Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Wirtschaft 4.0 – Arbeitsmarkteffekte einer umfassenden Digitalisierung

Posted by hkarner - 17. November 2016

Enzo Weber, 17. Nov. 2016 Ökonomenstimme

Was sind die Auswirkungen der vierten industriellen Revolution auf den Arbeitsmarkt? Eine Frage, die uns in den nächsten Jahren weiter begleiten wird, unabhängig von der teilweise betriebenen Hysterie. Dieser Beitrag zeigt, was die Wirtschaft 4.0 für den deutschen Arbeitsmarkt bedeuten könnte, wobei sich der Auf- und Abbau von Arbeitsplätzen ungefähr die Waage halten dürfte.

„Industrie 4.0“ ist seit einigen Jahren in aller Munde. Auch wenn dies in Teilen einem Hype zuzuschreiben ist, dürfte die intelligente und vernetzte Digitalisierung für die Arbeitswelt doch profunde Änderungen bewirken. Nach den bisherigen industriellen Revolutionen geht es nun um die Vernetzung der virtuell-digitalen und physischen Welt sowie maschinelles Lernen in der Produktion. Ziel ist, dass die Wertschöpfungskette, auch über Betriebsgrenzen hinaus, vollständig digital gesteuert werden beziehungsweise sich selbstorganisiert steuern kann. Eine effizientere, flexiblere und individuellere Produktion soll das Ergebnis sein.

Damit einher gehen Diskussionen um die Zukunft der Arbeit unter diesen Bedingungen. Mit sehr  unterschiedlichen Positionen: Auf der einen Seite stehen Befürchtungen eines massenweisen Jobverlustes, wenn heutige Berufe durch vernetzte Roboter überflüssig gemacht werden. Auf der anderen Seite stehen Glanzbilder von großen Beschäftigungs- und Innovationsgewinnen und einer Entlastung der Beschäftigten. Grass/Weber (2016) untersuchen den aktuellen Stand der Digitalisierungs-Diskussion in Europa.

Auch wissenschaftlich wird das Thema in Deutschland intensiv behandelt. Dabei geht es um Befragungen von Experten und Betrieben (z.B. Bauer et al. 2014, Hammermann/Stettes 2015), die Analyse von Tätigkeiten (z. B. Bonin 2015, Dengler/Matthes 2015) und gesamtwirtschaftliche Modellierungen (Wolter et al. 2015, Weber 2016, Vogler-Ludwig et al. 2016). In Wolter et al. (2015) haben das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und die Gesellschaft für wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) eine umfassende makroökonomische Studie des Phänomens Industrie 4.0 vorgelegt; vgl. auch Weber (2015) in der Ökonomenstimme. Wolter et al. (2016) weiten nun den Blickwinkel und betrachten die Umsetzung einer „Wirtschaft 4.0“. Analysiert wird also die Digitalisierung nicht nur in der Industrie, sondern in der Gesamtwirtschaft einschließlich des Dienstleistungssektors. Ist das Stichwort bei Industrie 4.0 häufig die menschenleere Fabrik, geht es bei den Dienstleistungen z.B. um das selbstfahrende Auto oder eine vollautomatisierte Logistik.

Substitution oder Komplementarität?

Technologisch orientierte Betrachtungen von Digitalisierung laufen typischerweise auf eine hohe Substitution menschlicher Arbeit durch Maschinen hinaus. Die tatsächlichen Arbeitsmarktwirkungen bedürfen dagegen einer umfassenden ökonomischen Bewertung unter Berücksichtigung einer Vielzahl von Effekten: das Verschwinden von Arbeitsplätzen ebenso wie die Schaffung von Neuem, Wandlung von Anforderungen, effizientere Prozesse und neue Produkte, volkswirtschaftliche Kreislaufzusammenhänge, Anpassungen von (Arbeits-) Angebot und Nachfrage, Preis- und Mengenreaktionen.

Wolter et al. (2016) verwenden für diesen Zweck ein komplexes gesamtwirtschaftliches Modell (das aus dem QuBe-Projekt stammt), welches eine umfassende makroökonomische Modellierung mit einem detailliert abgebildeten Arbeitsmarkt verbindet. Letzterer gliedert Arbeitsangebot und -nachfrage nach Branchen, Berufen, Anforderungsniveaus und Qualifikationen. Funktionaler Kern ist ein Matchingmodul, das berufliche Flexibilitäten zulässt sowie Rückwirkungen über Lohn- und Preisreaktionen generiert.

Als Referenz dient ein Basisszenario, das technologischen Fortschritt in üblichem Umfang – aber keine spezielle Realisierung von Wirtschaft 4.0 – berücksichtigt. Das Alternativszenario soll nun über zahlreiche Komponenten wie Investitionen, Produktivität, Berufe und Tätigkeiten sowie Nachfrage Wirtschaft 4.0 ökonomisch erfassen.

Zunächst werden für die Umsetzung von Industrie 4.0 erhebliche Investitionen in Ausrüstungen nötig sein. Dafür werden Umrüstungen betrachtet ebenso wie Investitionsaufschläge, die wesentlich Veredelungen durch digitale Systeme erfassen. Im Bereich der Bauinvestitionen werden Ausgaben für schnelles Internet eingeplant. Bei Material- und Personalaufwendungen gehen wir von einem deutlichen Kostenplus bei Weiterbildung und Beratungsleistungen aus. Schließlich wird bis 2025 eine Steigerung des Digitalisierungsgrades modelliert, mit entsprechenden Ausgaben für IT-Dienstleistungen.

Die dafür zusätzlich anfallenden Kosten müssen nach betriebswirtschaftlichem Kalkül mit entsprechenden Effizienzsteigerungen und Verbesserungen auf der Absatzseite verbunden sein. Die Idee ist nun, über eine dynamische Investitionsrechnung die notwendigen Wirkungen zu berechnen, um auf eine gute unternehmerische Rendite der Umsetzung von Wirtschaft 4.0 zu kommen. Betrachtet werden dabei die Arbeitsproduktivität, Materialeffizienz, Logistikaufwendungen sowie zusätzliche Nachfrage und Zahlungsbereitschaft der in- und ausländischen Endverbraucher. Letztere entstehen durch zusätzlichen Konsumbedarfen und Qualitätsverbesserungen bspw. in Zusammenhang mit Individualisierung und Vernetzung. Während sich die Gesamtwirkung durch die Einhaltung des Prinzips der Wirtschaftlichkeit ergibt, wird die Quantifizierung der einzelnen Komponenten relativ zueinander durch Informationen zweier Betriebsbefragungen (IAB-ZEW Betriebsbefragung „Arbeitswelt 4.0“, „QuEst“) fundiert.

Weiterhin wird berücksichtigt, dass die technologischen Änderungen zusätzlich zu den modellendogen weiter wirkenden Mechanismen Auswirkungen auf den Bedarf an bestimmten Tätigkeiten haben. Konkret wird davon ausgegangen, dass Berufe mit hohen Anteilen von Routinetätigkeiten im Zuge der Digitalisierung verlieren und andere gewinnen. Verwendet werden dabei Ergebnisse von Dengler/Matthes (2015) zum Substituierbarkeitspotenzial auf Basis der BA-Expertendatenbank BERUFENET. Durch die Strukturverschiebungen hin zu höher bezahlten Berufen ergeben sich extra Lohnkosten, die im Sinne der Wirtschaftlichkeit und der Orientierung von Löhnen an Produktivitäten durch zusätzlich Arbeitsproduktivität ausgeglichen werden.

Im Wirtschaft-4.0-Szenario ergibt sich über das Basisszenario hinaus innerhalb von zehn Jahren eine Zunahme der Wertschöpfung um rund 80 Mrd. Euro. Bei steigender Produktivität und höheren Anforderungen an die Beschäftigten resultiert dies einerseits in wachsenden Lohnsummen und andererseits bei größerer Effizienz sowie Zahlungsbereitschaft für neue Produkte in höheren Gewinnen. Beim Beschäftigungsbestand zeigen sich keine wesentlichen Änderungen. Dahinter kommt es allerdings zu deutlichen Bewegungen: So würde es bei einer durchgreifenden Einführung von Wirtschaft 4.0 im Jahr 2025 rund 1,5 Mio. im Basisszenario noch vorhandener Arbeitsplätze nicht mehr geben, dafür aber 1,5 Mio. zusätzliche an anderer Stelle. In dem umfassenden Modellierungsansatz gleichen sich positive und negative Beschäftigungseffekte also aus.

Verlierer und Gewinner

Vor allem typische produzierende Berufe verlieren, beispielsweise Maschinen und Anlagen steuernde und wartende Berufe, aber bspw. auch Büro- und kaufmännische Dienstleistungsberufe. Gewinne gibt es dagegen etwa bei IT- und Naturwissenschaftlichen Berufen und Lehrenden Berufen (die vom Weiterbildungsbedarf profitieren). Bezogen auf Anforderungsniveaus nimmt der Bedarf an komplexen und hoch komplexen Tätigkeiten um rund 800.000 zu, während er bei Helfern (-60.000) aber vor allem auf der Ebene der fachlichen Tätigkeiten (-770.000) zurückgeht. Nach Qualifikationsstufen spiegelt sich das in Gewinnen im akademischen Bereich sowie Verlusten im berufsbildenden und niedrigqualifizierten Bereich.

Vom Anstieg bei komplexen Tätigkeiten können aber auch Fachkräfte profitieren, wenn sie ihre Kompetenzen entsprechend weiterentwickeln. Entscheidend ist, wie gut eine Qualifikation die sich wandelnden Anforderungen der Digitalisierung erfüllen bzw. die Umsetzung einer Wirtschaft 4.0 selbst prägen kann. Bildungs-, wirtschafts- und arbeitsmarktpolitischen Herausforderungen werden in Weber (2016) weiterführend diskutiert.

 

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