Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Gefährliche Klimaschulden

Posted by hkarner - 15. Oktober 2016

   Date: 15-10-2016
Source: SPIEGEL

Durch den Klimavertrag von Paris soll die Erderwärmung auf „deutlich unter zwei Grad“ begrenzt werden. Forscher warnen, dass dieses Ziel auf viel zu optimistischen Annahmen beruht.

Man müsse sich, sagt Glen Peters, die Sache ungefähr so vorstellen wie damals die Immobilienkrise in den USA. Damals hätten viele Menschen Kredite aufgenommen, die sie sich mit ihrem Einkommen eigentlich nicht leisten konnten. Gleichzeitig hätten die Leute die Hoffnung gehabt, in ein paar Jahren durch steigende Hauspreise reich zu werden – und dann eben doch die Kredite bedienen können. Bei vielen sei die Rechnung dann aber nicht aufgegangen. Eine Pleitewelle folgte, von der sich die Weltwirtschaft auf Jahre nicht erholte.

Und genauso so etwas drohe beim Weltklima. Denn auch da sei die Menschheit auf dem besten Weg sich zu verschulden, so der Forscher – und möglicherweise auch in diesem Fall zu stark. Nur dass die Folgen hier weit dramatischer sein könnten als nach einer geplatzten Immobilienblase.

Deswegen hat Peters, Forscher am Center for International Climate and Environmental Research in Oslo, gerade zusammen mit Kevin Anderson vom Tyndall Centre for Climate Change Research in Manchester einen Brandbrief im Wissenschaftsmagazin „Science“ veröffentlicht. Ihr Hauptkritikpunkt ist nicht grundsätzlich neu, aber sehr pointiert vorgetragen: Im Klimavertrag von Paris stehe zwar das Ziel, die Erderwärmung auf „deutlich unter zwei Grad“ zu begrenzen – das lasse sich aber nur durch sogenannte negative Emissionen erreichen. Und die dafür nötigen Technologien seien längst nicht ausgereift.

Die Kurven zeigen den Mittelwert über verschiedene IPCC-Szenarien, bei denen die Temperatur bis 2100 mit einer Wahrscheinlichkeit von 66% um maximal zwei Grad steigt. Bei der roten Kurve beträgt die Chance dafür nur 50%.

Negative Emissionen – was so technisch klingt, bedeutet eigentlich nur, dass man große Mengen Kohlendioxid aus der Erdatmosphäre holt und dann für lange Zeit sicher speichert. Dasco2-emissions Ziel lässt sich mit massiven Aufforstungsprogrammen erreichen, mit bestimmten, fein gemahlenen Gesteinen, die auf großflächig auf landwirtschaftlichen Flächen ausgebracht werden – oder mit einem Verfahren namens „Bio Energy with Carbon Capture and Storage“, kurz BECCS. Dabei werden Pflanzen auf riesigen Äckern angebaut und später in Kraftwerken verbrannt. Das dabei entstehende CO2 wird abgetrennt und für möglichst lange Zeiträume im Boden gespeichert.

„Diese Sachen sind seit Jahren in den Klimaszenarien“, sagt Peters. In der Tat: Mehr als drei Viertel der Zwei-Grad-Pfade im jüngsten Weltklimabericht setzen Technologien wie etwa BECCS voraus. „Aber einige, vielleicht sogar die meisten Klimaexperten wissen nicht, wie schnell man mit diesen negativen Emissionen beginnen müsste“, sagt Peters

Um das Jahr 2075 soll die Technik den gesamten verbleibenden Treibhausgasausstoß der Menschheit kompensieren können. Zwar werden dann noch immer Öl und Gas verbrannt – aber insgesamt gerechnet, soll der globale CO2-Ausstoß dann bei Null oder sogar darunter liegen.

Merkels Klimatreffen in Berlin: „Alle Staaten sollten auf null CO2-Emissionen kommen“

Das Jahr 2075 klingt weit weg – doch genau das sei der gefährliche Trugschluss, so Peters. Damit das Ziel erreichbar sei, müssten die Verfahren nämlich schon im nächsten Jahrzehnt großflächig auf den Weg gebracht werden und anschließend weltweit ausgebaut werden.

Das Problem: Bei der Klimamodellierung wird stets mit einer Summe gearbeitet. Und zwar derjenigen aus den Emissionen und dem mit technischen Mittel wieder eingesammelten Kohlenstoff. Deswegen fällt nicht auf den ersten Blick auf, ab wann Verfahren wie BECCS schon einen Beitrag zum Erreichen der Klimaziele leisten müssten.

„Es muss weitere Forschung geben“

„Negative Emissionen dürfen nicht dafür herhalten, die Verminderung von Emissionen weiter hinaus zu zögern“, sagt Ottmar Edenhofer, Direktor des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) in Berlin. Bis zur Mitte des Jahrhunderts müsse der weltweite Stromsektor vollständig emissionsfrei werden, das setze einen „raschen“ Kohleausstieg voraus.

„Es wäre aber unverantwortlich, würden wir die Option der negativen Emissionen jetzt ausschließen“, sagt Edenhofer. „Es muss hierzu weitere Forschung geben, und die verschiedenen Möglichkeiten, negative Emissionen zu erreichen müssen auf ihre Nachhaltigkeit geprüft und in Pilotprojekten erprobt werden.“

In einem am Donnerstag vorgestellten Bericht betont auch das Committee on Climate Change in Großbritannien, Technologien für negative Emissionen seien „von zentraler Bedeutung“ für die Klimaziele des Landes nach dem Paris-Vertrag.

Doch diese Technologien gibt es bisher bestenfalls im Kleinen. Für einen Erfolg von BECCS wäre aber, so schätzen Experten, global gesehen eine Ackerfläche von der doppelten Größe Indiens nötig. Das sei „offensichtlich ein politisches No-Go“, kritisiert Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Seine Kollegen Peters und Anderson verweisen außerdem darauf, dass bisher erst eine einzige größere Demonstrationsanlage existiert. Die Forscher sprechen deswegen von einer „hochspekulativen Technologie“.

Rückzahlung „nirgendwo in Sicht“

Warum das Konzept der negativen Emissionen trotzdem attraktiv ist, liegt auf der Hand: Die Menschheit kann noch eine Weile – fast – so weiter machen wie bisher. Große Technologische Entwicklungen und das Vertrauen in die Cleverness der künftigen Generation machen es möglich, dass die CO2-Emissionen auch auf lange Sicht weiter steigen – und trotzdem am Ende das Zwei-Grad-Ziel doch noch zu schaffen ist. Theoretisch.

Forscher des Global Carbon Project hatten im vergangenen Dezember in „Nature Climate Change“ davor gewarnt, dass die für negative Emissionen nötigen Technologien das Risiko für Konflikte um Ackerland, Trinkwasser und Energie steigern dürften. Wissenschaftler des Stockholm Environment Institute und der Universität Melbourne wiesen außerdem vor wenigen Wochen darauf hin, dass das Potential der Verfahren generell überschätzt werde. Viele Probleme seien noch ungelöst.

Dabei ist die Stimmung in der Klimaszene doch gerade so gut: Das Paris-Abkommen, das die Emissionen in der Zeit nach 2020 regelt, tritt am 4. November dieses Jahres in Kraft. Das ist deutlich schneller als von den meisten Experten erwartet. Bisher haben schon 77 Vertragsparteien den Text ratifiziert, neben den USA, China und Indien sind auch die Europäer dabei.

Muss man angesichts solch augenscheinlich guter Nachrichten wirklich so auf die Stimmungsbremse drücken, wie es Peters und Anderson tun? „Mein Job als Wissenschaftler ist zu sagen, was Sache ist. Zu wenige Wissenschaftler tun das“, antwortet Peters nüchtern. Die Regierungen der Staaten verließen sich „unwissentlich“ auf „ungetestete“ Technik. Das müsse man beim Namen nennen.

„Ohne negative Emissionen in der Zukunft brauchen wir noch stärkere und schnellere Anpassung jetzt“, sagt der Forscher. Denn einstweilen, so formuliert es sein Kollege Geden, sei politisches Handeln zur Rückzahlung der drohenden Klimaschulden „nirgendwo in Sicht“.

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