Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Finanzalchemie radikal eindämmen, aber nicht durch Vollgeld – 1

Posted by hkarner - 26. September 2016

21.09.2016, Makroskop

 Von Stephan Schulmeister090428_wir_schulmeister_fr

Finanzspekulationen haben destabilisierende Wirkungen auf die Realwirtschaft und sind daher einzudämmen. Die Reformvorschläge der Vollgeldreformer aber laufen in die Irre. Im vorliegenden Beitrag möchte ich zwei erfolgversprechende Maßnahmen zur Begrenzung der Finanzspekulation vorschlagen: die Ersetzung des Fließhandels durch elektronische Auktionen und die Einführung einer generellen Finanztransaktionssteuer.

In einem Punkt herrscht Einigkeit unter allen anti-neoliberalen Ökonomen, von Keynesianern bis zu Anhängern einer „Gemeinwohlökonomie“ oder eines „Vollgelds“: Die sich seit den 1970er Jahren verschlechternde Wirtschaftsentwicklung wurde in hohem Maß – wenn nicht hauptsächlich –  durch die Ent-Fesselung und den jahrzehntelangen Boom der Finanzmärkte verursacht. Finanzspekulation destabilisierte die wichtigsten Preise wie Wechselkurse, Rohstoffpreise, Aktienkurse und Zinssätze und trug so zum Entstehen von Ölpreisschocks, Schuldenkrisen, Aktiencrashs und Finanzkrisen bei, mitsamt ihren fatalen Folgen in Gestalt von Rezessionen, steigender Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung, Sozialabbau, Lohnkürzungen und Prekariat.

Weniger Einigkeit herrscht in der Frage, wie die Finanzalchemie zu unterbinden sei. Radikale „Systemreformer“ sehen die Hauptursache der Finanzexzesse im herrschenden Geldsystem und wollen dieses durch Einführung von Vollgeld grundlegend erneuern. Ihre Argumentation geht in Kurzform so:

Erstens: Die privaten Geschäftsbanken können durch Kreditvergabe Geld „aus dem Nichts“ schöpfen, und zwar unbeschränkt. Der Kreditnehmer bekommt zusätzliches Geld auf sein Konto, die Bank eine zusätzliche Geldforderung.

Zweitens: Die Geldschöpfung der Banken muss nicht der Finanzierung realwirtschaftlicher Transaktionen dienen, sondern kann auch für Zwecke der Finanzspekulation erfolgen, und genau dies ist heute der Fall. Die private Geldschöpfung wurde zur wichtigsten Finanzierungsquelle der Spekulation.

Drittens: Diese Quelle wird „ausgetrocknet“, wenn nur mehr die Notenbank Geld schöpfen darf (durch Übertragung an den Staat als „Geschenk“, eventuell auch durch ergänzende Kreditvergabe an Geschäftsbanken). Denn in einem solchen System stellen die Bankeinlagen der Privaten Vollgeld dar (wie Bargeld), das die Banken nicht weiter verleihen können. Nur in dem Ausmaß, in dem jemand der Bank einen Kredit in Form einer Spareinlage gibt, kann Letztere ihrerseits einen Kredit vergeben.

Die ersten beiden Argumente treffen zu, die Schlussfolgerung hingegen nicht, und zwar aus zwei Gründen. Erstens träfe eine Abschaffung des Kreditgelds nicht spezifisch die Finanzspekulation, sondern nähme den Banken auch die Möglichkeit, dezentral und flexibel dort Kredite für die Realwirtschaft zu schaffen, wo sie gebraucht werden. Gleichzeitig können private Haushalte und Unternehmen mit ihrem Vollgeld spekulieren. Zweitens, auch in einem traditionellen Kreditgeldsystem kann man Finanzalchemie aller Art radikal einschränken.

Spekulation auch ohne Kreditgeld

Die Abschaffung von Kreditgeld ist deshalb keine hinreichende Bedingung für eine Eindämmung der Spekulation, weil auch bei konstanter oder sogar sinkender Geldmenge die Finanztransaktionen steigen können, indem die Geschwindigkeit des Handels steigt. Auch beim Roulette kann man mit der gleichen Menge an Jetons ein Vielfaches an Wetteinsätzen abwickeln, ebenso kann man auf den Finanzmärkten immer mehr Transaktionen einfach durch schnelleres Trading realisieren (siehe den „Hochfrequenzhandel“ in Mikrosekunden). Dazu kommt die enorm gestiegene Bedeutung des Amateur-Trading von Privatpersonen und noch mehr von Unternehmen, insbesondere von transnationalen Konzernen, sie können weiterhin mit ihrem Vollgeld spekulieren.

Und auch die Banken haben längst Vehikel geschaffen, um nach Bedarf ihre Spekulationsmöglichkeiten auszuweiten, ohne bei anderen Banken kurzfristige Kredite aufzunehmen: Sie verkaufen Wertpapiere (in der Regel Staatsanleihen) an eine andere Bank mit der Verpflichtung, diese nach wenigen Stunden, selten länger als ein Tag („overnight“), zurückzukaufen. Diese „repos“ („repurchasing agreements“) stellen das wichtigste Finanzierungsinstrument für das „schnelle“ Spekulieren von Banken dar, es wäre von einer Abschaffung des Kreditgelds nicht berührt (juristisch ist es ja kein Kredit).

Realwirtschaft braucht eine dezentrale Kreditversorgung

Für die Realwirtschaft wäre eine Abschaffung von Kreditgeld aber fatal. Denn die Notenbank kann Finanzierungsmittel nicht gezielt dorthin lenken, wo sie gebraucht werden – erst recht nicht in einem so großen und heterogenen Gebiet wie dem Euroraum. Die Vollgeldschöpfung erfolgt ja in vielen Zwischenschritten: Die EZB schenkt Eurostaaten Geld (wem, wie viel, nach welchen Kriterien?), diese bringen es durch Staatsausgaben in Umlauf (welche und wie viel?) oder verwenden es für die Schuldentilgung, die durch die Staatsausgaben begünstigten Unternehmen und/oder Haushalte geben einen Teil als Konsum- oder Investitionsausgaben weiter, einen Teil sparen sie, und das Sparen wird wiederum auf Vollgeld- und Sparkonten bei einer Bank aufgeteilt, und nur vom Sparkonto darf die Bank Kredite an die Realwirtschaft vergeben.

Während im herrschenden Geldsystem Kredite dort geschaffen werden, wo man sie braucht, also auf dezentraler Ebene, wird im reformierten System Geld ausschließlich von der Notenbank, also auf höchster Stelle, geschaffen. Will die Notenbank die Zwischenschritte vermeiden und den Banken direkt Kreditmittel zukommen lassen, dann müsste etwa die EZB entscheiden, welche einzelne Bank einen berechtigten Kreditbedarf hat.

Überdies kann die Notenbank im Vollgeldsystem das Nominalzinsniveau nicht mehr bestimmen. Der Zins ergibt sich nunmehr aus dem Zusammenspiel von Spareinlagen (Angebot) und Kreditnachfrage. Je unsicherer die Zeiten und je schlechter die Wirtschaftslage, desto mehr Vollgeld wird auf Depots brach liegen und desto geringer wird daher das Kreditangebot sein. Das Zinsniveau wäre dann zu hoch und instabil.

Nicht Kreditgeld ist das Problem, sondern was man damit macht

Fazit: Die Ersetzung von Kreditgeld durch Vollgeld ist keine hinreichende Bedingung für eine effiziente Bekämpfung selbst-referentieller Geldvermehrung – eine notwendige Bedingung dafür ist eine Vollgeldreform noch weniger. Dies bestätigt die Nachkriegsgeschichte: Auch in den 1950er und 1960er Jahren wurde Kreditgeld „aus dem Nichts“ geschaffen, doch waren die Anreizbedingungen gleichzeitig so gesetzt, dass Finanzalchemie unprofitabel und daher sinnlos war. Die Banken finanzierten daher ausschließlich realwirtschaftliche Transaktionen: „Aus dem Nichts“ wurde etwas geschaffen (Kreditgeld), das die Schaffung von einem „realen Etwas“ (Maschine, Wohnhaus, etc.) finanzierte. Nicht das Kreditgeldsystem an sich stellt ein Fundamentalproblem dar, sondern die Art der Verwendung von Geld.

Ich möchte daher Maßnahmen skizzieren, durch die destabilisierende Finanzspekulation auf („technisch“) einfache Weise eingeschränkt und so das Gewinnstreben von „Finanzalchemie“ zu realwirtschaftlichen Aktivitäten (rück)verlagert werden könnten.

Im vorliegenden Beitrag geht es um Ersetzung des „mikrosekundenschnellen“ Fließhandels auf den Finanzmärkten durch elektronische Auktionen und um das Potential einer generellen Finanztransaktionssteuer. In einem späteren Beitrag werde ich Maßnahmen zur Stabilisierung der Wechselkurse und zur Gewährleistung einer nachhaltigen und stetigen Verteuerung fossiler Brennstoffe vorstellen sowie das Konzept eines „Europäischen Währungsfonds“ (zwecks Verhinderung von Zinsspekulation gegen Euro-Staaten).

Elektronische Auktionen statt schnellem Fließhandel

Der überwältigende Teil der Finanztransaktionen stammt von computergesteuerten Spekulationssystemen, welche die Fundamentalfaktoren völlig ignorieren, also jene Größen, welche laut Gleichgewichtstheorie den „wahren“ Wert einer Aktie oder eines Rohstoffs bestimmen. Die meisten Systeme stehen in der Tradition der „technischen Analyse“, und versuchen, Kursschübe auf der Basis unterschiedlicher Datenfrequenzen – von Sekunden bis zu Tagen – profitabel auszunützen (daher müssen Trader mehrere Bildschirme gleichzeitig verwenden). Der massenweise Einsatz solcher „trading systems“ verstärkt wiederum das „trending“ via Rückkoppelungseffekten.

Der Hochfrequenzhandel versucht, größere Transaktionen anderer Trader zu antizipieren, einige Milli- oder sogar Mikrosekunden vor dem Käufer (Verkäufer) selbst zu kaufen (verkaufen) und durch dieses „front running“ Profit zu machen (dafür braucht es komplexe Algorithmen und schnellstmögliche Datenübertragung). Siehe das brillante Buch „Flash Boys“ von Michael Lewis aus 2014 (zur Wechselwirkung zwischen den verschiedenen „trading strategies“ und der Dynamik von „asset prices“ finden sich konkrete Analysen auf http://stephan.schulmeister.wifo.ac.at/index.php?id=7).

Angesichts der Geschwindigkeit der Transaktionen können auch jene Trader, welche mit ihren Entscheidungen auf neueste, unerwartete Nachrichten reagieren („news-based trading“), keine quantitativen Erwartungen über den neuen, „wahren“ Wert eines Finanztitels bilden. Das ist auch egal, wenn es um den Gewinn geht. Dafür reicht es, wenn man die Richtung einer Kursbewegung hinreichend oft richtig „erwischt“.

Wenn aber auf Märkten nur Richtungserwartungen gebildet werden, kann es kein erwartetes Gleichgewicht und damit überhaupt kein Gleichgewicht geben. Deshalb mussten die neoliberalen Theoretiker Anfang der 1970er Jahren „rationale Erwartungen“ annehmen, wonach alle Akteure auf Grund einer „news“ einen identen neuen Gleichgewichtswert erwarten – anders war die Gleichgewichtstheorie nicht zu retten. Doch auch so ist sie nicht zu retten, weil die Annahme „rationaler Erwartungen“ eine totalen Verleugnung der Realität bedeutet: Wenn etwa Apple ein neues Produkt vorstellt, wissen alle Menschen sogleich, wie stark diese „news“ den Gleichgewichtskurs von Apple-Aktien steigert, und zwar auf Cents genau…….Wenn das so wäre, dann dürfte es keine Finanztransaktionen geben. Denn tauschen macht ja nur Sinn, wenn die Partner unterschiedliche Erwartungen haben.

Auf Grund optimistischer bzw. pessimistischer Marktstimmungen („bulls and bears“) dauern die Kursschübe auf Basis von Sekunden-, Minuten-, Stunden oder Tagesdaten nach oben bzw. unten über mehrere Monate oder Jahre etwas länger als Gegenbewegungen. Daher akkumulieren sich die Preisschübe („runs“) zu Bullen- und Bärenmärkten, „overshooting“ ist auf den freiesten Märkten nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Die mit den manisch-depressiven Preisschwankungen verbundenen Bewertungsänderungen von Vermögen waren die wichtigste gemeinsame Ursache der „Krisenschübe“ der vergangenen Jahrzehnte, von den Dollarabwertungen und den nachfolgenden „Ölpreisschocks“ der 1970er Jahre bis zur Finanzkrise 2008.


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Abbildung 1 verdeutlicht die wichtigste systemische Ursache der Finanzkrise 2008: Es fielen drei Bärenmärkte zusammen. Der gleichzeitige Verfall von Aktienkursen, Immobilienpreisen und Rohstoffpreisen entwertete die drei wichtigsten Vermögensarten massiv. Dies musste drastische Kettenreaktionen auslösen wie Insolvenzen von Haushalten, Banken und sonstigen Unternehmen, Entwertung des Pensionskapitals von hunderten Millionen Menschen, sprunghaft steigende Haushaltsdefizite etc. Diese verschiedenen Folgen standen und stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit, dass sie das Ergebnis von „business as usual“ auf spekulativen Märkten sind, bleibt ausgeblendet.

Bullen- und Bärenmärkte stellen ja das wichtigste Merkmal der Dynamik spekulativer Preise dar, die manisch-depressiven Schwankungen der „asset markets“ sind daher „normal“ (das verdeutlicht auch die Abbildung 2 für verschiedene Aktienmärkte sowie Abbildung 3 für die langfristige Entwicklung von Dollarkurs und Erdölpreis). Das Zusammentreffen von drei Bärenmärkten bei den wichtigsten Vermögensarten ist freilich selten. Das letzte Mal sind Aktienkurse, Immobilienpreise und Rohstoffpreise zwischen 1929 und 1933 gleichzeitig und massiv eingebrochen, auch damals mit fatalen Folgen.


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Abbildung 2 zeigt die drei Aktienbullenmärkte seit den 1980er Jahren auf Basis von Monatsdaten. Der „Höhenunterschied“ wird dadurch überwunden, dass Trends nach oben länger dauern als Gegenbewegungen. „Zoomt“ man den Prozess, indem man zu Tagesdaten wechselt, so zeigt sich qualitativ das gleiche Bild: Starke Kursgewinne ergeben sich aus der Tatsache, dass Trends (der Kurs verändert sich Tag für Tag in die gleiche Richtung) nach oben länger dauern als nach unten.

Dieses Muster von „self-similarity“ wiederholt sich auf jeder Zeitskala und erklärt das Heranwachsen von Bullenmärkten: Mehrere monotone „Kurschübe“ auf Basis von Sekundendaten, die nach oben länger dauern als nach unten, bilden einen monotonen Aufwärtstrend auf Basis von Minutendaten, mehrere „Minutentrends“, nach oben, die wiederum länger dauern als Gegenbewegungen, ergeben einen „Stundentrend“, diese akkumulieren sich zu Tages- und Monatstrends, die wiederum nach oben länger dauern als nach unten und in ihrer Gesamtheit einen „Bullenmarkt“ bilden (siehe Abbildung 2 für 1995/2000, 2003/2007 und seit 2009).

In analoger Weise entstehen „Bärenmärkte“ deshalb, weil in einer Periode pessimistischer Stimmung Kursbewegungen nach unten in allen Zeitskalen länger dauern als nach oben (siehe Abbildung 2 für 2000/2003 und 2008/2009).

Dieses Muster der Kursdynamik (wie bei den Matroschka-Puppen wiederholt es sich von Zeitskala zu Zeitskala) findet sich auf unterschiedlichsten Märkten wie etwa dem Aktienmarkt (Deutschland, Großbritannien, USA), dem Devisenmarkt (Dollarkurs gegenüber Euro, DM und Yen) und dem Rohstoff-Futures-Markt (Erdöl, Weizen, Reis, Mais). Die wichtigsten Ergebnisse der „Vermessungsstudien“ habe ich in einem Working Paper zusammengefasst (Download: hier).

Die Ergebnisse der detaillierten „Kursvermessung“ widersprechen der herrschenden Theorie „rationaler Erwartungen“ und effizienter Finanzmärkte fundamental: Diese nehmen an, dass sich die Kurse nur als Folge neuer Information über die „Fundamentalfaktoren“ verändern, und zwar sofort („at time zero“). Demnach dürfte es eigentlich gar keine Kurstrends über mehrere Wochen geben (geschweige denn mehrjährige Bullen- und Bärenmärkte), weil neue und daher unerwartete Nachrichten nicht über einen langen Zeitraum immer in eine Richtung wirken können, also überwiegend eine fortgesetzte Auf- oder Abwertung eines Finanztitels rechtfertigen. Wenn dennoch, so müssten die Auf- bzw.- Abwertungen in Kurssprüngen erfolgen, oder wenigstens dadurch, dass die einzelnen Kursschübe nach oben steiler sind als die Gegenbewegungen (im Fall einer Aufwertung; umgekehrt bei einer Abwertung).

Die Tatsache, dass Bullen- und Bärenmärkte überhaupt existieren und ein Bullen(Bären)markt dadurch zustande kommt, dass Kursschübe nach oben (unten) über mehrere Jahre länger dauern als Gegenbewegungen (und nicht durch markante Unterschiede in den Anstiegen von monotonen Aufwärts- bzw. Abwärtsschüben), stellt gleichzeitig das „missing link“ zwischen kurz- und langfristiger Preisdynamik dar: Ist die Marktstimmung „bullish“, so werden Trader etwas mehr Mittel einsetzen und die entsprechende „Position“ länger halten, wenn der Kurs steigt (die aktuelle Bewegung entspricht der Marktstimmung) als wenn der Kurs kurzfristig sinkt. Daraus resultiert der stufenweise Aufwertungsprozess während eines Bullenmarkts (analog im Fall eines Bärenmarkts). Die Verwendung computerunterstützter oder -gesteuerter „trading systems“ verstärkt dieses Muster, da alle diese Systeme darauf ausgerichtet sind, das kurzfristige „trending“ auszunützen („the trend is your friend“).


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Dass eine immer größerer Teil der Finanztransaktionen auf solchen Systemen basiert (diese verwenden nur die schon bekannten Kursdaten), stellt geradezu eine Verhöhnung der herrschenden Theorie effizienter Finanzmärkte dar: Entweder, diese Systeme sind nicht profitabel, dann wären die Marktteilnehmer völlig irrational, die Grundannahme der modernen Gleichgewichtstheorie also desavouiert; oder, die Systeme sind häufig profitabel (bieten also eine reelle Gewinnchance), dann sind die „freiesten“ Märkte nicht einmal schwach effizient. Denn laut herrschender Theorie ist ein Markt nur dann – wenigstens – schwach effizient, wenn man auf Grund der Verarbeitung der bereits bekannten (vergangenen) Preise keine Profite erzielen kann. Genau dies machen aber die „trading systems“.

Wenn es gelingt, die Wechselwirkung zwischen dem ganz kurzfristigen „trending“ spekulativer Preise und der Verwendung destabilisierender „trading systems“ zu durchbrechen, dann würde dadurch auch das Ausmaß der langfristigen Trends und damit der manisch-depressiven Schwankungen der wichtigsten Preise in der Weltwirtschaft abgeschwächt. Denn Bullen- und Bärenmärkte ergeben sich als Akkumulation kurzfristiger Trends.

Diesem Zweck dient der folgende Vorschlag, er ist einfach und würde dennoch das Verhalten der Akteure und die Preisdynamik auf Finanzmärkten radikal verändern: Der in Sekundenbruchteilen abgewickelte Fließhandel wird durch elektronische Auktionen ersetzt, etwa alle 2 bis 3 Stunden (also 3 bis 5 Mal während eines Handelstags). Dabei werden die Kurse nach dem gleichen Verfahren gebildet, das zur Feststellung der Eröffnungskurse angewendet wird: Auf Grund der im elektronischen Orderbuch erfassten Kauf- bzw. Verkaufswünsche ermittelt der Rechner der jeweiligen Börse bzw. der „central counterparty platform“ (CPS – wenn der Handel „over the counter“ stattfindet, also bilateral zwischen zwei Akteuren) den Gleichgewichtskurs. Dies ist jener Kurs, bei dem das Maximum an Transaktionen getätigt werden kann.

Elektronische Auktionen zu festen und bekannten Zeitpunkten, zugänglich für jeden Interessierten (via Broker) sind eine ideale, der neoklassisch-neoliberalen Theorie entsprechende Form der Ermittlung des jeweils gültigen Gleichgewichtspreises. Für alle Akteure, welche in „financial assets“ investieren wollen wie Pensionsfonds oder sonstige Investmentfonds, ist es ausreichend, wenn sie dazu alle 2 bis 3 Stunden Gelegenheit haben. Das Gleiche gilt für Devisentransaktionen von Exporteuren bzw. Importeuren oder für das Hedging (Absicherung) von Produzenten bzw. Verbrauchern von Rohstoffen.

Wer aber Finanztitel nur als Vehikel für (ultra)schnelles, spekulatives Trading verwendet, kann dies nicht mehr tun. Erstens, weil es nur alle 3 Stunden gehandelt werden kann, und zweitens, weil die „trading systems“ nur mehr mit extrem „langsamen“ Daten „gefüttert“ werden können (maximal 4 Preise/Kurse pro Tag). Diese Spekulationstechnik setzt nämlich einen  kontinuierlichen Kursverlauf und hohe Liquidität voraus: Generiert z. B. der sich aus der Auktion um 12 Uhr ergebende Kurs ein Kaufsignal, so kann dies erst um 15 Uhr ausgeführt werden, das macht aber keinen Sinn.

Regelmäßige elektronische Auktionen statt des Fließhandels würden alle Akteure zwingen, in höherem Maß (auch) die Fundamentalfaktoren in der Erwartungsbildung und im Transaktionsverhalten zu berücksichtigen. Denn die Kauf- oder Verkaufsorders werden ja im Normalfall durch Limits quantifiziert („Ich kaufe bis zu einem Kurs von…..“), also muss man sich Gedanken machen, was der Finanztitel „wirklich“ wert ist. Derzeit mag ein Trader etwa die Apple-Akti schon für stark überbewertet halten („overbought“), sieht er aber auf seinen Bildschirmen, dass sie seit einigen Sekunden „abhebt“, wird er sich (meist) auf den Kursschub „draufsetzen“, besonders dann, wenn auch diverse Spekulationssysteme Kaufsignale generieren (Trader beobachten mehrere Systeme gleichzeitig auf verschiedenen Bildschirmen).

Da der weitaus größte Teil der Finanztransaktionen auf elektronischen Börsen abgewickelt wird, insbesondere auf den Derivatbörsen, und auch der „Over-the-Counter“-Handel (OTC) auf elektronische „Central Counterparty Platforms“ kanalisiert werden soll (sowohl für die USA als auch die EU beschlossen), wäre die technische Durchführung dieses Vorschlags kein Problem. In einem ersten Schritt könnte der gesamte Börsenhandel mit Aktien und Anleihen sowie der darauf bezogenen Derivate in der EU auf Auktionen umgestellt werden. Das ungleich größere Problem besteht in der Mühsal der Eliten, sich von ihrer eigenen „Marktreligiosität“ zu emanzipieren.

Nach dem nächsten massiven Krisenschub, wieder ausgelöst durch Bärenmärkte (neuerlich bei Aktien und zusätzlich bei Anleihen), hat der Vorschlag, den grotesk schnellen Fließhandel durch elektronische Auktionen zu ersetzen, gute Chancen, zumindest ernsthaft diskutiert zu werden.

Generelle Finanztransaktionssteuer

Wie schwer dies sein wird, zeigt das Projekt der Einführung einer generellen Finanztransaktionssteuer (FTS) in der EU. Im Februar 2008 stellte das WIFO das Konzept einer solchen Steuer vor, im Gegensatz zu der von Keynes vorgeschlagenen Steuer auf Aktienumsätze bzw. der Tobinsteuer auf den Devisenhandel sollten sämtliche Transaktionen erfasst und mit einem Steuersatz zwischen 0,1% und 0,01% belastet werden.

Damit werden zwei Ziele verfolgt: Erstens, die Dämpfung der schnellen Finanzspekulation und damit der Instabilität der für Unternehmer wichtigsten Preise wie Wechselkurse, Rohstoffpreise, Aktienkurse und Zinssätze. Zweitens, die Erschließung von Einnahmen, durch die sich der Staat weitere Ausgabenkürzungen ersparen könnte.

Eine FTS würde spezifisch das schnelle „Wetten“ mit Finanzderivaten verteuern, der Erwerb eines Wertpapiers mit dem Ziel, dieses zu halten, würde kaum belastet. Genau diese „schnellen“ Transaktionen verstärken jene Kursschübe, welche sich über mehrere Jahre zu „Bullen- und Bärenmärkten“ akkumulieren. Eine generelle FTS würde daher auch das Ausmaß des langfristigen „Überschießens“ der wichtigsten Preise in der Weltwirtschaft verringern (Grundlage des Steuerkonzepts waren die Ergebnisse meiner „Vermessungsarbeiten“ der Kursdynamik auf spekulativen Märkten).

Auf Grund des enormen Handelsvolumens wären die Erträge einer FTS erheblich. Unter der Annahme, dass etwa 70% aller „schnellen“ Transaktionen wegen der Steuer unprofitabel würden, das Volumen also in diesem Ausmaß sänke, lägen die Einnahmen in Europa bei 1,8% des BIP oder 310 Mrd. € (auf Basis der Daten für 2010).

Zwar schlägt auch die Europäische Kommission seit September 2011 die Einführung einer generellen FTS vor, auf Grund des Widerstands wichtiger Mitgliedländer, insbesondere von Großbritannien, verfolgten 11 Länder (darunter alle großen Euroländer wie Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien) und die Europäische Kommission das Ziel, die Steuer zunächst nur in diesen Ländern im Rahmen der im EU-Vertrag vorgesehenen „verstärkten Zusammenarbeit“ zu realisieren. Doch dem brillanten Lobbying der großen „Finanzalchemisten“ von Goldman Sachs bis zur Deutschen Bank gelang es, über Detailfragen wichtige „steuerbereite“ Ländern gegeneinander auszuspielen. Nach dem jüngsten ECOFIN in Bratislava verkündete Schäuble das leise Ableben des Projekts.

 

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