Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Die Erleuchteten

Posted by klausgabriel - 10. August 2016

Interessanter Beitrag von Bassam Tibi in der SZ. Seine These: nicht der Westen oder der Kolonialismus sind schuld daran, dass der Islam heute als rückständig gilt. Die Kolonialisierung des arabischen Raums wurde erst möglich, weil der Islam zu einer Sharia-Orthodoxie verkam und sich der Primat der Vernunft nicht durchsetzen konnte.

„Unser Unglück ist nicht der Westen, sondern die Beerdigung des Averroismus durch die islamische Scharia-Orthodoxie, lange bevor es je einen Kolonialismus gab. Die Opferrolle zu spielen hilft uns nicht.“ K.G. 

Feuilleton, 09.08.2016 , SZ
Tibi 
Von Bassam Tibi

Früher stritt man im Westen darüber, ob der Islam je eine Aufklärung hatte. Heute unterstellen westliche Islamexperten, dass der Islam eine solche Tradition der Aufklärung gar nicht benötige – wie Frank Griffel von der Yale University vor einiger Zeit in dieser Zeitung (SZ vom 28. Mai).

Diese westliche Denkweise spiegelt einen Übergang in der westlichen Islamwissenschaft von einem negativen zu einem angeblich positiven, also politisch-korrekten Islam-Bild wider. Für uns Muslime, die von einem aufgeklärten islamischen Denken ausgehen, liegt das Problem woanders, nämlich in einer Krise der islamischen Zivilisation.

Als islamischer Aufklärer betone ich, dass es keine Meinung, sondern eine Tatsache ist, wenn man von einer einheitlichen, jedoch durch zahlreiche Lokalkulturen binnendifferenzierten islamischen Zivilisation spricht. Diese Zivilisation befindet sich seit dem 19. Jahrhundert in einer Identitätskrise. Der Islamismus, also das Streben nach einer Staats- und Gesellschaftsform, die einzig auf dem Islam beruht, ist kein Extremismus, sondern eines der Produkte dieser Krise.

Einen einheitlichen Islam gibt es seit jeher nur in den Köpfen von Wissenschaftlern
Die einflussreichsten Wissenschaftler auf diesem Gebiet – Ali Allawi aus dem Irak, Hichem Djait aus Tunesien, Bernard Lewis aus Großbritannien, der lange in Princeton lehrte – gehen ebenso wie ich davon aus, dass die Krise der islamischen Zivilisation innere Ursachen hat, wenngleich sie durch einen Zivilisationskonflikt mit dem Westen ausgelöst worden ist. Das ist ein wichtiges Detail. Früher gab es westliche Autoren – gleich ob Wissenschaftler oder Journalisten -, die alles auf die einfache Formel brachten: „Dem Islam fehlte eine Aufklärung.“ Damit wollten sie die Krise und ihre Erscheinungen pauschal erklären. Übrigens neigen auch Islamisten zu solchen monokausalen Erklärungen.

Edward Said, der Autor des Buches „Orientalism“, stufte westlich-arrogante Islamdeutungen als Orientalismus ein. Zu den Auswirkungen dieser Debatte gehört die Tatsache, dass sich Westler heute genötigt sehen, sich vom Makel des Orientalismus zu befreien. Sie tun dies jedoch, indem sie ins extreme Gegenteil verfallen und kulturrelativistisch behaupten, der Islam müsse in seiner Eigenart anerkannt werden.

Dadurch aber betreiben sie eben das, was der syrische Philosoph Sadiq al-Azm „orientalism in reverse“ nannte. Bei der Umkehrung des Orientalismus wird unterstellt, der Islam brauche keine Aufklärung, weil er seine eigene Geistesart der Scharia habe, ohne zu bedenken, dass Scharia und Primat der Vernunft Gegensätze sind, die verfeindete Traditionen in der islamischen Geschichte reflektieren.

Seit 1925 gibt es die Denkrichtung des „enlightened Muslim thought“, des aufgeklärten islamischen Denkens. Diese Schule lässt Hybridität zu, die eine Synthese von Islam und europäischem Denken erlaubt. Mein akademischer Lehrer in Frankfurt war Jürgen Habermas. Er hat auf die Frage nach der Aufklärung in seinem Buch „Der philosophische Diskurs der Moderne“ Folgendes zur Klärung geschrieben: „Kant setzt die Vernunft als den obersten Gerichtshof ein, vor dem sich rechtfertigen muss, was überhaupt auf Gültigkeit Anspruch erhebt.“ Kant lebte von 1724 bis 1804. Der islamische Philosoph Ibn Ruschd, genannt Averroes, lebte viele Jahrhunderte vor ihm, von 1126 bis 1198. Den „Primat der Vernunft“ kann man bereits bei Ibn Ruschd finden.

Wenn in diesem Text vom Islam als Zivilisation die Rede ist, dann ist sofort hinzuzufügen: Den Islam gibt es nicht. Ein einheitlicher Islam hat in den vergangenen 14 Jahrhunderten nie existiert, außer in den Köpfen westlicher Islamwissenschaftler. Es gibt mehrere Islame, und einer davon ist der Aufklärungs-Islam. Zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert wurde dieser aufgeklärte Islam vom islamischen „falsafa“-Rationalismus gegen den Scharia-Islam der“fiqh“-Orthodoxie sowie gegen Abtrünnige vertreten. Der mittelalterliche islamische Aufklärungsversuch gipfelte im Werk vom Ibn Ruschd Averroes.

Ein Höhepunkt des islamischen Rationalismus unserer Zeit ist das Werk des marokkanischen Philosophen Mohammed Abed al-Jabri, der 2010 in Rabat gestorben ist. Er hat versucht, den Averroismus neu zu beleben, und ihn zu einer islamischen Aufklärung erklärt. Der irakische Wissenschaftler Ali Allawi würdigte Al-Jabri als „den wichtigsten islamischen Denker unserer Zeit“. Sowohl Al-Jabri als auch Allawi haben eine gemeinsame Botschaft: Muslime befinden sich in einer Krise, und es wäre viel zu simpel, den Westen dafür verantwortlich zu machen; eine vielversprechende Zukunft für die Muslime kann nur darin bestehen, in sich selbst kritisch hineinzuhorchen, die Krise zu verstehen und den Averroismus als islamische Denkweise des Rationalismus wiederzubeleben.

Al-Jabri schreibt, eine bessere Zukunft für Muslime könne „nur im Sinne Averroes'“ sein. Das ist der Stand der innerislamischen Diskussion.

Ich betrachte mich als Anhänger von Al-Jabri, wir beanspruchen, die Islam-Forschung zu entkolonialisieren. C. H. Becker, der Begründer der deutschen Islamwissenschaft, hat vor einhundert Jahren in seinen „Islamstudien“ in einem kolonialistischen Geist behauptet, „der Islam“ könne nur in einer „Anpassung an Europa“ bestehen, sonst seien seine „Tage gezählt“. Ob der Islam sich aber überhaupt auf diese Weise anpassen kann, bezweifelt Becker jedoch, eben weil angebliche Unterschiede zwischen Muslimen und Europäern bestehen, die „in rassenpsychologischen Tatsachen zu suchen sind“.

Das ist der Homo islamicus des Begründers der deutschen Islamwissenschaft, der in der Weimarer Republik preußischer Kultusminister wurde. Heute suchen Islamwissenschaftler als „orientalists in reverse“ die Ursachen nicht mehr in der Rassenpsychologie, sondern im Westen, der für das Elend des Homo islamicus verantwortlich gemacht wird. Der Homo islamicus, gleich ob positiv oder negativ, ist die Klammer zwischen dem Orientalisten C. H. Becker und den „orientalists in reverse“.

Wenn Muslime heute die Opferrolle spielen und das Elend allein auf den Westen „als Unglück“ zurückführen, dann können sie diese Krise nicht bewältigen. Bereits der größte Denker des islamischen 19. Jahrhunderts, Jamal al-Din al-Afghani, hat richtig gestellt: „Kolonialismus bedeutet die Herrschaft von Völkern, die stark sind und über Wissen verfügen, über andere Völker, die schwach und von Unwissen (Jahl) gekennzeichnet sind.“ Dann macht er deutlich, dass die Muslime ihre Unterlegenheit gegenüber dem Westen selbst verschulden. Die islamische Al-Jabri-Schule will durch Neubelebung des Rationalismus, der ein Bestandteil der kulturellen Moderne ist, diesen Missstand beheben.

Ich habe in Aufsätzen und Büchern belegt, dass es im islamischen Mittelalter einen weltanschaulichen Krieg zwischen Falsafa-Rationalismus und dem Scharia-Islam der Orthodoxie gegeben hat. Die islamische Orthodoxie hat das islamische Madrasa-Bildungswesen voll unter ihre Kontrolle gebracht und verhindert, dass die Ideen des islamischen Rationalismus in das Curriculum aufgenommen wurden.

Wissen kann aber nur durch Institutionalisierung, etwa im Bildungswesen, gesellschaftlich verankert werden und nur so überleben. Rationalistisches Wissen der „falsafa“ konnte wegen des Ausschlusses aus dem islamischen Bildungswesen deshalb in der Gesellschaft nicht institutionalisiert werden und ging also unter. Islamische Philosophie wurde bekämpft.

Orthodoxe Muslime verbrannten islamische Rationalisten nicht leibhaftig – nur ihre Bücher
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Der Philosoph Ernst Bloch schrieb: „Anstelle Gottes, der die Welt erschaffen hat, tritt die schöpferische Gestalt.“ Und weiter: „Kein Wunder auch hier, dass die islamische Orthodoxie Avicenna wie Averroes verfluchte und beide in ihren Werken verbrannt hat, wie die christliche Inquisition den Giordano Bruno nachher leibhaftig verbrannte.“

Vielleicht könnte man sagen, dass orthodoxe Muslime früher zivilisierter als die christliche Kirche waren; sie haben islamische Rationalisten nicht leibhaftig verbrannt, nur ihre Bücher. Das ist jedoch einzuschränken in Bezug auf Sufi-Muslime, die versucht haben, den religiösen Glauben zu privatisieren und von der Schriftgläubigkeit zu befreien: Der große islamische Mystiker Al-Halladsch wurde 922 als „Ketzer“ hingerichtet.

Unser Unglück ist nicht der Westen, sondern die Beerdigung des Averroismus durch die islamische Scharia-Orthodoxie, lange bevor es je einen Kolonialismus gab. Die Opferrolle zu spielen hilft uns nicht. Mehr hilft das Projekt von Al-Jabri, den Geist Averroes‘ im 21. Jahrhundert neu zu entfachen. Auf dieser Grundlage kann Al-Jabris Projekt zum Aktionsprogramm für die islamische Zivilisation im 21. Jahrhundert werden. Die Vertreter des oben angeführten „aufgeklärten islamischen Denkens“ versuchen heute, dies zu leisten. Die Wahl zwischen Falsafa und Scharia ist heute das Entscheidende. Rationalismus bedeutet die Inklusion der islamischen Zivilisation in eine säkulare Weltgemeinschaft, während die neu belebte Scharia die Muslime vom Rest der Menschheit trennt.

Der Politologe Bassam Tibi, Jahrgang 1944, ist Professor Emeritus in Göttingen. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Euroislam“ (Primus-Verlag, 2009).

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