Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Der ifo-Brexit-Schock

Posted by hkarner - 1. September 2016

Genial daneben | 28.08.2016, MakroskopFlassbeck Video 2

Vergangenen Freitag erlebte die deutsche Wirtschaft ihren ultimativen Schock. Richtiger ist es aber zu sagen, dass die deutschen Wirtschaftsbeobachter diesen Schock erlebten.

Wirtschaftsbeobachter, das sind in Deutschland nämlich die Leute, die immer optimistisch sind. Es ist gewissermaßen ihr Beruf, optimistisch zu sein. Man sollte sie vielleicht nicht mehr Diagnostiker oder Prognostiker nennen, sondern einfach Optimistiker. Für diese Optimistiker schlug am Freitag eine schwere Stunde, weil ihr am meisten geliebter  Indikator, der ifo-Index, plötzlich gar nicht mehr optimistisch aussah.

Alle Kurven zeigten auf einmal nach unten (siehe die unter diesem Absatz stehende Originalgraphik des ifo-Instituts). Hatten sich die Optimistiker doch gerade eingeredet, Deutschland ginge schon wieder in Richtung eines neuen Aufschwungs – übrigens der vierte Aufschwung in den letzten fünf Jahren – da schlug die Realität gnadenlos zu. Pessimismus, also das, was den Optimistiker zum Wahnsinn treibt, war auf einmal angesagt. Die deutsche Wirtschaft, das Glanzlicht in der globalen Trübnis, glänzte plötzlich nicht mehr so hell.

 

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Die Botschaft des gebeutelten ifo-Index ist einfach: Die deutsche Wirtschaft stagniert seit fünf Jahren und das wird sie auch in den kommenden Monaten tun, ganz gleich, was das Statistische Bundesamt an BIP-Zahlen ausrechnet. Was für Makroskop-Leser eine Selbstverständlichkeit ist, trifft die Leser der normalen Medien natürlich vollkommen unvorbereitet. Die FAZ wusste nicht mehr, wie sie es ihren Lesern erklären sollte und fragte schnell einen „Experten“ aus den Reihen der Optimistiker. Der hatte eine klare Meinung parat:

 „Es scheint, als bräuchten deutsche Unternehmen immer ein bisschen länger, um Nachrichten zu verdauen – aber der heutige Ifo-Index legt nahe, dass die deutschen Unternehmen plötzlich in der Brexit-Realität aufgewacht sind“, kommentierte ING-Diba Chefvolkswirt Carsten Brzeski. So hatte sich das Geschäftsklima im Juli – etwa einen Monat nach dem Brexit-Votum in Großbritannien – zwar eingetrübt, allerdings wesentlich schwächer als jetzt im August. „Es ist nicht das erste Mal, dass der Ifo-Index auf globale Ereignisse mit einer Verzögerung von ein bis zwei Monaten reagiert“, erklärte Brzeski.“

Man muss sich dieses plötzliche Aufwachen in der Brexit-Realität etwa so vorstellen. Das ifo-Institut verschickt Anfang August seine Fragebogen, auf denen ausgewählte Mitarbeiter in mehr als 7000 deutschen Unternehmen die Frage nach der aktuellen Situation ihres Unternehmens beurteilen sollen, vermutlich in einem Multiple-Choice-Raster. Jetzt im August fährt es „plötzlich“ in fast all diese 7000 Köpfe wie ein Blitzschlag: Verflucht, wir haben im Juli ja ganz vergessen, den Brexit (der am 24. 6. beschlossen wurde) zu würdigen, das holen wir jetzt nach, also runter mit der Einschätzung der Lage im August.

Man fragt sich, wie schnell ein Bank Pleite gehen wird, deren Chefvolkswirt die Welt auf diese Art und Weise betrachtet. Vielleicht fand der FAZ-Redakteur das auch nicht so überzeugend, jedenfalls war er (oder sie) so aufgeregt, dass er/sie die Graphik und die Zahlen vom Vormonat einstellte (siehe den Ausriss unter diesem Absatz), um dem nichtsahnenden FAZ-Leser die Hoffnung zu erhalten, die Wirklichkeit sei in Wirklichkeit doch nicht so schlimm wie sie ist.

 

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