Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Sind mangelnde strukturelle Reformen das größte Hindernis für mehr Wachstum?

Posted by hkarner - 15. November 2016

Eurozone | 11.11.2016
Von Richard Senner, Makroskop

Von vielen Ökonomen und Politikern werden als Ursache der lahmenden wirtschaftlichen Entwicklung im Euroraum strukturelle Hindernisse ausgemacht. Unternehmensrepäsentanten aber benennen eine mangelnde Nachfrage und Überkapazitäten als Hauptursachen.

Manchmal hilft es ja doch, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen und die Betroffenen einfach nach ihren Sorgen zu fragen. Das hätte sich Kenneth Rogoff, Professor an der Harvard Universität, zu Herzen nehmen sollen. Er äußerte sich im März dieses Jahres wie folgt:

„Das größte Problem, dass die Welt heutzutage belastet, ist das erbärmliche Scheitern der meisten Länder bei der Umsetzung struktureller Reformen. Da das Produktivitätswachstum zumindest zeitweise niedrig ist und die globale Bevölkerung langfristig sinkt, ist die Angebotsseite der wirklich beschränkende Faktor in den Industrienationen, nicht eine fehlende Nachfrage.“ (Übersetzung des Autors) (hier im Original)

Diese Analyse ist mehr als problematisch. Zum einen ist es erstaunlich, dass die Notenbanken massive Probleme haben, Inflation zu generieren, wenn doch das Problem vor allem auf der Angebotsseite liegen soll.

Zum anderen hat die Europäische Zentralbank (EZB) im letzten Jahr Firmen in der Eurozone befragt, warum diese nicht mehr investieren. Wie wir auf Makroskop oft beschrieben haben, unterliegen Einzelakteure wie Firmen bezüglich gesamtwirtschaftlichen Fragen oft dem Trugschluss, dass sie nicht begreifen, dass das, was für den Einzelnen gilt, oft nicht für die Gesamtheit gilt (im Englischen nennt man das „fallacy of composition“). Weniger Löhne für meine Angestellten bedeuten einen höheren Profit für mich – aber nur, wenn alles Andere gleich bleibt. Wenn alle anderen Firmen ebenfalls die Löhne senken, dann sinkt die Nachfrage, damit sinken wiederum meine Einnahmen und ich kann den Profit nicht automatisch steigern.

In diesem Fall ist das Ergebnis der Umfrage aber dennoch aufschlussreich, wie man in der folgenden Abbildung sehen kann (hier das gesamte Dokument):


20161111_rs_abb01


Unter all den befragten Firmen antworteten die meisten, dass eine mangelnde Nachfrage („weak demand“) den Investitionsbedarf dämpft. Direkt danach werden schlechte Zukunftsaussichten („poor outlook“) und Überkapazitäten („over-capacity“) genannt. Überkapazitäten zu haben, bedeutet, dass eine Firma die bestehende Nachfrage mit dem aktuellen Kapitalstock (Maschinen, IT etc.) mehr als ausreichend bedienen kann. Neue Investitionen sind also nicht notwendig.

Die von der Troika ständig angestrebte Flexibilisierung des Arbeitsmarktes rangiert hier erst auf den Plätzen 7 bzw. 10. Wobei, wie gesagt, bedacht werden muss, dass eine Firma aus einzelwirtschaftlicher Perspektive natürlich immer lieber weniger als mehr Löhne zahlt sowie auch lieber flexiblere als langfristigere Arbeitsverträge vergibt.

Abschließend sei noch bemerkt, dass der Zugang bzw. die Kosten von Finanzkapital (Kredite etc.) an letzter Stelle genannt werden („cost/access to finance“). Dies steht in krassem Gegensatz zu weit verbreiteten Ansichten, wonach die Banken nicht genügend Kredite vergeben wollen oder wegen der neuen gesetzlichen Regulierungen gar nicht können. Gerade der letzte Punkt wird oft vorgebracht, aber die Ergebnisse der EZB sind hier ernüchternd und klar.

Wer sich weiterhin auf die Angebotsseite schlagen will, wird sich wohl an den vierten Punkt klammern (politische Unsicherheit) und ihn dadurch erklären, dass die Staatsausgaben zu hoch und die nötigen Reformen, mit denen man das Vertrauen der Märkte gewinnen könnte, noch nicht umgesetzt sind.

Tatsächlich sind die politischen Unsicherheiten aber vielmehr Konsequenzen einer schlechten europäischen Wirtschaftspolitik, die auf einseitige Anpassung  und Austerität setzt. Fernab der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes kann man die Bedingungen auf der Angebotsseite natürlich immer durch eine Vielzahl von sinnvollen Maßnahmen verbessern. Die zentrale Aussage hier ist aber, dass aktuell eine mangelnde Nachfrage das Wachstum am meisten behindert.

 

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