Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Nobelpreisträger fordert das Ende des Euro

Posted by hkarner - 19. August 2016

Wie können wir das verschuldete Europa retten? Indem wir den Euro abschaffen – das zumindest rät der amerikanische Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Und er hat einen prominenten deutschen Mitstreiter.

Von Leitender Wirtschaftsredakteur, Die Welt, 19/8
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Der Kanzlerin dürfte Joseph Stiglitz keinen Gefallen getan haben. Sie hat das Projekt Europa nach der politischen Sommerpause ganz oben auf die Agenda gesetzt – und kann zusätzlichen Gegenwind überhaupt nicht gebrauchen. Wenn Angela Merkel in den nächsten Tagen ihre Vision für den Kontinent dem französischen Präsidenten François Hollande und dem italienischen Premier Matteo Renzi präsentiert, ist der Gegenentwurf bereits da.

Denn in die Diskussion über Europas Zukunft hat sich lautstark der amerikanische Nobelpreisträger Joseph Stiglitz eingeschaltet. Er hält den Euro hinderlich für den Aufschwung und sieht im Bruch der Gemeinschaftswährung sogar die einzige Chance, das wirtschaftlich lahmende Europa wieder in Schwung zu bringen.

„Der Euro wurde geschaffen, um für Wachstum und mehr Solidarität in Europa zu sorgen. Genau das Gegenteil ist eingetreten. Einige Länder stecken in einer wirtschaftlichen Depression, die größer ist als die Große Depression der 1930er-Jahre“, schreibt Stiglitz. Die Politik könne wenig machen.

Der Euro bedroht die Europas Zukunft

„Die Konstruktionsfehler des Euro scheinen unüberwindbar. Es ist Zeit, über eine Auflösung nachzudenken“, so Stiglitz. Der US-Ökonom, der an der Columbia Universität lehrt und 2001 den Nobelpreis bekam, hat in dieser Woche ein Buch über den Euro herausgebracht. Darin versucht er zu belegen, warum die Gemeinschaftswährung die Zukunft Europas bedroht.

Stiglitz ist nicht der erste renommierte Ökonom, der dem Euro eine Mitschuld an der wirtschaftlichen Malaise der Euro-Zone gibt. Bereits im vergangenen Jahr hat der ehemalige Ifo-Chef Hans-Werner Sinn seine Streitschrift „Der Euro: Von der Friedensidee zum Zankapfel“ veröffentlicht. Damit stehen nunmehr Ökonomen vom linken bis zum konservativen politischen Spektrum der Gemeinschaftswährung kritisch gegenüber und fordern die Abschaffung.

Bei der Beschreibung der Euro-Folgen sind sich Stiglitz und Sinn überraschend einig. Die Gemeinschaftswährung habe Europa wirtschaftlich auseinandergetrieben. Sichtbar wird das nicht nur an den unterschiedlichen Arbeitslosenraten. In Spanien liegt sie rund vier Mal höher als in Deutschland. Auch zwischen Deutschland und Italien klaffen Welten. Lag die italienische Rate vor zehn Jahren noch unter der deutschen, hat sich das inzwischen vollkommen verkehrt.

Beim Wirtschaftswachstum zeigt sich inzwischen nicht nur eine gefährliche Divergenz innerhalb der Euro-Zone. Auch im Vergleich mit Nicht-Euro-Staaten wie Schweden fällt der Euro negativ auf. Insbesondere seit der Finanzkrise akzentuieren sich die Unterschiede. Beispielsweise hat Schweden die Finanzkrise inzwischen weit hinter sich gelassen, während Finnland noch immer an den Folgen laboriert.

Eine Aufschwungbremse ist der Euro offensichtlich auch für Italien. Erst jüngst meldete der Internationale Währungsfonds, dass die Stiefelökonomie erst Mitte des kommenden Jahrzehnts das Vorkrisenniveau von 2007 wieder erreichen wird. Ein Grund ist die italienische Industrieproduktion, die auf dem Niveau der 1980er-Jahre angekommen ist. „Das Land hat massiv an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt“, schreibt die Ratingagentur DBRS und droht Italien mit einer Abstufung.

Sind sich Sinn und Stiglitz in der Beschreibung der aktuellen Situation einig, machen beide Spitzenökonomen unterschiedliche Schuldige aus. Der US-Nobelpreisträger macht Deutschland für das Scheitern des Euro verantwortlich. Es sei eine „fatale Entscheidung“ gewesen, die Europäische Zentralbank (EZB) nach dem deutschen Vorbild der Bundesbank zu schaffen, die sich allein um die Bekämpfung der Inflation und weniger um wirtschaftliches Wachstum kümmert. Und auch die Schuldenregeln hätten den Regierungen jede Möglichkeit genommen, durch eine proaktive Politik Wachstumsunterschiede auszugleichen. Der Umgang mit Griechenland und die oktroyierten Sparauflagen sind für Stiglitz sinnbildlich für die verfehlte Politik.

In der Folge habe der Euro das Wachstum behindert, die Desintegration gefördert und sich als Investitionsbremse entpuppt. In der Euro-Zone sei der Output pro Arbeitskraft seit 2007 lediglich um 0,6 Prozent gestiegen, verglichen mit rund vier Prozent außerhalb des Euro-Raums.

Horrende Wohlfahrtsverluste

Und Stiglitz hat auch eine schockierende Zahl parat, wie teuer der Euro die Länder zu stehen kommt. Sollte die Währungsunion in ihrer jetzigen ineffizienten Form fortbestehen, würde dies seiner Meinung nach Wohlstandsverluste von sagenhaften 200 Billionen Euro entsprechen. Diese unglaubliche Zahl kommt zustande, indem er die jährlichen Verluste bis in die Ewigkeit fortrechnet. Da Geld in der weiten Zukunft wegen der Inflation immer weniger wert ist, kommt er nicht auf einen unendlich großen Wert, sondern „lediglich“ auf 200 Billionen Euro. Das entspricht immerhin dem 20fachen der aktuellen Wirtschaftsleistung der Euro-Zone. Sprich: Behalten die Europäer den Euro bei, müssten sie 20 Jahre umsonst arbeiten.

Stiglitz sieht die beste Lösung darin, die Euro-Zone endlich zu einer wirklichen Währungsunion zu machen. Doch die rigide deutsche Haltung und all die Regeln würden wohl zu lange dauern und zu kostspielig sein, um dieses Ziel zu erreichen.

Ökonomen unterschätzen womöglich politischen Willen zum Euro

Daher sei eine Scheidung wohl die politisch gangbarere Lösung. Um den Schaden möglichst klein zu halten, spricht sich der Nobelpreisträger dafür aus, den Euro zu splitten in einen Nord-Euro und einen Süd-Euro. Damit könne man den unterschiedlichen wirtschaftlichen Umständen besser gerecht werden.

In den vergangenen Jahren hatten sich immer wieder Nobelpreisträger für eine Auflösung des Euro ausgesprochen. „Ich kann mir mit dem Euro keinen wirklichen Aufschwung in der Euro-Zone vorstellen, der auch den Namen Aufschwung verdient“, hatte James Mirrlees, Professor für politische Ökonomie in Cambridge, auf dem Nobelpreisträger-Treffen in Lindau bereits 2014 der „Welt“ gesagt.

Doch möglicherweise unterschätzen die Ökonomen den politischen Willen der EU-Politiker. Wenn es um das Überleben geht, haben die Regierungen schon einige Regeländerungen vorgenommen. Und so dürfte die Kanzlerin auch den italienischen Schuldenvorstoß möglicherweise hinnehmen.

 

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