Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Das Ende der Globalisierung

Posted by hkarner - 4. Oktober 2016

Date: 03-10-2016
Source: SPIEGEL

Die Gegner des freien Handels gewinnen weltweit Einfluss auf die Politik. Die Folgen werden schwerwiegend sein – gerade für die Exportnation Deutschland.

Eine Kolumne von Henrik Müller

Als Globalisierungsgegner war man lange in einer relativ bequemen Position. Man konnte die Auswüchse des internationalen Wettbewerbs thematisieren. Man konnte sich über Lohn-, Steuer- oder Währungsdumping aufregen und internationale Handelsabkommen wie TTIP, Ceta oder den USA-Asien-Pakt Trans-Pacific Partnership (TPP) ablehnen. Die Globalisierung ging trotzdem weiter.

Der internationale Austausch gedieh, Handelsströme wuchsen schneller als die Wirtschaft insgesamt, Kapitalverflechtungen nahmen zu. Die Globalisierungsgegner konnten darauf hoffen, einen Beitrag zur Verbesserung der Globalisierung zu leisten, ohne sie im Kern zu gefährden. Insofern stellten sie ein wertvolles politisches Gegengewicht zu den Interessen internationaler Konzerne dar.Vom Handelspartner zum Feindbild

Inzwischen aber wird die Sache ernst. Die Gegner der Globalisierung haben in vielen Ländern Einfluss auf die Politik gewonnen. Beschränkungen des Welthandels greifen schleichend um sich. Länder wie Russland oder Indien schützen gezielt ausgewählte Wirtschaftszweige.

In den USA hat Donald Trumps Kampagne gegen China und Mexiko dafür gesorgt, dass internationale Wettbewerber zu Feindbildern stilisiert werden. In den deutschsprachigen Ländern ist das USA-EU-Abkommen TTIP faktisch gescheitert. Dennoch beginnt am heutigen Montag eine neue Verhandlungsrunde.

Die veränderte politische Stimmung schlägt sich inzwischen in Zahlen nieder. Der Welthandel nimmt kaum noch zu. Bei der Herbsttagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank, deren Vorprogramm am Dienstag in Washington beginnt, wird die lahmende Globalisierung eines der großen Themen sein. Vorab hatte der IWF eine Analyse veröffentlicht, wonach der Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen 2012 und 2015 nur halb so schnell gewachsen ist wie im Durchschnitt der Jahrzehnte seit 1960.

Ein neues Muster wird erkennbar: Früher brach der internationale Handel in Rezessionsphasen ein, erholte sich dann aber rasch; im Schnitt der vergangenen fünf Jahrzehnte wuchs der Welthandel etwa doppelt so schnell wie die Wirtschaft insgesamt. Das ist vorbei. Seit 2012 hält der internationale Austausch kaum noch mit der Wirtschaftsentwicklung schritt.

Für Deutschland ist dieser Trend heikel. Er stellt das exportorientierte, industrielastige Wirtschaftsmodell infrage. Besonders betroffen vom schwachen Handel sind laut IWF Investitionsgüter, eine deutsche Spezialität (Achten Sie Mittwoch auf Reaktionen bei der Tagung des Groß- und Außenhandelsverbands und die Einschätzung der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer sowie am Donnerstag auf den Tag der deutschen Industrie).

Der Brexit wird Spuren hinterlassen

Die Schwäche der Globalisierung hat insbesondere zwei Gründe. Zum einen ist in vielen Schwellenländern, gerade in China, die Phase der raschen Industrialisierung vorbei. Diverse Märkte sind gesättigt, die Investitionsdynamik lässt nach. Die Schwellenländer können inzwischen vieles selbst produzieren, sodass der Bedarf an Importen aus hochentwickelten Volkswirtschaften wie Deutschland abnimmt.

Zum anderen nimmt auch die politische Entschlossenheit zu, heimische Produzenten vor internationaler Konkurrenz zu schützen. Einschränkungen für ausländische Produkte erschweren aber die grenzüberschreitende Arbeitsteilung. Behörden zwingen internationale Konzerne, einen Großteil der Wertschöpfung vor Ort zu erbringen. Wenn Großbritannien – die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU – den europäischen Binnenmarkt verlassen sollte, wird auch das Spuren im Welthandel hinterlassen.

Der Preis für diese Entwicklungen wird hoch sein. Nicht nur für Deutschland, das wie keine andere der großen Volkswirtschaften in den Weltmarkt integriert ist. Auch für die weltweite Entwicklung wird der stockende Handel zum Problem. So sehr die Globalisierung der Güter- und Kapitalmärkte in den vergangenen Jahren in Verruf gekommen ist, so klar ist auch, dass Wohlstandszuwächse bei geschlossenen Grenzen kaum möglich sind.

Es stimmt schon: Durch internationalen Wettbewerb kommen die Löhne für einige Gruppen von Beschäftigten unter Druck. Ein Problem, das Europas umverteilende Sozialstaaten übrigens besser in den Griff bekommen als die USA und viele Schwellenländer.

Neue Abkommen sind für lange Zeit nicht durchsetzbar

Aber ein Ende der Globalisierung würde nach aller historischen Erfahrung das Wohlstandsniveau insgesamt senken. Die Produktivität steigt schon jetzt kaum noch. Falls die Welt in eine Protektionismusspirale abglitte, gäbe es für Politiker weltweit noch weniger zu verteilen. Umso größer würde der Unmut. Wer hofft, durch Handelsschranken Jobs zu sichern und Lebensstandards zu steigern, muss damit rechnen, das Gegenteil zu erreichen.

Um den internationalen Austausch weiter anzuregen, wären neue Abkommen hilfreich. Damit ließen sich auch Folgen und Nebenwirkungen der Globalisierung eindämmen. Die Finanzminister und Notenbankchefs der G20-Staaten, die sich Freitag in Washington treffen, sollten sich damit beschäftigen. Politisch durchsetzbar sind derlei Verträge jedoch vermutlich für lange Zeit nicht mehr.

Das EU-Kanada-Abkommen Ceta soll noch durch die Parlamente aller EU-Staaten und auch durch das eine oder andere Regionalparlament gebilligt werden – ein hürdenreiches Unterfangen, bei dem vieles schiefgehen kann. Gegen TTIP steht in Europa, zumal in Deutschland, eine breite Front von Gegnern.

Wer Hillary Clinton und Donald Trump in ihrem ersten TV-Schlagabtausch als Kandidaten beobachtet hat (achten Sie auf die zweite Runde kommenden Sonntag), konnte den Eindruck gewinnen, die offene Weltwirtschaft sei die größte Bedrohung für Amerika. Beide Kandidaten malten ein düsteres Bild: ein Land im Zustand des Verfalls, herausgefordert von unfairen Handelspartnern. Die Fakten widersprechen dieser extrem pessimistischen Perspektive; insbesondere die Entwicklung am US-Arbeitsmarkt ist inzwischen durchaus erfreulich.

Doch in diesem Klima hat das eigentlich unterschriftsreife US-Asien-Abkommen TTP keine Chance. Egal, wer im November die Wahl gewinnt.

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