Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Der Stoff, aus dem Nobelpreise sind

Posted by hkarner - 20. Oktober 2016

17.10.2016

Von Günther Grunert, Makroskop

Trotz gelegentlicher Kritik gilt der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften immer noch als die höchste Auszeichnung, die einem Ökonomen zuteil werden kann. Der Eindruck, dass die Geehrten einen immensen Beitrag zum Erkenntnisfortschritt geleistet haben, beruht  darauf, dass sich kaum jemand näher mit deren Arbeiten beschäftigt und die Medien häufig nur sehr oberflächlich darüber berichten. Hier soll etwas genauer hingeschaut werden.

Heiner Flassbeck hat in der letzten Woche die Verleihung des diesjährigen Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften an Oliver Hart und Bengt Holmström kommentiert (hier). Er stellt fest, dass es eigentlich keinen Grund gibt, sich mit dieser zweifelhaften Ehrung intensiv auseinanderzusetzen, die übrigens gar nicht – wie die fünf „echten“ Nobelpreise – auf Alfred Nobel, sondern auf die extrem konservative Schwedische Reichsbank zurückgeht und erst 1969 ins Leben gerufen wurde.

Da aber von der Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises hierzulande immer noch in fast allen Medien geradezu ehrfürchtig berichtet wird, ist es vielleicht doch noch einmal geboten, sich etwas ausführlicher mit der Thematik zu beschäftigen. Dabei soll nicht bestritten werden, dass unter den Wirtschaftsnobelpreisträgern durchaus einige sind (z.B. Gunnar Myrdal 1974, William Vickrey 1996 oder Joseph Stiglitz 2001), die sehr konstruktive Beiträge zur Weiterentwicklung der Wirtschaftswissenschaften geleistet haben, auch wenn wir längst nicht mit allem übereinstimmen, was sie vertreten.

Leider aber wurde der Nobelpreis bislang weit überwiegend an Ökonomen vergeben, die der Neoklassik und dabei speziell dem „Monetarismus“ oder der „Neuen Klassischen Makroökonomik“ zuzuordnen sind oder dieser Theorierichtung zumindest nahestehen (wir sind auf diese Theorien hier kurz eingegangen), beispielsweise an Milton Friedman 1976, Robert Lucas 1995 oder Thomas Sargent 2011, um nur einige wenige zu nennen.

Einen traurigen Höhepunkt bildete die nur als skandalös zu bezeichnende Nominierung von Eugene Fama (University of Chicago) im Jahr 2013. Man muss sich das vorstellen: Nur wenige Jahre nach Ausbruch der globalen Finanzkrise wurde mit Fama ein Ökonom geehrt, dessen „Hypothese effizienter Märkte“ (efficient market hypothesis) besagt, dass Finanzkrisen unmöglich sind. Nach dieser Theorie neigen Märkte dazu, knappe Ressourcen effizient zu verteilen (nämlich hin zu den produktivsten ökonomischen Aktivitäten) und finanzielle Risiken denjenigen ökonomischen Einheiten zuzuweisen, die sie am besten tragen können. Da alle Marktanpassungen sofort erfolgen und die Preise alle relevanten Informationen (die sog. „fundamentals“) über alles, was gehandelt wird, widerspiegeln, kann es niemals Blasen (d.h. Zeiten, in denen die Preise nicht die „fundamentals“ widerspiegeln) oder Fehlallokationen von Ressourcen geben. Somit ist in dieser Sicht auch das Auftreten von Finanzkrisen ausgeschlossen (Fama 1970; siehe zur Kritik auch hier und hier).

Nun werden die mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bedachten Theorien in den Medien oft nur sehr knapp und komprimiert dargestellt, so dass es oft schwerfällt zu erkennen, was sich wirklich dahinter verbirgt. Es lohnt sich deshalb, einmal genauer hinzusehen und an einem konkreten Beispiel aufzuzeigen, was für haarsträubende theoretische Ansätze vom Nobelpreiskomitee (gar nicht so selten) geehrt werden. Dies soll im Folgenden geschehen und zwar anhand des wissenschaftlichen Werkes des Nobelpreisträgers Gary Becker (1930 – 2014) von der University of Chicago, der von seinem Mentor Milton Friedman als der beste Student, den er jemals hatte, und als der „größte Sozialwissenschaftler […] im letzten halben Jahrhundert“ bezeichnet wurde (hier). Gary Beckers Nominierung liegt zwar schon einige Zeit zurück (1992), aber er war nach Einschätzung der Financial Times und vieler anderer (vgl. z.B. hier oder hier) einer der einflussreichsten Ökonomen weltweit (wobei dieser Einfluss sicherlich durch die Verleihung des Nobelpreises verstärkt wurde). Zudem eignet sich seine Theorie auch deshalb sehr gut als Demonstrationsobjekt, weil sie vorrangig auf die Bereiche menschliches Verhalten und zwischenmenschliche Beziehungen ausgerichtet ist und sich deshalb auch ohne spezielle ökonomische Fachkenntnisse beurteilen und bewerten lässt (vgl. zu Folgendem ausführlicher die mathematische Darstellung von R. Penz im „Wirtschaftsdienst“ 11/1992).

Die Theorie der Heirat

Nach Gary Beckers „Economic Approach“ ist alles menschliche Verhalten letztlich ein ökonomisches Wahlhandlungsproblem, d.h. es geht stets um die Entscheidung, wie knappe Ressourcen zur Erreichung miteinander konkurrierender Ziele einzusetzen sind. Die Entscheidungen eines Konsumenten für einen Lebensstil, für eine Religion, für einen Ehepartner, für eine bestimmte Familiengröße etc. seien ein ökonomisches Problem und daher mit Hilfe ökonomischer Theorie zu analysieren.

Nehmen wir als Beispiel die beiden zuletzt genannten Bereiche: In seiner „Theorie der Heirat“ („A Theory of Marriage“, in: T.W. Schultz (Hrsg.), Economics of the Family, Chicago 1974, S. 299-344)  beschäftigt sich Becker mit dem Problem der Partnerwahl. Zum besseren Verständnis des Folgenden ist zunächst anzumerken, dass erworbene Marktgüter nach Becker nicht unmittelbar nutzenstiftend sind, sondern – neben anderen Faktoren – als Inputs in eine sog. Haushaltsproduktionsfunktion eingehen. Ihre Nutzung führt zur Produktion von Haushaltsgütern (von Becker auch „elementare Freuden“ genannt) und erst diese stiften den Haushaltsmitgliedern den eigentlichen Nutzen. Die im Betrieb „Haushalt“ produzierten Haushaltsgüter haben einen ganz unterschiedlichen Charakter, es kann sich bei diesen Produkten um Ernährung, Sauberkeit, Erholung, Gesundheit und einiges mehr handeln.

In Beckers Verständnis ist die Ehe die Zusammenlegung zweier Haushalte mit dem Ziel einer gemeinsamen Haushaltsproduktion. Zwei Einpersonenhaushalte entscheiden sich dann für eine solche Zusammenlegung ihrer Haushalte in Form einer Ehe, wenn beide Personen durch die Ehe einen Einkommenszuwachs für sich erwarten, d.h. wenn der Gesamtertrag der Ehe die Summe der Erträge der beiden Einzelhaushalte übertrifft und es mithin zu einem Ehegewinn kommt. Dieser Ehegewinn lässt sich aus den Spezialisierungs- und Arbeitsteilungsvorteilen einer ehelichen Gemeinschaft herleiten. Wer von beiden Partnern eine bestimmte Tätigkeit übernimmt, hängt davon ab, wer darin Grenzproduktivitätsvorteile aufweist. Im Ergebnis führt dies öfter dazu, dass der eine Partner aufgrund seiner höheren Marktproduktivität im Einkommenserwerb, der andere wegen seiner höheren Haushaltsproduktivität in der Haushaltsarbeit eingesetzt wird. Optimal ist dabei diejenige Arbeitsteilung, die zu einer maximalen Haushaltsgüterproduktion und damit zu einem Maximum an „elementaren Freuden“ führt.

Welche Rolle spielen Kriterien wie äußere Attraktivität, Intelligenz, Größe und Ausbildung bei der Partnerwahl? Bei diesen Merkmalen werden nach Gary Becker (vielleicht zunächst etwas überraschend) in der Tendenz ähnliche Merkmalswerte gesucht. Warum? Weil sie in der männlichen Ausprägung mit einer erhöhten Marktproduktivität und in der weiblichen Ausprägung mit einer erhöhten Haushaltsproduktivität einhergehen (folglich komplementär sind). Im Ergebnis bedeutet dies, dass die beiden Lebenspartner in einer Ehe keine ähnlichen Lohnsätze (und damit Marktproduktivitäten) aufweisen. Im Gegenteil: Je größer der Unterschied im Einkommen und in der Marktproduktivität zweier Partner ist, umso eher verfügt der Partner mit der niedrigeren Marktproduktivität über Spezialisierungsvorteile in der Haushaltsproduktion, umso größer ist der Ehegewinn und umso wahrscheinlicher ist es, dass die beiden heiraten.

Der sich aus Beckers Überlegungen ergebende „Heiratsmarkt“ sieht folgendermaßen aus: Unter der Annahme, dass der Mann das Angebot und die Frau die Nachfrage auf dem Heiratsmarkt repräsentiert, bietet sich der Mann dann an, wenn sein Marktpreis (Zm) höher als sein Single-Output ist und er folglich einen Ehegewinn erzielt. Die Frau fragt dann nach, wenn für sie vom zu erwartenden Ehe-Output nach Subtraktion des Marktpreises des Mannes und ihres Single-Outputs ein Ehegewinn bleibt. Bei steigendem Angebot und sinkender Nachfrage in Abhängigkeit von Zm befindet sich im Schnittpunkt von Angebots- und Nachfragekurve der Gleichgewichtswert von Zm.

Die Theorie der Fruchtbarkeit

Nachdem nun die beiden Partner nach dem ausgiebigen Studium der komplexen mathematischen Darstellung bei Gary Becker zueinander gefunden haben, stellt sich für die frisch Verheirateten die Frage nach der gewünschten Kinderzahl. Auch hier lässt sie Gary Becker nicht im Stich (vgl. A Treatise on the Family, vor allem Kapitel 5). Nach Beckers „Ökonomischer Analyse der Fruchtbarkeit“ sind Kinder als langlebige Haushaltskonsumgüter zu betrachten, deren Produktion Ressourcen erfordert, die Inputs der Haushaltsproduktionsfunktion bilden. Für die Eltern ergibt sich nunmehr das Problem, zwischen der Zahl ihrer Kinder und ihrem Lebensstandard zu optimieren, weil bei einem gegebenen Einkommen logischerweise ein Zuwachs auf der einen Seite einen Verlust auf der anderen Seite bedeutet. Eine Einheit häuslicher Ressourcen wird derjenigen Verwendungsart (Anzahl der Kinder = N versus Lebensstandard = S) zugeführt, die den höheren Grenznutzen hat. Ist der Grenznutzen einer Einheit von N höher als der Grenznutzen der für N aufgewandten Ressourcen, wenn sie in eine alternative Verwendungsart gesteckt werden, steigt die Nachfrage nach N – die Zahl der Geburten steigt. Die Schlussfolgerungen aus Beckers Überlegungen: Fällt der relative Kinderpreis (= der Preis von N dividiert durch den Preis von S in elterlichen Einkommenseinheiten), erhöht sich die Nachfrage nach Kindern; steigt der relative Kinderpreis, verringert sich die Nachfrage. Immer dann, wenn Kinder zum Einkommen ihrer Eltern beitragen und ihr Preis sinkt, nimmt die Zahl der Neugeborenen zu.

Dumm nur, dass Beckers Theorie auch beinhaltet, dass mit steigendem Einkommen mehr N (und mehr S) nachgefragt wird, also mehr Kinder geboren werden. Dies widerspricht fundamental der empirischen Beobachtung, dass seit über 100 Jahren in nahezu allen hochentwickelten Industrieländern die Geburtenrate mit wachsendem Einkommen fällt, also exakt das Gegenteil von dem geschieht, was nach Beckers Modell zu erwarten wäre. Das ficht Gary Becker jedoch nicht an: Flugs teilt er das Konsumgut Kind in zwei unterschiedliche Güter auf, nämlich in „Kinderquantität“ und „Kinderqualität“. „Kinderqualität“ ist hierbei definiert als „Ausgaben pro Kind“. Eine ad hoc eingeführte neue Güterkategorie (Kinderqualität) soll folglich den Widerspruch auflösen: Eltern substituieren mit steigendem Einkommen „Kinderquantität“ durch „Kinderqualität“ – Theorie gerettet!

Fazit

Es erübrigt sich, die Ausführungen Beckers einer Kritik zu unterziehen; sie kritisieren sich quasi selbst. Sie sind im übrigen noch nicht einmal in sich schlüssig, wie sich an Beckers plötzlicher Entdeckung der neuen Kategorie „Kinderqualität“ zeigen lässt. Hier wird es nämlich tautologisch: Sofern der Anteil der Ausgaben für Kinder am Einkommen nicht überproportional fällt (wofür kein ersichtlicher Grund besteht), muss natürlich zwangsläufig bei steigendem Einkommen und abnehmender Kinderzahl die „Kinderqualität“ – definiert als „Ausgaben je Kind“ – ansteigen.

Aber es geht hier ja nicht um die zweifelhafte Theorie eines bestimmten Ökonomen, sondern nur darum, an einem Beispiel zu zeigen, was in den Wirtschaftswissenschaften alles als nobelpreiswürdig erachtet wird. Alfred Nobel verfolgte mit seinen Preisen das hehre Ziel, dass die Auszeichnungen an diejenigen gehen sollten, die „der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben“. Der von der Schwedischen Reichsbank gestiftete „Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften“ wird nach demselben Verfahren vergeben und unterliegt den gleichen Vergabekriterien. Ob Theorien wie Gary Beckers „Economic Approach“ –  die beileibe kein Einzelfall ist –  diesem hohen Anspruch genügen, mögen die Leser/-innen selbst entscheiden.

 

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