Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Ungleichheit? Ihnen doch egal

Posted by hkarner - 25. September 2016

Date: 24-09-2016
Source: Die Zeit

Viele AfD-Anhänger und andere Protestwähler sind mit ihrer wirtschaftlichen Lage zufrieden. Sie sind aus anderen Gründen wütend.

Auch wer nicht die AfD wählt, meint zu wissen, wie der Durchschnitts-AfD-Wähler so ist: meist arbeitslos, manchmal asozial, immer abgehängt. Und mit diesen drei As ist dann auch schnell erklärt, weshalb eine Partei wie die AfD so erfolgreich ist. Oder die britische Ukip. Oder der französische Front National. Oder ein Politiker wie Donald Trump in den USA. Sie alle bündeln die Wut der Verlierer. Und diese Wut wächst überall, weil überall die Ungleichheit wächst. Sie ist die eigentliche Ursache für all den Zorn und all den Hass. Es ist schlichte Ökonomie. Mehr Verlierer gleich mehr Protestwähler, so lautet die Logik.

Diese Erklärung ist beliebt, vor allem im links-bildungsbürgerlichen Milieu. Waren es nicht auch die Arbeitslosen, Asozialen und Abgehängten, die in den dreißiger Jahren aus Verzweiflung immer radikaler wählten? Und haben wir nicht schon immer vor der Ungleichheit gewarnt?

Die Ungleichheit vergiftet das politische Klima, das scheint plausibel. Und doch ist diese Erklärung falsch. Der Irrtum beginnt schon mit den drei As. Es stimmt ja, dass bei den vergangenen Landtagswahlen überproportional viele von den arbeitslosen Wählern ihr Kreuz neben dem AfD-Kürzel gemacht haben. Aber die allermeisten Alternative-Wähler sind trotzdem keine Arbeitslosen. In einer Umfrage im Frühjahr gaben 79 Prozent der AfD-Anhänger sogar an, ihre eigene wirtschaftliche Situation sei „gut“ oder „sehr gut“. Sie äußerten sich damit genauso zufrieden wie die Sympathisanten der Volksparteien CDU und CSU. Die Mehrheit der AfD-Sympathisanten dürfte man wirtschaftlich also eher unter N wie Normalbürger richtig einordnen.

Es stimmt auch nicht, dass in anderen Ländern überall ein Anstieg der Ungleichheit zum Aufstieg der Wutparteien geführt hat. So sind in Großbritannien die Einkommensunterschiede in den vergangenen zehn Jahren unverändert geblieben, und die Armutsrate fiel sogar leicht. Das spricht eher nicht dafür, dass die in dieser Zeit stark gewordene Anti-EU- und Anti-Migrations-Partei Ukip in Wahrheit eine Anti-Ungleichheits-Partei ist.

In Griechenland wiederum hat der Zorn der Wähler eine rechtsextreme Partei wie die Goldene Morgenröte hervorgebracht und ein Regierungsbündnis aus radikal linken und radikal rechten Parteien geformt. Dort erhöhte sich zwar zu dieser Zeit auch die Ungleichheit, aber nur geringfügig. Wichtiger für die massenhafte Radikalisierung der Bürger dürfte gewesen sein, dass das ganze Land in eine dramatische Wirtschaftskrise geraten ist. Nicht die ungleiche Verteilung des Elends ist dort das Hauptproblem, sondern das Elend selbst.

In Deutschland kann von einer vergleichbaren Krise dagegen keine Rede sein. Die Zahl der Arbeitslosen ist so niedrig wie lange nicht, die Reallöhne der Arbeitnehmer steigen seit einigen Jahren wieder spürbar, und selbst die Ungleichheit bei den Einkommen hat sich je nach Statistik zuletzt entweder gar nicht verändert oder erhöhte sich nur geringfügig. Die Ungleichheit taugt also keineswegs als Universalerklärung für alle Länder.

Es wäre auch erstaunlich, wenn sich in Deutschland ausgerechnet jetzt der massenhafte Unmut der Armen und Abgehängten zum Protest formieren sollte. Denn in Umfragen äußern sich zwar viele Menschen besorgt darüber, dass die Unterschiede zwischen Arm und Reich größer werden könnten. Aber zugleich zeigen sich die Menschen in Bezug auf ihre eigene wirtschaftliche Lage und das eigene Einkommen so zufrieden wie lange nicht. Das ergeben etliche Befragungen. Der Leipziger Soziologe Holger Lengfeld hat untersucht, wie sich die Abstiegssorgen in den vergangenen 30 Jahren entwickelt haben. Ergebnis: Man muss schon bis zur Wiedervereinigung zurückgehen, um einen noch geringeren Paniklevel zu finden. Und das gilt quer durch alle Schichten, von ganz unten bis ganz oben.

Video: http://www.zeit.de/2016/40/afd-anhaenger-ungleichheit-fluechtlinge-bedrohung-parteierfolg

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