigen Strukturen ab: Eine (mathematisch formulierte) Produktionsfunktion benutzt die Faktoren Arbeit und Kapital, um in irgendeiner Weise Güter und Dienstleistungen herzustellen.

Die produzierten Güter werden entweder konsumiert oder wieder investiert. Wenn vermehrt konsumiert wird, muss im gleichen Jahr weniger investiert werden und anders herum. Auf Makroskop hatten wir jedoch öfters darauf hingewiesen, dass höherer Konsum mehr Investitionen schaffen kann, weil Firmen positiv auf die Nachfrage reagieren. Innerhalb des einfachen neoklassischen Modells ist dies allerdings nicht möglich, da die zentrale Rolle der Geldschöpfung, nämlich die zusätzliche Nachfrage in einer wachsenden Wirtschaft zu ermöglichen, ignoriert wird. Unterauslastung der Produktion oder wachsende Lagerbestände, die aufgrund von fehlender Nachfrage entstehen könnten, kommen in den grundlegenden Modellen erst einmal nicht vor. Statt dessen nimmt man im Sinne des Gesetzes von Say an, dass sich das Angebot seine Nachfrage selbst schafft (dazu mehr auf Makroskop hier und hier).

Staatsausgaben beeinflussen den langfristigen Pfad nicht, neue Technologien oder Geldpolitik lassen die Wirtschaft um den Pfad herum schwanken

Staatsausgaben können den langfristigen Wachstumspfad nicht beeinflussen, da im einfachen neoklassischen Modell der Privatsektor seinen Konsum einschränkt, sobald der Staat mehr ausgibt (Stichwort Ricardianisches Äquivalenztheorem, dazu mehr auf Makroskop hier und hier). Man nimmt an, dass der Staat diese Ausgaben in der Zukunft wieder durch höhere Steuern eintreiben wird. Der Privatsektor antizipiert dieses Verhalten und spart angesichts der zukünftigen Steuerbelastung heute mehr, so dass das Wirtschaftsgeschehen nicht beeinflusst wird.

Um den langfristigen Wachstumspfad herum kann es jedoch konjunkturelle Schwankungen geben, die oft durch Schocks auf die Produktivität erklärt werden. Man denke hier an die Entdeckung einer neuen Technologie. Aber auch eine überraschende Geldpolitik kann kurzfristig Auswirkungen auf das Wachstum und die Beschäftigung haben. Gängige Geldpolitikmodelle schauen sich typischerweise linearisierte – also kleine – Abweichungen vom langfristigen Wachstumspfad an. Alle diese Faktoren beeinflussen den langfristigen Pfad aber nicht nachhaltig.

Es sei angemerkt, dass die heutige Volkswirtschaftslehre natürlich nicht ganz so einfach aufgebaut ist, wie ich es hier skizziere. Neoklassische Modelle haben sich weiterentwickelt. Es gibt ganze Vorlesungen über nicht-perfekten Wettbewerb oder heterogene (also unterschiedliche) Wirtschaftssubjekte, wo man nicht mehr so tut, als seien alle gleich. Zentrale Themen wie die Interaktion zwischen der Finanzwelt und der realen Produktion werden aber nach wie vor nur vereinzelt angegangen. Zum überwiegenden Teil werden weiterhin Kokosnüsse, also reale Variablen, in den Modellen verwendet. Auch müssen sich die Modelle weiterhin der fundamentalen Kritik stellen, dass man einfach von der Mikro-Ebene (der schwäbische Hausfrau) direkt auf die Makroebene schließt („Aggregationsproblem“).

Der kurze Abriss soll also nicht den aktuellen Stand der Literatur widerspiegeln, sondern nur dazu dienen, die „Logik“ hinter einigen Wirtschaftskommentaren seit 2008 zu verstehen.

Reale Effekte des Schuldenabbaus im privaten Sektor werden nicht erkannt, weil man an die Dichotomie des Geldes glaubt

So hat der Internationale Währungsfond (IWF) 2008 beispielsweise vorhergesagt, dass das Wachstum in den USA und in der Eurozone in den kommenden Jahren nur ein paar Prozentpunkte unter dem langfristigen Wachstumspfad liegen wird. Die Prognosen waren aber zu optimistisch. Der IWF musste sich in den folgenden Jahren stetig nach unten korrigieren (Vergleiche Fig.1.13 hier).[1]

Wieso hatte sich die Wirtschaft nicht gleich wieder erholt und ist zu dem langfristigen Wachstumspfad zurückgekehrt? Wie Makroskop-Leser wissen, kann man nach einer Finanzkrise nicht automatisch davon ausgehen, dass das Wachstum wieder zurückkehrt. Wenn beispielsweise die Häuserpreise rapide fallen, steigen die Schulden der privaten Haushalte im Vergleich zum Vermögen massiv an. Folglich versuchen die Haushalte, durch verminderte Ausgaben die Schulden zu verringern. Anstatt zu konsumieren, zahlen die Haushalte also ihre Schulden zurück. Firmen stehen einer sinkenden Nachfrage gegenüber, wodurch diese ebenfalls weniger investieren (Schulden machen), wenn sie nicht selbst auch direkt durch sinkende Vermögenspreise betroffen sind. Wenn in der Folge der gesamte Privatsektor mehr spart, müssen sich der Staat oder das Ausland stärker verschulden, wenn die Wirtschaft nicht erneut in eine Rezession geraten soll. Nicht alle Sektoren können gleichzeitig sparen. Da man das Ausland nicht kurzfristig um eine hohe Nachfrage bitten kann und außerdem nicht langfristig auf dessen Verschuldung bauen kann, bleibt nur der Staat als Schuldner (mehr dazu hier).

Diese saldenmechanischen Zusammenhänge sind aber nicht direkt ersichtlich, wenn man an die Dichotomie des Geldes glaubt: Hier wird angenommen, dass das Geld nur ein neutraler Schleier über der Wirtschaft ist. Man nimmt an, dass die Wirtschaft zumindest langfristig nicht beeinflusst wird. Geld wird lediglich als Schmiermittel der Wirtschaft betrachtet und erfährt folglich nicht die nötige Aufmerksamkeit.

Auf dem Erkenntnisstand von 1930: Der Staat als Schuldner der letzten Instanz wird nicht erkannt

Wenn man sich also zu sehr auf die Angebotsseite konzentriert, wird die natürliche Rolle des Staates übersehen. Stattdessen wird man die Ereignisse rund um Lehmann Brothers oder die „Schuldenprobleme“ in Griechenland als kurzfristigen Schock auffassen. Nach einer Übergangsphase erwartet man, dass die Wirtschaft, wieso auch immer, erneut wächst. Diese Betrachtungsweise wirft interessante Parallelen zur Krisenreaktion im letzten Jahrhundert auf.

Zur Zeit der „Great Depression“ in den 1930ern waren zahlreiche Ökonomen in ihrem Denken ebenfalls auf die Angebotsseite fixiert. Nun konnte man aber kurz nach dem Crash keine fundamentalen Veränderungen auf der Angebotsseite feststellen: die Arbeiter, Firmen und Ressourcen waren noch alle da. Es gab (noch) keinen Krieg und keine Naturkatastrophe. Wieso sollte die Wirtschaft also von heute auf morgen einbrechen und weiterhin stagnieren?

In diesem Sinne und darauf bezugnehmend, dass höhere Staatsausgaben nur die zukünftigen Arbeiter belasten (à la Ricardianisches Gleichgewicht, siehe oben), stellte Präsident Hoover 1930 fälschlicherweise fest:

„Wachstum kann nicht durch Plünderung der Staatskasse hergestellt werden.“ (Übersetzung des Autors, im Original: „Prosperity cannot be restored by raids upon the public Treasury.“ Herbert Hoover, 1930 (hier die ganze Rede).

Die USA stimulieren die Wirtschaft mit einem doppelt so hohen Staatsdefizit wie die Eurozone – während Europa weiter auf strukturelle Reformen setzt

Hoover wurde wenige Jahre später durch den „New Deal“ von Präsident Roosevelt eines besseren belehrt. Aus den Erfahrungen der Great Depression haben die USA offenbar mehr gelernt als Europa. Nach 2008 hatten die USA sich mit einem jährlichen Staatsdefizit von circa 12% des BIP doppelt so stark verschuldet wie die Eurozone mit nur 6%. Ein nicht unwesentlicher Teil der schnelleren Erholung der US-Wirtschaft ist hierauf zurückzuführen. In Europa war ein solch konzertierter Stimulus jedoch politisch unmöglich.

Anstatt sich mit dem Nachfrageausfall durch Schuldenabbau auseinanderzusetzen, wird Europa von einigen Ökonomen sogar das 6%ige Defizit zur Last gelegt: Die hohen Staatsausgaben in den Südländern nach der Krise hätten nötige Reformen nur verzögert. Im Detail wird wie folgt argumentiert: Da der Süden über seinen Verhältnissen gelebt hat, wurden die Faktoren Arbeit und Kapital ineffizient zwischen den Industrien verteilt. Vor der Krise war man beispielsweise im ineffizienten Bausektor tätig. Die Bauarbeiter müssten nun erst einmal einen neuen Job in einem anderen Sektor finden. Politischer Druck auf die Löhne und eine höhere Arbeitslosigkeit sei hier normal und nötig, um den Prozess einzuleiten.

Dass Arbeitsmarktflexibilisierung bei gleichzeitiger Austerität (Ziel eines ausgeglichenen Haushalts) nicht in der Lage ist, neue Jobs zu schaffen, sollte mittlerweile offensichtlich sein (mehr auf Makroskop hier). Der so induzierte deflationäre Zusammenbruch hat wenig mit effizienter Anpassung oder besserer Ressourcenverteilung zu tun.

Wettbewerbsfähigkeit ist ein relatives Konzept

Die Stimmen, die auf einem „kurzfristigen Schock“ beharren, werden sechs Jahre nach der Eurokrise zwar leiser, die Lösungsansätze haben sich aber oft nicht geändert. So wird behauptet, dass die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit Südeuropas eben nicht kurzfristig zu lösen sei, sondern einer langfristigen Anpassung bedarf. Wenn man aber über Anpassung redet, muss man ehrlicherweise auch über alle Beteiligten reden, da Wettbewerbsfähigkeit ein relatives Konzept ist (mehr auf Makroskop hier). Die ganze Welt kann nicht wettbewerbsfähiger werden. So wird in zahlreichen Studien zu Europa die Divergenz in der Wettbewerbsfähigkeit empirisch aufgezeigt (beispielsweise hier), ein möglicher Beitrag Deutschlands zur Reduzierung des Wettbewerbsgefälles wird jedoch kategorisch ausgeschlossen.

Es führt also kein Weg daran vorbei: man muss über beide Seiten reden. Über diejenigen, die über, aber auch diejenigen, die unter ihren Verhältnissen gelebt haben. In einem zweiten Schritt kann man dann fragen, welche Art der Anpassung für alle Beteiligten am besten ist. Wie wir auf Makroskop oft argumentiert haben, führt exzessive interne Abwertung wie in Griechenland in die Rezession. Deutschland hat jedoch fiskalpolitisch aktuell enormen Spielraum und benötigt Investitionen, unter anderem in die zerfallende Infrastruktur. Deutschland kommt also eine Schlüsselrolle in der Überwindung der Eurokrise zu.

Zum Abschluss eine kleine Anekdote: 50 Studenten in einem Hörsaal bekommen von ihrem Dozenten erklärt, dass es sich bei den 30-50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa um „schöpferische Zerstörung“ handelt. Den Professor darauf hinweisen, dass Schumpeter mit dem Begriff ganz sicher etwas anderes gemeint hat? Zwecklos. Auf die Problematik der Agenda 2010 hinzuweisen? Zwecklos. Deutschland sei schließlich einfach günstiger und besser mit seinen Produkten. Ein kleiner Schlenker nach China, zur „gelben Gefahr“ (hier)? Volltreffer, denn bei den Chinesen sei ja klar, dass die Währung manipuliert wird und das Land nur deswegen solche massiven Überschüsse erzielen konnte. Wo nun der große Unterschied zum Lohndumping in dem vom Euro geschützten Deutschland sei? Stille.


Anmerkungen

[1] Es sei kurz angemerkt, dass solche Vorhersagen auch politisch beeinflusst sein können, da man als Regierung ein Interesse hat, die Erwartungen positiv zu beeinflussen. Dennoch bleiben die Prognosen der großen Wirtschaftsorganisationen dürftig und die Modelle dahinter fraglich.

 

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