Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Die Zeit läuft ab: In Europa werden viele Banken verschwinden

Posted by hkarner - 6. Oktober 2016

Deutsche Wirtschafts Nachrichten  | 

Die europäischen Banken bleiben unter erheblichem Druck. Die EZB liefert ihnen zwar ein Notpflaster, hat ihnen jedoch wegen der Geldpolitik in der Substanz geschadet. Finanzinvestoren drängen auf eine Bereinigung des Marktes.

Finanzinstitute im Euro-Raum können bei der Geldversorgung über die EZB auch künftig unbesicherte vorrangige Bankanleihen als Pfand einreichen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hielt die sogenannte Notenbankfähigkeit solcher Schuldpapiere vorerst aufrecht, wie sie am Mittwoch in Frankfurt mitteilte. Die Entscheidung dürfte in der Branche positiv aufgenommen werden. Denn Einschränkungen bei der Refinanzierung mit Zentralbankgeld würden sie in einer Phase treffen, in der viele Institute an der Börse unter Druck sind und in einigen Ländern Geldhäuser unter hohen Beständen an faulen Krediten leiden.

Die Währungshüter wollen ihren Beschluss im kommenden Jahr überprüfen. Um Risiken zu reduzieren, halbierten sie außerdem die Nutzungsgrenze für solche Bankanleihen als Sicherheiten ab 2017 auf 2,5 Prozent. Das Limit soll dann nicht gelten, wenn die eingereichten Pfänder im Wert unterhalb von 50 Millionen Euro liegen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht trotz einzelner Probleminstitute keine Gefahr einer allgemeinen Branchenkrise im Euro-Raum. „Es gibt einzelne Fälle von Geldhäusern mit Problemen, aber das System ist solide“, sagte EZB-Bankenaufseher Ignazio Angeloni am Mittwoch auf einer Veranstaltung in Mailand. Die Voraussetzungen für eine systemische Krise seien aber nicht gegeben. Die Europäische Zentralbank (EZB) ist seit Herbst 2014 für die Aufsicht über die größten Geldhäuser im Währungsraum zuständig. Inzwischen überwacht sie direkt 129 Institute.

Allerdings bröckelt die Autorität der EZB gerade im Aufsichtsbereich: Zuletzt hatte Bundesbank-Präsident Jens Weidmann gefordert, dass die EZB die Aufsicht abgeben solle, wie die bestehenden Interessenskonflikte nicht zu lösen seien.

Angeloni zufolge ist die Wahrnehmung falsch, dass es Probleminstitute nur in einem Land gibt. In Deutschland steht derzeit insbesondere die Deutsche Bank in den Schlagzeilen, die mit knappen Reserven an der Beilegung vieler kostspieliger Rechtsstreitigkeiten arbeitet. In Italien kämpfen Geldhäuser dagegen mit einem Berg an faulen Darlehen, die sich im Zuge der jahrelangen Wirtschaftsflaute auf inzwischen rund 360 Milliarden Euro aufgetürmt haben. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rief am Mittwoch die italienische Regierung dazu auf, mehr zu tun, um diese abzubauen.

In der gesamten Euro-Zone hatten Banken Ende des vergangenen Jahres Problemkredite im Volumen von zusammen rund 900 Milliarden Euro in ihren Bilanzen. Zu viele notleidende Darlehen machen Institute bei der Vergabe neuer Kredite zurückhaltend, was auf Dauer das Wachstum in einer Volkswirtschaft bremsen kann. Angeloni zufolge braucht eine Lösung dieses Problems allerdings Zeit. Selbst für Geldhäuser, bei denen das akut sei, könne dies nicht schnell geschehen, sagte der Bankenaufseher. „Aber genau deshalb, weil das ein langer Prozess ist, sollte er augenblicklich beginnen.“ Die EZB-Bankenaufseher wollen den Instituten bald konkrete Vorgaben beim Abbau fauler Kredite machen.

Die deutschen Banken haben nach Einschätzung der Ratingagentur Moody’s vor allem ein Kostenproblem. „Wir sehen die im Vergleich zu den europäischen Konkurrenten hohe Kostenbasis als die größte Schwäche und Herausforderung für deutsche Banken an“, schrieben die Moody’s-Analysten in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie zu den Aussichten für die deutschen Geldhäuser bis Ende des nächsten Jahres. Das drücke auf die Gewinne der Banken und beeinträchtige ihre Fähigkeit, mehr Kapital zur Seite zu legen. Die Bankvorstände sähen zunehmend die Notwendigkeit, das Thema anzugehen. Das zeige das Sparprogramm der Commerzbank ebenso wie die Ankündigung vieler Sparkassen und Genossenschaftsbanken, ihr Filialnetz auszudünnen.

Mehr als Sparen bleibe den Banken auch nicht übrig, heißt es in der Studie. „Weil die Kapitalmärkte immer noch fragil sind und große Bankenfusionen schwierig umzusetzen, erwarten wir, dass der langsame Prozess der Kostensenkungen weitergehen wird“, schreibt Chefanalystin Andrea Wehmeier. Die niedrigen Zinsen, die Überkapazitäten und das mäßige Kreditwachstum führten zu einem anhaltend scharfen Wettbewerb, vor allem im Geschäft mit Privatkunden und dem Mittelstand. Die Ratingagentur bewertet 37 deutsche Banken, die 76 Prozent des Sektors umfassen.

Die meisten deutschen Institute beklagen die Margen, die wegen der niedrigen Leitzinsen schrumpften. Nach Moody’s-Berechnungen sind ihre Margen aber nicht weit weg vom EU-Durchschnitt – die Kostenquoten mit rund 70 Prozent der Erlöse aber deutlich darüber. Stellenabbau und Filialschließungen dürften daher noch in diesem Jahr weitergehen. Die Commerzbank hat angekündigt, bis zu 9600 Stellen zu streichen, will aber an ihrem Netz von rund 1000 Filialen festhalten. Dort dürften trotzdem künftig weniger Menschen arbeiten als bisher. Die Nummer zwei will bis 2020 – wenn die Märkte mitspielen – auf eine Kostenquote von 60 Prozent kommen.

Kopfzerbrechen macht der Ratingagentur der Schiffsmarkt. Im Allgemeinen seien die Kreditausfallraten in Deutschland mit 3,1 Prozent sehr niedrig. Banken, die Schiffskredite vergeben haben, müssten allerdings mit einer wachsenden Zahl wackelnder Kredite rechnen – und deshalb mit höheren Rückstellungen, zumal wenn sie den Abbau ihrer Bestände forcieren. Zuletzt sei es ihnen kaum gelungen, ihr Volumen an Schiffskrediten zu reduzieren: Von 2012 bis 2015 sei der Bestand bei den fünf größten deutschen Schiffsfinanzierern – darunter NordLB und HSH Nordbank – nur auf 63 von 65 Milliarden Euro gesunken. Je nach Bank seien sieben bis 46 Prozent davon ausfallgefährdet.

Dennoch haben die deutschen Kreditinstitute nach Auffassung von Moody’s „angemessen“ Kapital. Die harte Eigenkapitalquote nach dem scharfen Basel-III-Standard habe Ende 2015 im Schnitt bei 14,7 Prozent gelegen. Ein Jahr zuvor waren es erst 13,5 Prozent.

Diese Quote wird von Finanzwissenschaftlern wie Anat Admati und Martin Hellwig als unzureichend angesehen: Sie fordern mindestens 20 Prozent. Vor allem halten sie die Risikobewertung für unzureichend, weil sie die echten Risiken zu gering gewichte.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat sich weiter auf die Deutsche Bank eingeschossen. „Die Deutsche Bank gehört zu den Banken, die weiter Anpassungen vornehmen müssen, um Investoren davon zu überzeugen, dass ihr Geschäftsmodell für die Zukunft tragfähig ist“, sagte IWF-Geld- und Kapitalmarkt-Experte Peter Dattels am Mittwoch in Washington. Zudem müssten die Anleger überzeugt werden, dass Deutschlands größtes Geldhaus seine Risiken aus diversen Rechtsstreitigkeiten im Griff habe.

Immerhin: Entwarnung scheint für die Deutsche Bank bei den Geldwäsche-Vorwürfen in Russland zu kommen. Es zeichnet sich laut SZ ab, dass sich die Finanzaufsicht darauf beschränken werde, dem deutschen Branchenprimus Auflagen für ein besseres Risikomanagement zu machen. Eine genaue Quelle nannte die Zeitung für ihre Informationen nicht. Sprecherinnen der Bafin und der Deutschen Bank lehnten auf Nachfrage einen Kommentar ab. Allerdings gehen die Ermittlungen der US-amerikanischen und britischen Aufsichtsbehörden im Russland-Fall weiter.

Die Bafin hatte bereits im Frühjahr bei der Deutschen Bank Milde walten lassen, als die Finanzaufsicht mehrere Sonderprüfungen ohne weitere Konsequenzen für das Frankfurter Geldhaus beendete. Dabei ging es um den Libor-Skandal um manipulierte Referenzzinssätze, Derivategeschäfte mit der italienischen Krisenbank Monte dei Paschi di Siena sowie Edelmetallgeschäfte.

Für Deutsche-Bank-Chef John Cryan kommen die mahnenden Worte zu einem kritischen Zeitpunkt: Das renditeschwache Institut steckt gerade mitten im Verhandlungspoker mit den US-Behörden, um eine 14-Milliarden-Dollar-Strafe im Streit um faule Hypothekenpapiere abzuwenden. Das Thema dürfte auch bei der Herbsttagung des IWF in Washington im Mittelpunkt stehen. Dort versammeln sich Ende der Woche zahlreiche hochkarätige Banker, Notenbanker und Politiker, um unter anderem über die Lage an den Finanzmärkten zu diskutieren.

Die Deutsche Bank selbst argumentiert, sie habe genug Liquidität, eine dicke Kapitaldecke und sei in Sachen Bilanzrisiken noch nie so sicher gewesen wie heute. Doch so lange der Hypothekenstreit nicht gelöst ist, bleibt die Unsicherheit, wie widerstandsfähig das Institut wirklich ist. Denn es schwelen noch viele andere Rechtsstreitigkeiten, die viel Geld kosten können. Hinzu kommen die Niedrigzinsen, die sich bei allen europäischen Banken tief in die Bilanz fressen. Darauf ging der IWF in seinem Bericht zur globalen Finanzstabilität ein: Die allgemeine Ertragsschwäche der hiesigen Institute in einem Umfeld niedriger Zinsen und geringen Wirtschaftswachstums könnte die Kapitalpuffer mit der Zeit aufzehren, hieß es. Hinzu kämen faule Kredite im Gesamtvolumen von schätzungsweise 900 Milliarden Euro.

Die Europäische Zentralbank (EZB) als Aufseherin über die Großbanken auf dem Kontinent ging in Verteidigungsstellung. „Es gibt einzelne Fälle von Banken mit Problemen, aber das System ist solide“, sagte EZB-Bankenwächter Ignazio Angeloni in Mailand. Die Voraussetzungen für eine systemische Krise seien nicht gegeben.

Größter Investor der Deutschen Bank ist neben dem Emirat Katar der US-Fondsriese Blackrock. Dessen Vize-Chef Philipp Hildebrand meldete sich in der FAZ zu Wort und warb dort ebenfalls ungewohnt offen für Fusionen unter Europas Großbanken, und zwar grenzüberschreitend. „Wenn wir über einen Konsolidierungsbedarf sprechen, dann sollten wir das nicht im nationalen Rahmen tun“, betonte er. Die Politik müsse dafür aber endlich klare Signale senden.

Auch Hildebrand kritisierte, viele europäische Banken wüssten immer noch nicht, wie man nachhaltig Geld verdiene. Auf die Deutsche Bank ging er zwar nicht explizit ein. Der Blackrock-Manager übte aber grundsätzliche Kritik am Zustand der Branche: „Es ist frustrierend, dass sich in einer Reihe großer europäischer Banken trotz aller Rhetorik noch immer nicht klar genug die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass eine radikale Neuorientierung des Geschäftsmodells notwendig ist.“

Die Deutsche Bank gerät Finanzkreisen zufolge in ihren Gesprächen mit wichtigen Investoren schon seit einiger Zeit unter Druck, sich angesichts ihrer nicht enden wollenden Aufräumarbeiten nach einem potenziellen Fusionspartner umzuschauen. „Das wurde schon im Frühjahr angeregt und stieß damals bei der Bank auf wenig Interesse“, berichtete ein Insider von einem Top-10-Aktionär. Von einem anderen Investor hieß es: „Das Fusionsthema wird unter den Aktionären inzwischen offen diskutiert.“ Die Deutsche Bank wollte sich zu dem Thema nicht äußern. Aus Aufsichtskreisen hieß es zuletzt, vor allem die französischen Großbanken scharrten mit den Hufen und wollten grenzüberschreitende Deals vorantreiben.

Wer auch immer als Käufer einer Deutschen Bank infrage käme – er bräuchte wohl grünes Licht aus Berlin. Und in der deutschen Politik gibt es momentan eine Präferenz für eine nationale Lösung: einen Zusammenschluss von Deutscher Bank und Commerzbank. Gespräche zwischen beiden Instituten hatte es im August denn auch kurz gegeben, wie Insider berichteten. Sie wurden allerdings sehr schnell wieder beendet.

 

 

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