Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Die Sharing-Ökonomie zerrüttet auch die Marktwirtschaft

Posted by hkarner - 19. Oktober 2016

So what, Herr Vontobel? (hfk)
Arbeit | 18.10.2016
Von Werner Vontobel, Makroskop

Der Taxi-Dienst Uber und der Wohnungsvermittler Airbnb sehen sich als Vorreiter einer neue Art von Wirtschaft,  der Sharing-Ökonomie oder des „Internet of Things“  und ihre Erfinder brüsten sich damit, ihren jeweiligen Markt zerstört und aus den Angeln gehoben zu haben. „Disruption“ (Zerrüttung) heißt das neue Schlagwort.

Es gehe nicht mehr um Innovation, sondern darum, die Karten völlig neu zu mischen. Da ist etwas dran. Man kann unternehmerischen Geistern nicht verbieten, auf diesen Zug aufzuspringen, aber man sollte sich von dieser Euphorie auch nicht blind mitreißen lassen. Die neuen Technologien bergen große Risiken. Nicht zuletzt deshalb weil sie sich mit den Regeln des  Marktes nur schwer vereinbaren lassen. Sie haben das Zeug, nicht nur das Hotel- und Taxigewerbe zu disruptieren, sondern auch die Marktwirtschaft, so wie wir sie bisher gekannt – und lange Zeit auch geschätzt – haben.

Das Geschäftskonzept

Dank der Sharing-Ökonomie und des Internet of Things können die ökonomischen Ressourcen viel effizienter genützt werden. Zu jeder Zeit stehen Hundertausende von Wohnungen und Millionen von Autos leer oder nutzlos herum. Sei es weil der Besitzer oder Mieter gerade in seiner Zweitwohnung Ferien macht, im Ausland auf Montage ist oder im Krankenhaus liegt. Warum sollte in der Zwischenzeit nicht jemand anders die Wohnung oder das Autos nutzen? Und warum soll ich, wenn ich mit meinem Autos gerade von A nach B unterwegs bin, nicht gegen einen kleinen Unkostenbeitrag jemanden mitnehmen, der zur gleichen Zeit gerade dasselbe Ziele hat? Was spricht dagegen?

Nun dafür kann es viele Gründe geben, aber der wichtigste war wohl das Informationsproblem. Wie soll ich wissen, wo gerade eine Wohnung frei ist, oder wo wer wohin unterwegs ist? Und wenn ja, ist der potentielle Mitfahrer, Fahrer, Mieter oder Vermieter vertrauenswürdig? Wie stelle ich sicher, dass er die vereinbarte Miete oder Mitfahrgebühr zahlt? Wie beschaffe ich mir diese Informationen? Allein der Gedanke an die damit verbundenen Schwierigkeiten haben bis vor kurzen noch verhindert, dass diese Fragen überhaupt gestellt wurden. Man kannte auch niemanden, der damit Erfahrungen gemacht hat. Wenn es so etwas wie Sharing gab, beschränkte es sich auf den kleinen Kreis der engen Verwandten und guten Bekannten.

Die moderne  Informationstechnologie hat dieses Informationsproblem gelöst oder zumindest entscheidend entschärft. Das Stichwort heißt Plattform. Dort wird nicht nur die Informationen über Angebot und Nachfrage, sondern auch über die Vertrauenswürdigkeit der Anbieter und Nachfrager gebündelt. Die meisten Plattformen garantieren auch die Zahlung. Es ist, als ob plötzlich tausende, ja Millionen von Menschen bekannt, verschwägert oder gar verwandt wären. Und unter diesen vielen ist immer einer, der genau zur richtigen Zeit von A nach B muss oder in C übernachten will. Und Dank dem Internet verschmelzen auch die Unternehmen zu einer großen Unternehmensfamilie. Man weiß jetzt über die Firmengrenzen hinweg, wo welche Computer- Maschinen oder Personalkapazitäten gerade frei sind.

Das ist, wie gesagt, ein riesiger Effizienzgewinn. Statt tausende neue Maschinen,  Computer, Autos, Hotels und Straßen zu bauen, braucht man bloß ein paar Softwareprogramme um das zu verknüpfen, was eh schon da ist. Und dabei schont man erst noch die Umwelt. Aber man handelt sich dafür ein soziales Problem ein, das erst noch erkannt werden muss, bevor man es lösen kann. Genau besehen sind es drei Probleme. Das erste besteht darin, dass Plattformen die Unternehmen ablösen – und dass damit das System der sozialen Sicherheit zusammenzubrechen droht.  Das zweite besteht darin, dass sich die Grenzen zwischen Broterwerb und Hobby verwischen und damit der Wettbewerb verfälscht wird. Das dritte besteht darin, dass Netze potentielle Monopole sind und sich grundsätzlich nur schlecht mit Marktwirtschaft vereinbaren lassen.

Zusammenbruch des Systems der sozialen Sicherheit

Bis in die Gegenwart war das Unternehmen die unvermeidliche Schnittstelle zwischen Produzent und Konsument. Das Unternehmen organisierte die Arbeit und schloss zu diesen Zweck Arbeitsverträge ab, es suchte die Kunden, verkauft die Produkte und trieb das Geld ein, zahlte die Löhne und rechnete mit dem Staat auch die Sozialabgaben ab.   Es machte damit – zusammen mit dem Staat die Einnahmen der Arbeitnehmer berechenbar. Die Löhne flossen auch wenn mal weniger Kunden da waren, im Krankheitsfall und nach der Rente. Das Unternehmen deckte die kurz- und mittelfristigen Risiken ab, der Staat die langfristigen. Die Verteilung des Risikos wurde durch das Arbeitsrecht und durch die Ausgestaltung der Sozialwerke definiert.  Damit wurde auch die Wirtschaft insgesamt stabilisiert. Diese Institutionen sind ein integrierender Bestandteil der Marktwirtschaft. Sie stabilisieren und sichern die Nachfrage und sie produzieren ein essentielles Gut – soziale Sicherheit.

Doch nun kommt die Sharing Economy. In ihr wird das Unternehmen durch die Plattform ersetzt. Dadurch kann jeder Produzent werden, ohne Umweg über eine Firma. Aus dem Arbeitnehmer wird ein selbständiger Unternehmer, der noch ein paar externe Dienste beansprucht. Etwa die eines Steuerberater oder eben der Plattform. Diese sieht sich als Dienstleister, nicht als Arbeitgeber, sie zahlt keinen (festen) Lohn, zieht keine Sozialbeiträge ab, garantiert keine Lohnfortzahlung. Das ganze Risiko liegt beim Vertragspartner. Zur Zeit tobt eine Diskussion darüber, ob diese Rechtsauffassung mit dem geltenden Arbeitsrecht zu vereinbaren ist.

Das ist die falsche Diskussion. Die Frage muss vielmehr sein, welches (neue) Arbeitsrecht wir brauchen, damit die soziale Marktwirtschaft auch unter den neuen technologischen Bedingungen funktionieren kann. Das Problem besteht darin, dass der unregulierte Wettbewerb die Entschädigung der selbständigen Arbeitsanbieter auf ein Niveau drückt, das gerade mal die laufenden Lebenshaltungskosten deckt, nicht aber das Risiko von Krankheit, Arbeitslosigkeit oder altersbedingter Arbeitsunfähigkeit.  Mit der Folge, dass diese Kosten nicht mehr, wie in einem funktionierenden Markt, dem Verbraucher aufgebürdet werden, sondern auf den Staat und auf die Gesundheit und Lebenserwartung der „Unternehmer“ abgewälzt werden. Zudem fehlt es dann auch an der nötigen Nachfrage. Der Markt wird disrupiert.

Eine Minimallösung kann wohl nur darin bestehen,  dass die Plattformen die üblichen Sozialbeiträge kassieren und einen Nettolohn bezahlen, der nicht unter dem gesetzlichen Mindestlohn liegt. Da es aber kein vertragliches, geschweige denn gesetzliches Mindest-Arbeitsvolumen gibt, ist damit noch immer nicht sichergestellt, dass der Lohn die Kosten der laufenden Lebenshaltung deckt. Das Problem beschränkt sich allerdings nicht auf die Plattformen, sondern durchdringt zunehmend die ganze Arbeitswelt. „Digitalisierung  verstärkt deshalb die Ökonomisierung der Arbeit: Nicht-Kernfunktionen werden ausgelagert, flexible Arbeitsmodelle sparen Arbeitskosten ein und der Wert eines Mitarbeitenden bemisst sich immer mehr an seinen digitalen Wertschöpfungsbeiträgen.“

Dieser Satz stammt bezeichnenderweise von einem Vertreter der „Kaste“, die von einer solchen Entwicklung mutmasslich profitiert, dem Geschäftsleiter der Schweizer Kader Organisation SKO, Jürg Eggenberger. Geschrieben hat er den Text für eine triumphalistische Internet-of-Things- Beilage von Mediaplanet, die uns verkündet, dass der „Standort Schweiz“  eine „digitale Transformation und einen Innovationsschub“ erfahren werde.  Das mag für Kaderleute eine interessante Herausforderung sein, bei der die Chancen die Risiken überwiegen. Für den normalen Arbeitnehmer jedoch bedeutet der Satz von Eggenberber, dass erstens sein – eventueller – Arbeitseinsatz noch mehr nach den gerade aktuellen Erfordernissen der Wirtschaft richtet, und dass sein Lohn in Zukunft unmittelbar von seinen “digitalen Wertschöpfungsbeiträge“ abhängt. Auch wer noch einen Arbeitsvertrag hat, wird vermehrt dem Unternehmensrisiko ausgesetzt.

Verfälschter Wettbewerb

Nun zum zweiten Problem. Es lässt sich am besten am Beispiel von Airbnb (Luftmatratze, Bett und Frühstück) erklären: Wenn jemand ein Hotel kommerziell betreibt, muss er aus dem Ertrag sämtliche Kosten, vor allem auch von Lohn- und Kapital decken. Wenn ich hingegen ein Zimmer untervermiete oder meine Wohnung in den Ferien schnell mal weiter vermieten kann und wenn mein Lebensunterhalt auch anderweitig gesichert ist, dann kann ich locker kalkulieren. Das bisschen Arbeit, das mit der Vermietung verbunden ist, macht vielleicht sogar noch Spaß und unter Strich bleibt ein willkommener Zustupf. Nun entfällt zwar nur ein kleiner Teil der Airbnb-Angebote auf selbstgenutzte Wohnungen. Die meisten gehören Leuten, die ihr überschüssiges Geld in Immobilien parkieren und ihre Vermögen so vor den Negativ-Zinsen schützen und noch auf einen Kursgewinn hoffen. Andere Magnaten betreiben Luxushotels als Hobby. In all diesen Fällen sind sie nicht darauf angewiesen, das eingesetzte Kapital marktkonform zu verzinsen, geschweige denn zu amortisieren.

In ähnlicher Weise muss der professionelle Taxifahrer seinen Lebensunterhalt mit dem Taxameter bestreiten. Wer aber schnell noch eine Uber-Lizenz löst und neben dem Hauptjob in der freien Zeit noch ein wenig Taxi fährt, muss keine Vollkostenrechnung machen. Das gleiche gilt für den angestellten Monteur, der sich über ein einschlägiges Portal nebenbei noch ein paar Aufträge holt. Auch ein Arbeitsloser, der sein Arbeitslosengeld mit schwarzer Gelegenheitsarbeit aufbessert wird sich nicht unbedingt an den geltenden Mindestlohn halten – Zeit hat er ja und wenig Geld ist in seiner Lage besser als gar keins.

Von dem überschüssigen Geld das heute in die Aktien- und Immobilienmärkte strömt und das reiche  Leute in Fußballclubs oder Luxushotels stecken, stammt ein erklecklicher Teil von den Leute, welche Netzwerke betreiben. Digitale Netze sind ein  Club-Gut. Ihr Wert hängt von jedem einzelnen Mitglied ab. Die wertvollste Plattform ist ein Monopol, weil dann alle Angebote und die ganze Nachfrage mit einem Klick offen liegt. Unsere Marktregeln erlauben es, dass die Initianten (der first mover) den ganzen Monopolgewinn kassiert. Dass ermöglicht eine volkswirtschaftlich völlig kontraproduktive Konzentration der Einkommen. Bei Airbnb zahlt der Vermieter typischerweise 3 und der Mieter 6 bis 12% der fakturierten Betrags an die Netzbetreiber. Damit gehen gut 10% der Wertschöpfung, die mit dem Vermieten einer Wohnung verbunden sind –  Planung, Bau, Unterhalt, Heizung, Möblierung, Reinigung, Verwaltung, Empfang der Gäste usw. – an eine kleine Dienstleistung im Rahmen der Vermietung. 10 Euro von 100 für 1 Arbeitsstunde  von 100.

Wie wirkt sich das aus, wenn Vollzeit-Taxifahrer, Monteure, Hoteliers usw. gegen Konkurrenten antreten, die nicht ihre Vollkosten decken müssen, die ihre Arbeitskraft oder ihr Kapital nur gleichsam hobbymäßig in den Produktionsprozess einbringen? Die Antwort muss man nicht abwarten, die ist schon da: Löhne unter dem Existenzminimum, steigenden Arbeitslosigkeit, Null- und Negativzinsen, Immobilien- und Aktienbooms. An die Stelle der realen Rendite tritt der Spekulationsgewinn und die entsprechenden Verluste. Zu den Verlierern gehörten insbesondere die Mieter und die kleinen Sparer, die nach dem Boom meist ärmer sind als zuvor. Auch an den Kapitalmärkte sind die Spieße nicht gleich lang. Sowohl am Arbeits- als auch am Kapitalmarkt findet eine Umverteilung von unten nach oben statt. Klar: Die Sharing-Economy ist an dieser Entwicklung nicht alleine schuld, aber sie verschärft den negativen Trend.

Was tun? Die Wirtschaftspolitiker und die Standortförderer (kein Unterschied) kennen die Antwort: Wir müssen die neuen Technologien schneller umsetzen als die andern. Es geht darum, die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern und Standortvorteile zu erringen. Arbeitslosigkeit und sinkende Löhne signalisieren kein Marktversagen, sondern sind bloß die Quittung für Niederlagen im Standortwettbewerb.  Das ist aus privat- und betriebswirtschaftlicher Sicht richtig. Technologische Chancen müssen genutzt werden. Wer das versäumt, verliert.

Aus der Sicht der neoklassischen Ökonomie sind die Sharing Ökonomie und das Internet der Dinge ein Segen. Sie verschärfen den Wettbewerb, sie geben auch den kleinen Leuten die Chance, ihr Auto, ihre Wohnung und ihre brachliegenden Arbeitskraft auf den Markt zu werfen. Und sie ermöglichen beträchtliche Effizienzsteigerungen.

Doch das ist eben nur ein – relativ nebensächlicher – Teilaspekt. Entscheidend ist allein, ob, den technologischen Fortschritt und den Wettbewerb in Wohlstand für alle umzuwandeln. In den letzten Jahrzehnten ist dies immer weniger gelungen: 10% Gewinnern stehen 90% Verlierer gegenüber. Der technologische Fortschritt schafft nur Wohlstand, wenn er in die richtigen Institutionen eingebettet ist.

In den vergangenen zwei Jahrhunderten hat die Ökonomik die Institutionen ziemlich aus den Augen verlieren. Jetzt zwingt uns die Sharing Ökonomie, wieder grundsätzliche Fragen zu stellen. Zum Beispiel über die Grenzen zwischen Markt und Selbstversorgung bzw. monetäre Nachfrage und Bedürfnisse. Mehr dazu im zweiten Teil.

 

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