Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Arbeitsmarkt der Zukunft: Die Jobfresser kommen Von Stefan Schultz

Posted by hkarner - 4. August 2016

Dienstag, 02.08.2016 – 20:26 Uhr, Spiegel Online

Rethink-Robotics-Modelle: Baxter, Sawyer Zur Großansicht

Rethink Robotics

Rethink-Robotics-Modelle: Baxter, Sawyer

Roboter, Automatisierung, künstliche Intelligenz: Maschinen werden Millionen unserer Jobs übernehmen. Fluch oder Segen?

Seine wohl unheimlichste Begegnung mit der Macht der Maschinen hatte Christopher Mims in ziemlich betrunkenem Zustand. Mims, Reporter des Tech-Blogs Quartz, stand auf einer Party des Massachusetts Institute of Technology (MIT) herum, als er plötzlich in einer Ecke den Arbeitsroboter Baxter entdeckte. Eine Maschine, die den Jobmarkt bald aufwirbeln könnte.

„Baxter sah einsam aus“, schreibt Mims. Nein, wirklich: Auf dem Touchscreen, der Baxters Kopf bildet, sind meist zwei expressive Augen zu sehen. Ein Kniff, damit der Betrachter den Bot vermenschlicht.

Mims ging auf Baxter zu. Er nahm den Arm des Roboters und bewegte ihn in eine Kiste mit kleinen Gegenständen hinein. Baxters Finger ergriffen eines der Objekte. Nun führte Mims den Roboter zu einem Tisch. Baxter legte den Gegenstand dort ab.

Eifrig fuhr der Roboter mit seiner neu erlernten Aufgabe fort. Immer wieder ging er zur Kiste, holte etwas heraus und legte es auf den Tisch. Ihn störte nicht, dass die Objekte verschieden groß waren – und auch nicht, dass der angetrunkene Mims ihm die nötigen Bewegungen ziemlich tollpatschig vorgeführt hatte. Gewissenhaft erledigte Baxter einen Job, den auch ein Arbeiter in einem Warenlager von Amazon machen könnte. Er hatte nur ein paar Sekunden gebraucht, diesen zu lernen.

Das Beispiel zeigt: Die nächsten Wellen der Automatisierung und Digitalisierung werden den Arbeitsmarkt, wie wir ihn kennen, fundamental verändern – viel schneller als wir denken. Experten streiten darüber, was das mit uns und unser Gesellschaft macht.

Drohen Massenarbeitslosigkeit, Massenarmut und soziale Verwerfungen? Oder bricht eine Ära an, in der der Mensch endlich ganz Mensch sein kann, weil immer weniger Zeit für den Lebensunterhalt draufgeht – und immer mehr Zeit für die Selbstentfaltung bleibt?

Warum diese Arbeitsmarktrevolution anders ist

Es ist nicht das erste mal, dass die Arbeitswelt vor Umwälzungen steht. Doch bislang galt stets eine Art Naturgesetz: Jede Stufe der Automatisierung brachte auf einer höheren Evolutionsstufe neue Jobs hervor. Jobs, die meist spannender und weniger gesundheitsschädlich waren als die Berufe der vorigen Generation.

Noch vor 200 Jahren arbeiteten 70 Prozent der US-Amerikaner auf einer Farm – heute sind es noch rund ein Prozent. Als Maschinen die Arbeit auf den Äckern übernahmen, heuerten die Feldarbeiter in den Fabriken an, die die Erntemaschinen und Mähdrescher bauten. Als dort Roboter an die Fließbänder drängten, übernahmen die Fabrikarbeiter die Wartung und Pflege dieser Maschinen. Dazu entstanden unter anderem Jobs wie Pestizid-Chemiker, Kartoffel-Logistiker oder Web-Designer für Agrarprodukte.

Der Gesellschaft schienen bislang nicht die Aufgaben auszugehen, die man gegen Geld für sie leisten kann. Doch dieses Mal könnte alles anders sein. „Dieses Mal werden nicht nur körperliche Jobs durch geistige ersetzt“, sagt Andrew McAfee, MIT-Forscher und Co-Autor des Buchs „The Second Machine Age: Wie die nächste digitale Revolution unser aller Leben verändern wird“. „Dieses Mal übernehmen Maschinen auch immer anspruchsvollere Denkaufgaben.“ Gleichzeitig meistern sie immer kompliziertere motorische Jobs.

Andrew McAfee über das Zeitalter der Maschinen

Autopiloten könnten schon jetzt souverän eine Boeing 787 landen, in den kommenden Jahrzehnten dürften sie auch sämtliche Lkw- und Taxi-Fahrten übernehmen. Drohnen könnten bald Briefe, Pizzen und Pakete ausliefern. Und während Gewerkschaften noch über einen angemessenen Mindestlohn für Reinigungskräfte diskutieren, experimentieren die ersten Firmen mit Fensterputz- und Toilettenreinigungsrobotern. Staubsaugerroboter gibt es in Elektromärkten ohnehin schon ab 89 Euro.

Finanz-Start-ups, sogenannte FinTechs, setzen ChatBots als Bankberater ein. Oder sie bieten Software an, die Verstöße von Finanzunternehmen gegen Regulierungen automatisch erkennt und das Management darauf hinweist. Zahlreiche Jobs im Controlling und in der Kundenberatung könnten so überflüssig werden. Ein Wagniskapitalfonds hat kürzlich gar einen Algorithmus in den Vorstand berufen, der bei Kaufentscheidungen mit abstimmt.

Krankenhäuser setzen IBMs künstliche Intelligenz Watson in der Krebsdiagnostik ein, immer mehr Operationen werden von Robotern durchgeführt. Der IT-Riese Alphabet baut seinen Chat-Dienst Google Talk zum Callcenter der Zukunft aus: Kunden sollen künftig Fragen per Chat schicken, antworten soll möglichst oft der Bot. Nur wenn dieser nicht weiter weiß, springt ein menschlicher Callcenter-Agent ein.

Auch Menschen mit kreativen Berufen sollten sich nicht allzu sicher fühlen, schreibt Kevin Kelly, Mitgründer des Technologiemagazins „Wired“. Manche Maschinen schreiben auch Songs , Gedichte, Romane und Zeitungsartikel von immer höherer Qualität.

So gut wie jeder Beruf dürfte von der kommenden Arbeitsmarktrevolution erfasst werden. Allein in den USA stehen 47 Prozent der Jobs zur Disposition, heißt es in einer Studie der Oxford-Universität, die 702 Berufsfelder detailliert betrachtet. Alle Sektoren – von der Landwirtschaft über die Industrie bis zur Dienstleistung – sind betroffen. Immer anspruchsvollere Jobs werden wegdigitalisiert. Und der Wandel beschleunigt sich immer stärker.

Schneller, billiger, schlauer

Schon jetzt lohnen sich Industrieroboter nicht mehr nur in den klassischen Hochlohnländern. Auch in China sind in den vergangenen Jahren Dutzende Millionen Jobs in der Industrie verlorengegangen. Ein Elektroteilehersteller lässt im Süden des Landes gerade eine Fabrik bauen, in der Roboter 90 Prozent der menschlichen Arbeiter ersetzen.

ROBOTER cHINALaut einer Auswertung der Boston Consulting Group werden die Kosten für Industrieroboter rasch weiter fallen. Schon 2025 könnte sich ihr Einsatz auch in Entwicklungsländern wie Mexiko rentieren. Die sozialen Folgen wären erheblich: Gerade in solchen Staaten arbeiten viele Niedrigqualifizierte, die man nicht so leicht umschulen kann. Andererseits könnten Maschinen bald auch Kinderarbeiter in indischen Textilfabriken ersetzen, heißt es in einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation .
Billiger als der Mensch
So stark unterbieten Roboter den Durchschnittslohn von Arbeitern im Jahr 2025 (Angabe in Prozent)
Die künstliche Intelligenz macht ebenso rasche Fortschritte wie die Robotik. Computer sind mittlerweile in der Lage, die Architektur des menschlichen Gehirns in sogenannten neuronalen Netzen nachzuempfinden und eigenständig dazuzulernen. Wie rasch Maschinen Roboter billiger als der Menschschlauer werden, war Anfang des Jahres zu besichtigen, als ein Computer der Google-Tochter Deepmind den weltbesten Go-Spieler deklassierte.

Das aus China stammende Spiel ist sehr intuitiv. Es gibt so viele mögliche Spielzüge, dass selbst Profis oft aus dem Bauch heraus entscheiden und dass selbst Hochleistungscomputer nicht alle Züge vorausberechnen können. Experten hatten gedacht, dass es noch Jahre dauert, bis ein Computer beim Go den Menschen überflügelt.

Ebenso rasant könnten Maschinen dem Menschen bald auf anderen Gebieten Konkurrenz machen – bei Gehaltsabrechnungen im Personalwesen zum Beispiel oder bei Datenanalysen in Unternehmensberatungen.

Die Jobs der Zukunft

Was passiert nun, wenn Maschinen uns immer schneller und flächendeckender unsere Jobs wegnehmen? Die Expertenwelt ist bei dieser Frage gespalten. Manche glauben, dass auch künftig immer neue Berufe entstehen. „Es gibt keine Knappheit an Dingen, die erledigt werden müssen“, sagt zum Beispiel Microsofts Chef-Innovator Jonathan Grudin.

Bei den Jobs der Zukunft sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Alison Sander von der Boston Consulting Group glaubt, dass unter anderem folgende Berufsprofile bald an Beliebtheit gewinnen: Anti-Alterungs-Spezialist, Autor für Geschichten in virtuellen Realitäten, urbaner Landwirt, Haustier-Psychologe und natürlich alle Arten von Computer- und Software-Spezialisten, dazu Wartungs- und Reinigungsfachkräfte für Roboter.

Erik Brynjolfsson, Co-Autor von „The Second Machine Age“ erwartet, dass sich künftig wesentlich mehr Menschen selbstständig machen werden. Gerade in den entwickelten Ländern dürften bald überall Produktionsstätten und riesige Informationspools verfügbar sein. Dadurch werde es einfacher, neue Geschäftsideen zu verwirklichen.

„Wired“-Autor Kelly sagt: „Wir werden in Zukunft danach bezahlt, wie gut wir mit Robotern zusammenarbeiten.“

Andere Experten sind pessimistischer. Der Harvard-Professor und Ex-US-Finanzminister Larry Summers etwa erwartet, dass weit mehr Jobs verlorengehen als neue entstehen. Arbeiter müssen immer besser qualifiziert sein, um nicht von Maschinen ersetzt zu werden, sagt auch sein Harvard-Kollege Gautam Mukunda. Die Ausbildung dafür sei teuer. Gut möglich, dass es sich bald nicht mehr rechne, Arbeitnehmer noch höher zu qualifizieren.

Glaubt man Summers und seinen Kollegen, dann könnte der Gesellschaft bald die Arbeit ausgehen. Die Folge davon müssten aber nicht zwangsläufig soziale Unruhen sein, sagt Buchautor McAfee. Zumindest dann nicht, wenn die Politik auf den Wandel geschickt reagiert.

Die Maschinen-Revolution habe einen entscheidenden Vorteil, sagt McAfee. Die Produktivität steige so stark an, dass sich die Gesellschaft bald deutlich stärkere soziale Netze leisten könne. Selbst ein bedingungsloses Grundeinkommen sei denkbar.

Zumindest in diesem Szenario bräuchte der Mensch künftig kaum noch zu arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Er hätte dann plötzlich sehr viel Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Er müsste sich dann fragen, wozu er eigentlich auf der Welt ist. Es sei denn, er baut sich auch dafür eine Maschine. Einen Computer, der die Frage, was der Mensch ist, ein für alle Mal klärt.

Zusammengefasst: Der Arbeitsmarkt steht vor einem schnellen, allumfassenden und potenziell zerstörerischen Wandel. Industrieroboter werden immer günstiger und leistungsfähiger; gleichzeitig macht die künstliche Intelligenz rasante Fortschritte. Im Agrar-, Industrie- und Dienstleistungssektor sind Millionen Jobs gefährdet. Die Produktivität dürfte indes deutlich steigen. Manche Experten fürchten soziale Unruhen, andere glauben, dass die Sozialleistungen bald großzügiger ausfallen und die Menschheit deutlich weniger arbeiten muss.

Zum Autor

Stefan Schultz

Jeannette Corbeau

Stefan Schultz ist Redakteur bei SPIEGEL ONLINE im Ressort Wirtschaft, Spezialgebiete: Energie, IT-Wirtschaft und China.

 

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