Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Goldman-Sachs-Ökonom: „Italien ist das große Fragezeichen“

Posted by hkarner - 5. November 2016

05.11.2016 | 16:11 | Nikolaus JIlch (Die Presse)

Die Möglichkeiten der Geldpolitik sind ausgereizt, sagt Dirk Schumacher, Chefvolkswirt von Goldman Sachs in Deutschland. Jetzt müssen die Staaten an der Reformfront nachlegen.

Die Presse: Stichwort Geldpolitik. Die EZB pumpt Euro in die Märkte. Die Inflation regt sich wieder. Hat sie ihr Ziel erreicht?

Schumacher ccDirk Schumacher: Auch innerhalb der EZB ist den meisten bewusst, dass die Geldpolitik, was die Wirkmächtigkeit angeht, an ihr Ende gekommen ist. Und das, an einem Punkt, an dem es keineswegs offensichtlich ist, dass die positiven Effekte die negativen noch übertreffen. Die EZB musste aggressiv handeln, das ist nachvollziehbar gewesen, jetzt findet langsam ein Umdenken statt.

Die Ideen werden immer verrückter: Negativzinsen, Aktienkäufe, Helikoptergeld, Bargeldverbot.

Das klingt verzweifelt. Aber gerade in der Eurozone gibt es viele juristische Hürden, die diese Ideen unmöglich machen. Helikopter Money würde vielleicht funktionieren, aber da muss ich mir überlegen: Was sind die langfristigen Konsequenzen? Ist das ein Pfad, den ich einschlagen will? Das wäre eine noch weitgehendere Verquickung von Geld- und Fiskalpolitik. Und die Lage ist ja nicht so verzweifelt, dass das wirklich notwendig wäre. Die Inflationsrate hat sich stabilisiert. Ende des Jahres wird sie wieder über ein Prozent steigen.

Weil der Ölpreis sich stabilisiert.

Genau, der hat die Inflationsrate ja auch gedrückt.

Dann muss man sich aber fragen: Wozu die Panik vor der angeblichen Deflation, wenn das nur der Ölpreis war? Es kann ja nicht sein, dass die Wirtschaft zusammenbricht, nur weil die Leute billiger tanken können?

Nein. Aber es könnte zu einer Verschiebung der Inflationserwartungen kommen. Es gibt Indizien, dass in Deutschland schon einige Gewerkschaften bei den Lohnverhandlungen mit niedrigeren Inflationszahlen kalkulieren. Das ist ein erstes Alarmsignal. Das wäre die eigentliche Gefahr.

In Griechenland haben wir Deflation gesehen. Haben die Leute deswegen dort aufgehört zu konsumieren?

Nein, die Leute stellen sich bei den neuen iPhones ja auch in der Schlange an, obwohl sie ganz genau wissen, dass die in zwölf Monaten billiger sind. Für dieses Argument gibt es wenige Hinweise in der echten Welt.

Die EZB ist harten Regeln unterworfen. Ist das ein Vorteil oder ein Nachteil?

So viel enger ist das Korsett der EZB nicht. Auch in Europa hatten die Regierungen die Rückendeckung der EZB, als wir am Abgrund standen. Jetzt ist klar: Draghi darf Lender of Last Ressort für alle spielen. So wie die Bank of England dies auch tun würde. Niemand wird ein Land in ein Liquiditätsproblem laufen lassen. Die langfristige Frage der Solvenz ist eine andere. Da müssen wir uns anschauen, was an der Reformfront passiert. Was wird fiskalisch getan, um die Schuldentragfähigkeit zu garantieren?

Bundesbank-Chef Jens Weidmann hat ein Insolvenzrecht für Staaten angeregt.

Das hat auch der IWF vor langer Zeit versucht einzuführen. Einen Staat zu restrukturieren ist allerdings sehr viel schwieriger, als ein Unternehmen zu restrukturieren. Wenn wir einen Mechanismus hätten, könnte man die Politik natürlich leichter zur Verantwortung ziehen. Genau das war ja die Idee des Stabilitätspakts in Europa. Aber der ist inzwischen total aufgeweicht und weitgehend unglaubwürdig.

Am Dienstag ist US-Wahl. Was ist von den Kandidaten für das Weiße Haus zu erwarten?

Wenn man sich die Programme anschaut, dann werden beide wohl eine expansivere Fiskalpolitik fahren. Trump mehr über Steuerkürzungen und Clinton wohl eher über Ausgaben und Transfers. Ein entscheidender Unterschied zwischen beiden ist die Handelspolitik. Clinton ist ein bisschen skeptischer geworden. Aber wenn Trump Handelsverträge wirklich kündigt, würde das zu Verwerfungen führen.

Die expansivere Fiskalpolitik erzeugt auch Inflationsdruck?

Das hängt sehr von Ausgestaltung und Volumen ab und davon, wer im Kongress regiert. Der US-Präsident ist in vielen Teilen seiner Politik auf den Kongress angewiesen. Außer bei der Handelspolitik, da hat er sehr viel mehr Spielraum.

Wie geht es mit der Weltkonjunktur weiter? Was ist Ihr Basisszenario?

Wenn man sich die drei großen Blöcke USA, Europa und China anschaut, dann zeigen die Daten, dass das Wachstum überall moderat, aber zugleich robust ist. Der Fokus in China ist wieder auf Wachstum. Aber auch die Schulden steigen weiter. Da ist die Lage mittelfristig unklar, was die Reformen betrifft. Wir glauben, sie werden es schaffen, aber es wird rumplig. Aktuell ist das Wachstum okay. In Europa ist Italien das große Fragezeichen, wie kann man den Schuldenstand stabilisieren – auch wenn die Zinswende kommt?

Haben Sie ein paar gute Anlegertipps?

Ich hab keine gute Antwort. Es ist für alle Investoren sehr schwierig im jetzigen Umfeld.

 

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