Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Stresstest: „Wesentliche Risikofaktoren wurden ausgeblendet“

Posted by hkarner - 31. Juli 2016

31. Juli 2016, 18:30, derstandard.at

Zweifel am jüngsten Bankenstresstest bleiben. Entscheidender ist ohnehin, wie der Markt die Banken einstuft

London/Rom/Wien – Die Aussagen hätten widersprüchlicher kaum sein können: Während Banker, attestiert von einigen Aufsehern, seit Veröffentlichung der Stresstestergebnisse am Freitagabend auf die Resistenz „ihrer“ Geldinstitute verweisen, kamen viele skeptische Stellungnahmen von Analysten und Experten. Wenn es überhaupt eine Überraschung gab, dann jene, wie schlecht die Jumbos der europäischen Banken abschnitten. Société Générale, Deutsche Bank, Commerzbank, Unicredit: Gleich mehrere gewichtige Institute landeten auf den letzten zehn Rängen.

Obwohl in Deutschland ein schwächerer Konjunktureinbruch angenommen wurde als in anderen Ländern, war die Kapitalverschlechterung von Commerzbank und Deutscher Bank mit gut fünf Prozentpunkten besonders groß. Das lag zu einem guten Teil am neuen Kriterium, das man als Verhaltensrisiko bezeichnen könnte: Die Europäische Bankenaufsicht EBA sah sich auch an, wie anfällig die Institute für Fehlverhalten oder gar kriminelle Energie sind. Die schlechten Erfahrungswerte der deutschen Banken – die Commerzbank büßt bitter für Iran-Geschäfte, bei der Deutschen Bank füllen Strafen und Klagen ganze Romane – haben sich dann entsprechend negativ ausgewirkt.

„Zahnloser Tiger

Dabei hätte es noch schlimmer kommen können – nicht nur für deutsche Banken. „Wesentliche Risikofaktoren wie die Niedrigzinsphase wurden ausgeblendet“, erklärte die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel. Sie rechnet nicht damit, dass Aufseher nun höhere Kapitalvorschriften machen. Deshalb ist der Stresstest in Schnabels Augen ein „zahnloser Tiger“. Die Frage sei allerdings, ob das die Märkte auch so sehen. „Deren Druck könnte stärker ausfallen als der der Aufseher“, sagte Schnabel zur Welt.

RZB am Zug

In Österreich brauchen die Banken mehr Kapital, hat Finanzmarktaufsicht-Vorstand Helmut Ettl nach Bekanntgabe der Ergebnisse gemeint. Vor allem die Raiffeisen Zentralbank hat ja schlecht abgeschnitten, auch die Erste Group ist mit Rang 40 gemessen am Kernkapital nicht gerade bestens aufgestellt. Allerdings waren die Annahmen für Osteuropa besonders hart, erklären die Banker das EBA-Testumfeld. Inwieweit jetzt „nur“ bestehende Kapitalvorgaben energisch verfolgt, oder noch höhere Polster verlangt werden, war am Wochenende unklar. Bei der RZB soll jetzt die Fusion mit der Raiffeisen Bank International durchgezogen werden, die 0,4 Prozentpunkte Kapital generieren soll.

Italien erleichtert

Deutliche Erleichterung war nach dem Check in Italien zu spüren. Die Geldinstitute des Landes schnitten besser ab als befürchtet. Der Präsident des Bankenverbandes ABI, Antonio Patuelli kommentierte den Ausgang: „Zweifellos hat sich die Glaubwürdigkeit der italienischen Banken durch den Stresstest verbessert.“ Banca Intesa Sanpaolo zählt zu den solidesten Banken Europas. „Unser Geschäftsmodell basiert immer mehr auf einer Wealth Management Gesellschaft, ein Sektor mit den größten Wachstumsaussichten auf internationaler Ebene“, erklärt Bankchef Carlo Messina. Überraschend gut schnitten auch Ubi Banca und Banco Popolare ab. Bei Unicredit wurde eine dünne Kapitaldecke festgestellt. Vier der fünf betroffenen italienischen Großbanken bestanden den Test ohne Schwierigkeiten.

Monte dei Paschi treibt Kapital auf

Einzig Monte dei Paschi di Siena (MPS) schnitt mit einer sagenhaften Diskrepanz am schlechtesten von allen 51 getesteten Banken ab. Dies überrascht nicht. Die Problembank ist nicht nur wegen eines überhöhten Kaufpreises für die Bank Antonveneto, sondern auch wegen fragwürdiger Derivate und einer Misswirtschaft des inzwischen entlassenen Managements an den Rand der Pleite geraten. Zusätzlichen belasten 45 Mrd. Euro Problemkredite die Bankenbilanz. Um eine Insolvenz und einen Aufstand der Kleinanleger zu verhindern, hat die Regierung nun gemeinsam mit der Zentralbank einen Rettungsplan ausgearbeitet. Dieser wurde von der Europäischen Zentralbank und von Brüssel abgesegnet, da er ohne Staatshilfe umgesetzt werden soll. Vorgesehen ist eine neuerliche Kapitalerhöhung um fünf Mrd. Euro, die von acht internationalen Banken, darunter auch der Deutschen Bank, garantiert werden soll. Gleichzeitig wird der Bankenrettungsfonds Atlante 2, der mit bis zu fünf Mrd. Euro Kapital ausgestattet werden soll, bis zu zehn Mrd. Euro notleidender Kredite übernehmen. Inwieweit der neuerliche Sanierungsversuch bei MPS Erfolg haben wird, ist fraglich. (tkb; as; red, 1.8.2016) – derstandard.at/2000042072041/Stresstest-Wesentliche-Risikofaktoren-wurden-ausgeblendet

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