Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Fiskalpolitik und Geldschöpfung

Posted by hkarner - 26. August 2016

Theorie | 26.08.2016, Makroskop

Die Schöpfung und Vernichtung von Geld ist ein normaler Vorgang der Geldzirkulation, der in der VWL zu kurz kommt. Eine schnelle Einführung in die Funktionsweise der Zirkulation von Giral- und Zentralbankgeld.

Eine theoretische Schwachstelle in der Volkswirtschaftslehre ist die Verdrängung der Tatsache, dass die Regierung durch Staatsausgaben Geld schöpfen kann. Dieser Prozess ist etwas kompliziert, in der Eurozone aber noch komplizierter: hier darf die Zentralbank der Regierung die Staatsanleihen nicht direkt abkaufen, so wie es etwa in Kanada der Fall ist. Dadurch ist die klassische Möglichkeit der „Finanzierung“ der Staatsausgaben durch Verkauf an die Zentralbank blockiert. Der Umweg führt über das Bankensystem. Die deutsche Bundesregierung verschuldet sich über die Deutsche Finanzagentur GmbH in Frankfurt am Main, die dem Bundesfinanzministerium gehört. Diese verkauft Staatsanleihen an Banken im sog. Primärmarkt, also dem Markt, in dem die Anleihen erstmalig (daher primär) verkauft werden. Ein Leser stellt dazu fest:

„Für mein Verständnis entsteht in dem Moment, als die Banken am Primärmarkt die Anleihe kaufen, neues Geld (neue Kaufkraft). Was passiert in der Praxis aber weiter? Die Käuferbanken behalten doch nicht 100%-ig die Neuemission in den Büchern! Deren Geschäft ist es doch, an der Neuemission zu verdienen (Stichwort Provision). Die Käuferbanken verkaufen die neue Anleihe am „Sekundärmarkt“ (Finanzmarkt) weiter an „anonyme“ „Marktteilnehmer“ (Versicherungsgesellschaften, Pansionskassen, Fonds usw.), was einfach bedeutet, dass die neugeschaffene Kaufkraft in dem Moment wieder vernichtet wird! Diese kaufen nämlich mit schon vorhandenen Mitteln, was einer Kredittilgung gleicht (Geldvernichtung!)“

An dieser Stelle müssen wir erstmal zwischen Zentralbankgeld und Giralgeld unterscheiden. Ersteres wird durch die EZB erzeugt, letzteres durch die Banken. Der für die Realwirtschaft – Kauf von Gütern und Dienstleistungen – wichtige Kreislauf ist der des Giralgelds, denn dieses wird hauptsächlich dort eingesetzt. Bargeld kommt zwar auch vor, allerdings in geringerem Ausmaß. Zudem ändert sich die Summe der Kreditvergabe ständig, während die Bargeldhaltung relativ konstant ist.

Staatsverschuldung in der Eurozone

Was passiert nun, wenn neue deutsche Staatsanleihen auf dem Primärmarkt verkauft werden sollen? Das Zentralkonto des Bundes, also das Konto des Finanzministeriums, ist bei der Bundesbank angesiedelt, die es im Auftrag des Finanzministeriums verwaltet. Die Staatsanleihen werden also gegen Zentralbankgeld verkauft, weil dieses auf dem Konto gutgeschrieben werden soll. Woher bekommen die Banken dieses Zentralbankgeld? Normalerweise leihen sich in der Eurozone die Banken Zentralbankgeld von der Europäischen Zentralbank (EZB), oder von anderen Banken auf dem Interbankenmarkt. Da die Haltung von Zentralbankgeld normalerweise die niedrigsten Zinsen abwirft, versuchen Banken überschüssiges Zentralbankgeld immer sofort loszuwerden, indem sie andere Währungen, Finanzanlagen, oder sonstiges kaufen. Gerade in Zeiten mit negativen Einlagezinsen, wo auf überschüssiges Zentralbankgeld der Banken bei der EZB ein negativer Zins anfällt (also eine Art Gebühr gezahlt werden muss für die Haltung dieses Geldes), werden die Banken normalerweise nicht genug Zentralbankgeld zur Hand haben, um neue Staatsanleihen zu kaufen.

Geldschöpfung, die erste: Zentralbankgeldmenge steigt

Die Banken leihen sich also gegen Sicherheiten von der EZB zusätzliches Zentralbankgeld, damit sie die Staatsanleihen kaufen können. Dadurch erhöht sich kurzfristig die Menge von Zentralbankgeld. In Bilanzen betrachtet sieht das ganze so aus:


20160826_DE_Abb1


Die Banken bezahlen dann mit diesem Geld, welches sie auf das Zentralkonto des Bundes transferieren, die deutschen Staatsanleihen. Damit sinkt die Zentralbankgeldmenge im Bankensystem wieder, da nun die eine staatliche Stelle (Zentralbank) bei der anderen (Regierung) „verschuldet“ ist:


20160826_DE_Abb2


Wir sind aber noch nicht fertig: die Bundesregierung hat sich das Geld ja nicht zum Spaß geliehen, sondern möchte es ausgeben!

Geldschöpfung, die zweite: Giralgeldmenge steigt

Das Bundesfinanzministerium überweist also das Geld an die Verkäufer von Waren und Dienstleistungen an den Staat oder an Haushalte und Firmen, die für den Staat arbeiten. Dabei wird nicht in Bargeld bezahlt, sondern das Zentralbankgeld wird den Banken der Empfänger gutgeschrieben. Die Banken wiederum schaffen neue Einlagen auf den Konten der Empfänger, die ein entsprechendes Nettovermögen ausweisen.


20160826_DE_Abb3


Wir halten fest: die Giralgeldmenge ist gestiegen, ebenso die Menge an Zentralbankgeld! Haushalte haben jetzt mehr Giralgeld, da sie höhere Einkommen haben als vorher.

Der Geldkreislauf: von der Geldschöpfung zur Geldvernichtung

In der Folge werden Giralgeld und Zentralbankgeld vernichtet, wenn die Akteure Entscheidungen über ihr jeweiliges Geld treffen. Haushalte werden sicherlich auf ihre Einkommen Steuern zahlen, wodurch Giralgeld vernichtet wird. Ebenso werden einige Unternehmen Kredite tilgen, was ebenfalls Giralgeld vernichtet. Wer Importgüter kauft, lässt Giralgeld aus dem Kreislauf ins Ausland fließen – wer weiß, ob das Ausland dieses als Ersparnis hält und nicht wieder verausgabt?

Ein weiterer möglicher Fall ist der, dass der Haushalt sein Einkommen komplett spart und seine zusätzlichen Einlagen dazu nutzt, der Bank Staatsanleihen abzukaufen. Gleichzeitig nutzen die Banken die überschüssigen Reserven, die sie durch die Staatsausgaben erhalten haben, um ihren Kredit von der EZB zu tilgen. Dadurch werden die Einlagen sowohl bei den Banken wie auch bei der Zentralbank sofort wieder vernichtet:


20160826_DE_Abb4


Allerdings ist der Fall einer marginalen Sparquote von 100% mit einer absoluten Portfoliopräferenz der Haushalte für Staatsanleihen extrem unrealistisch. Es ist anzunehmen, dass die Einlagen der Haushalte erstmal in der Ökonomie zirkulieren, bevor sie dann bei Sparern landen, welche diese dann durch den Erwerb von Staatsanleihen vernichten.

Im Endeffekt sind allerdings die Bilanzen oben deckungsgleich mit denen eines Systems, in dem die Zentralbank auf dem Primärmarkt aktiv ist. Die Bilanzpositionen sind die gleichen, und auch funktional gibt es keinen Unterschied. Allenfalls kassieren die Banken am Sekundärmarkt einen sehr kleinen Gewinn, den sie im Falle einer direkten Finanzierung der Zentralbank nicht hätten. Die Inflationsraten in Kanada sind beispielsweise ziemlich genau so hoch wie die der USA. Es scheint nicht so zu sein, dass die direkte Finanzierung der Staatsausgaben durch die Zentralbank ein Inflationstreiber ist. Dies bestätigt auch eine Untersuchung aus dem letzten Jahr von Josh Ryan-Collins, der sich mit der kanadischen Inflation zwischen 1935-1975 beschäftigt (Link).


20160826_DE_Abb5

Abbildung 5: Inflationsraten in den USA und Kanada (in %)


Schlussfolgerung: Im Geldkreislauf wird immer wieder Geld geschöpft und vernichtet. Von daher ist es kein Problem, dass neu geschöpftes Giral- oder Zentralbankgeld wieder zerstört wird. Es ist ein normaler Vorgang der Geldzirkulation!

 

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s