Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Wie Österreichs Banken erwachsen wurden

Posted by hkarner - 30. Oktober 2016

Renate Graber. 29/10 derstandard.atGraber Standard

Österreichs Kreditinstitute waren in den vergangenen Jahrzehnten auf der Hochschaubahn unterwegs. Nun sind sie dabei, sich neu zu erfinden

Er hatte es eilig, der Kunde drängte – und Papier war gerade keines zur Hand. Also holte der Postsparkassenbeamte seinen Bleistift hinterm Ohr hervor und kritzelte seine Rechnung an die Wand des lichtdurchfluteten Kassensaals. So oder so ähnlich wird es wohl geschehen sein, einst, im 1906 fertiggestellten Wiener k. k. Postsparcassen-Amt von Otto Wagner. Doch während die Zeitläufte die Monarchie hinwegfegten und jede Menge Banken von der Bildfläche verschwanden, ist die hingekritzelte Addition heute noch sehen: hinter Glas, im zum Museum umfunktionierten PSK-Kassensaal. Heute ist, wenn schon nicht die Bank an sich, so doch ihr Geschäftsmodell beinah ein Fall fürs Museum. Ein Indiz dafür: Erica. Die gesprächige Dame ist eine virtuelle Betreuerin und soll künftig die Kunden der Bank of America via Handy betreuen, ihnen von sich aus Vorschläge etwa für Veranlagungen unterbreiten. „Sie ist klüger als ein Roboter“, stellte die Digital-Banking-Chefin des Instituts Erica diese Woche vor.

Landung in einer neuen Welt

Ganz so weit sind Österreichs Kreditinstitute noch nicht, aber auch sie müssen sich neu erfinden. Digitalisierung, strenge Regulierungen seit der Finanzkrise, Niedrigzinsen, die Konkurrenz der flinken Fintechs, massiver Kostendruck sind ihr Motor. In den Augen von Nationalbank-Gouverneur Ewald Nowotny hat die Etablierung des europäischen Aufsichtssystems über Großbanken der Eurozone (SSM) die „größte Veränderung“ für Österreichs Bankensystem gebracht. Institute wie Bank Austria (Unicredit), Erste Group, Raiffeisen oder Bawag werden ja von der EZB beaufsichtigt, alle Banken unterliegen EU-Standards, etwa bei Eigenkapitalvorschriften oder Governance. „Dadurch sind Österreichs Institute international geworden. Banker leben heute überhaupt in einer völlig anderen Welt als noch vor zehn Jahren“, resümiert Nowotny. Bawag-Personalchef Gerhard Müller untermauert das. Vor zehn Jahren habe man in der damaligen Gewerkschaftsbank Projekte „im Jahreszyklus“ betrachtet, heute gehe es um „Wochen und Monate“. Die Zeit der Fünfjahrespläne sei längst vorbei, „wir denken in Zyklen zwischen einem Jahr und drei Jahren. Die Geschwindigkeit ist atemberaubend.“ Allerdings hat sich gerade die Bawag seit dem Einstieg der Amerikaner 2006 radikal verändert. Osttöchter und Nicht-Banken-Beteiligungen sind verkauft, viele, viele Mitarbeiter eingespart. Heute ist die Bawag die profitabelste Bank des Landes. Anders als sie haben sich ihre Konkurrenten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 bis ins tiefste Osteuropa vorgearbeitet. Sie kehrten dorthin zurück, wo Institute wie Wiener Bankverein oder Creditanstalt (CA) in der Monarchie tätig waren. Und sie kleckerten nicht, sie klotzten. „Wir eröffnen jeden Wochentag eine Filiale“, lautete der Stehsatz bei Raiffeisen.

Krise folgt auf Osteuropa-Boom

„Im Osten herrschte Nachholbedarf, Österreichs Institute haben das genützt. Doch sie waren unvorsichtig, überschätzten das Wachstum“, analysiert Wirtschaftshistoriker Fritz Weber. Lehman-Pleite und Krise seien aber nicht hervorsehbar gewesen, räumt er ein und sieht darin eine Parallele zum Schicksal der Großbanken in der Weltwirtschaftskrise 1929. (Die CA wurde 1931 vom Staat gerettet.) Auch die jetzige Krise forderte ihren Tribut. Die Republik musste die Banken mit Milliarden stützen, Kommunalkredit, Övag, Kärntner Hypo verstaatlichen. Die Überlebenden werteten ihre Osttöchter ab, es hagelte Riesenverluste. „Die Zeit der stürmischen Jugend mit täglicher Filialeröffnung ist vorbei. Österreichs Banken sind erwachsen geworden“, glaubt Nowotny. Jedenfalls schrumpft die Branche. Die Bank Austria tritt ihr Ostgeschäft nach Mailand ab und fährt auf radikalem Sparkurs. Die Volksbanken müssen fusionieren. Raiffeisen schrumpft, konnte sich aber erst zur Fusion von Raiffeisen Zentralbank und Raiffeisen Bank International durchringen. Und die Erste Group will die Sparkassen noch enger an sich binden.

Imageabsturz

Die Landschaftsveränderung in Zahlen aus der Nationalbank-Statistik: Mitte 2016 gab es 618 Banken („Hauptanstalten“) und 4000 Filialen; im Jahr 2000 waren es 841 Hauptanstalten und 4550 Filialen. Und 2015 hatten die Institute 72.600 Beschäftigte (nach Köpfen), 2008 waren es 78.400. Aber wer will überhaupt noch für eine Bank arbeiten? Genau das ist angesichts des Imageabsturzes der Branche ein weiteres Problem. Laut einer Deloitte-Studie ist nur jeder siebente Absolvent eines Wirtschaftsstudiums an einem Bankjob interessiert. „Früher sind die klügsten Leute in Banken gegangen, heute zieht es die in Unternehmen wie Google oder in Fintechs“, weiß Gundi Wentner von Deloitte Human Capital. Dabei suchen Geldhäuser gerade die Innovativen: zum Produkterfinden. Informationen dafür werden aus Daten generiert. Man brauche auch immer mehr Mathematiker, Physiker, Statistiker, die mit riesigen Datenmengen umgehen können, erklärt Erste-Personalchef Markus Posch. Und: „Wer nicht in Daten denken kann, ist in einer Bank am falschen Platz.“ Es war schon lustiger Enormer Innovations- und Einsparungsdruck, unsicheres Umfeld, kaum Vertrauen in die Branche: Auch Bankchefs hatten es schon einmal lustiger. Was muss der CEO von morgen können? Erste-Chef Andreas Treichl, der seit längerem einen Nachfolger für Andreas Treichl sucht: „Er muss flexible Strukturen aufbauen, die sich rasch an demografische Veränderungen anpassen lassen. Und sich mit Forschung beschäftigen, um an Innovationen dranzubleiben. Sitzungen abhalten und schön reden reicht nicht mehr.“ Aber letzteres können ja Erica und ihre Schwestern. (Renate Graber, 29.10.2016) – derstandard.at/2000046638112/Wie-Oesterreichs-Banken-erwachsen-wurden

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