Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Wir wissen es einfach nicht

Posted by hkarner - 16. August 2016

Kommentar | 12.08.2016, Von Heiner Flassbeck, MakroskopFlassbeck

Der ökonomische Mainstream ist zutiefst verunsichert, weil alle seine Vorhersagen offensichtlich falsch sind. Unsicherheit prägt das globale Bild über die Wirtschaft. Da sucht man Zuflucht bei dem Ökonomen, der über Jahrzehnte als die Verkörperung des Bösen schlechthin galt. Was noch nicht verstanden wird: Wer A sagt, muss auch B sagen; wer Keynes’ objektive Unsicherheit in die ökonomische Welt einführt, muss konsequenterweise die Neoklassik und ihren politischen Bruder, den Neoliberalismus, vollständig über Bord werfen.

In diesen Zeiten der Krise und der Stagnation passieren manchmal schon erstaunliche Dinge. So erwähnt der für den Finanzmarkt verantwortlicher Redakteur der FAZ (Gerald Braunberger) in einem Kommentar (hier) gleich zwei Mal ein extrem wichtiges Zitat von John Maynard Keynes. Er benutzt es jedoch nicht, um Keynes zu widerlegen oder zu denunzieren, sondern als Beleg für den Zustand der Welt. Da ist etwas ins Rutschen geraten. Das war eigentlich schon lange zu erwarten, wurde aber von den Beharrungskräften der mächtigen herrschenden Lehre bisher erfolgreich blockiert.

Mit den schlichten Worten „We simply do not know“ (Wir wissen es einfach nicht) hat Keynes in seiner „General Theory“ das beschrieben, was er „objektive Unsicherheit“ nennt. Es gibt einfach keine Methode, mit der man bestimmte Ereignisse oder Entwicklungen vorhersehen kann, weil sie objektiv unbekannt sind. Keynes hat damit fundamental mit der herrschenden neoklassischen Lehre gebrochen. Die neoklassische Lehre vermutete damals und vermutet auch noch heute, dass es zu beobachtende Gesetzmäßigkeiten in der Entwicklung der Wirtschaft gibt, die, sobald sie erkannt sind, es der Politik erlauben, sich auf kleinere Eingriffe und Korrekturen zu beschränken, weil das Große und Ganze vorgegeben ist.

Mein Freund und Kollege Paul Davidson hat genau hier die Trennlinie zwischen keynesianischer und orthodoxer Ökonomik gezogen (unter anderem in dem Buch „Handelt jetzt“, erschienen 2013 im Westend-Verlag, hier zu finden). Er sagt zu Recht, dass die Annahme, alle Unsicherheit ließe sich auf eine bekannte objektive Wahrscheinlichkeitsverteilung reduzieren, der Kern des „panglossianischen Optimismus“ ist, der die herrschende neoklassische Lehre daran glauben lässt, dass freier Wettbewerb zu gesellschaftlich optimalen Ergebnissen führt (Seite 15 des oben erwähnten Buches).

Davidson kritisiert etwa Paul Samuelson, den viele noch immer für einen Keynesianer halten, dafür, dass er die Wirtschaftswissenschaften auf der Basis eines, wie Davidson das nennt, ergodisch-statistischen Prozess oder eines ergodischen Axioms aufbauen wollte.

Das ergodische Axiom zu akzeptieren heißt, an die Ökonomik den Anspruch zu stellen, dass sie ähnlich wie die harten Wissenschaften den Ablauf von Prozessen kennt und deren Ergebnisse exakt zu prognostizieren in der Lage ist. Davidson benutzt das Beispiel der Astronomie, die auf der Basis ihres Wissens um die Bahnen der wichtigsten Himmelskörper eine Sonnenfinsternis auf die Sekunde genau vorhersagen kann. „We simply do not know“ heißt nichts anderes, als dass wir es in der Wirtschaft und Gesellschaft mit Prozessen zu tun haben, die gerade nicht auf dem ergodischen Prinzip aufbauen.

Wenn wir diesen Unterschied begreifen, dann können wir auch leicht erkennen, warum die Welt, wie Braunberger schreibt, „neun Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise … die Weltwirtschaft noch immer nicht zu einem dynamischen Wachstum zurückgefunden (hat)“. Seine Schlussfolgerung allerdings basieren wieder strikt auf dem ergodischen Axiom, und sie sind damit falsch:

„Alternde Gesellschaften, hohe private und staatliche Schulden sowie ein die Welt nachhaltig verändernder, aber zumindest bisher die Wirtschaft offenbar kaum belebender technischer Fortschritt tragen ebenso zur Verunsicherung bei wie historisch niedrige Inflationsraten und Zinsen. Auch in politischer Sicht wird die Welt immer unruhiger. Die Menschen wissen nicht, was auf sie zukommt.“

Da fällt alles Entscheidende wieder vom Himmel, insbesondere der technische Fortschritt. Es fällt aber nichts vom Himmel, sondern das, was passiert, ist in einer nicht-ergodischen Welt in erster Linie Ergebnis menschlichen Denkens und Handelns. Stellen wir uns nur den einfachsten Fall vor: Die Mehrheit der politischen Entscheidungsträger glaube fest an das ergodische Axiom und kenne den unauflöslichen Zusammenhang zwischen privaten Schulden und staatlichen Schulden nicht. Solche uninformierten Entscheidungsträger werden die Welt systematisch falsch interpretieren und die falschen Schlussfolgerungen ziehen. Das wird sie selbst und schließlich die Menschen total verunsichern, weil die erwarteten Ergebnisse nie eintreten.

Man wird nämlich genau dann von staatlicher Seite Sparversuche machen, wenn auch die privaten Haushalte und Unternehmen mehr sparen wollen, was im Ergebnis dazu führen muss, dass der staatliche Sparversuch gründlich misslingt. Ohne Einsicht in die Zusammenhänge und in der Hoffnung, dass sich am Ende die großen Gesetze des Universums durchsetzen, wird man munter weiter staatliche Ausgaben kürzen. Die Welt wird dann politisch immer unruhiger, weil erneut die erhofften Resultate ausbleiben.

Nur offene Diskussion, Erkenntnis und Einsicht könnten aus dieser Misere führen. Doch  genau diese Möglichkeiten des Menschen, nämlich zu diskutieren, zu erkennen und die eigene Meinung zu ändern, sind aus ideologischen Gründen in Deutschland und ganz Europa blockiert. Das ist der Nährboden für „The Cult of Action for Action’s Sake” (Den Kult der Aktion um der Aktion willen), wie es der große Umberto Ecco in seinem Essay „Eternal Fasicm“ (Der ewige Faschismus) einst ausdrückte.

 

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