Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Abe-san investiert

Posted by hkarner - 30. Juli 2016

29.07.2016, Von Heiner Flassbeck, MakroskopFlassbeck

Anders als die deutsche, hat die japanische Regierung unter Premierminister Shinzo Abe begriffen, dass es keinen Wohlstand ohne öffentliche Investitionen gibt. Noch erstaunlicher: Man begreift auch, dass die Investitionen des Staates nicht vom absoluten Stand der staatlichen Schulden abhängig gemacht werden dürfen. Woher kommt die kollektive Begriffsstutzigkeit in Deutschland und Europa?

Der japanische Premierminister Shinzo Abe ist seit Beginn seiner Amtszeit dadurch aufgefallen, dass er sich nicht scheute, herrschende ökonomische Dogmen über den Haufen zu werfen (wir haben das unter anderem hier ausführlich erläutert). Man hat folglich eine ganze volkswirtschaftliche Ausrichtung nach ihm benannt: Abenomics. Das war im Prinzip ein sehr erfolgversprechender Ansatz, aber auch er ist letztlich nicht erfolgreich gewesen, weil es Shinzo Abe nicht gelungen ist, die Lohndeflation in seinem Land zu durchbrechen.

Nun schickt sich Herr Abe erneut an, der Welt zu zeigen, dass sein Land nicht wie Europa darauf warten wird bis ein Aufschwung vom Himmel fällt, sondern dass der Staat auch dann agieren kann, wenn der Schuldenstand so hoch ist wie derzeit in Japan, nämlich etwa 250 Prozent des BIP. Man bedenke: In Europa werden Länder offiziell dafür bestraft, dass sie in einer tiefen Rezession bei wesentlich höherer Arbeitslosigkeit als in Japan nicht mit Gewalt versuchen, den Schuldenstand auf 60 Prozent des BIP zu bringen.

Die absolute Höhe der Summe, die Herr Abe in öffentliche Investitionen stecken will, ist noch unklar, da das Programms erst nächste Woche offiziell vorgestellt wird, aber man spricht von etwa 250 Milliarden US-Dollar oder 5 Prozent des BIP über einige Jahre verteilt. Nur zum Vergleich: Fünf Prozent des BIP wären in Europa etwa 500 Milliarden und in Deutschland 150 Milliarden Euro. Wird ein Großteil davon mit frischem Geld finanziert, also nicht aus anderen Quellen umgeleitet, bedeutet das immerhin, dass ein Land, dem es bei weitem nicht so schlecht wie Europa geht, exakt das Gegenteil dessen tut, was Europa und insbesondere Deutschland für alternativlos hält.

Schaut man die aktuelle Situation der Staatsdefizite der wichtigsten Länder an, so wie ich es anlässlich des letzten G 7 Gipfels in Japan getan hatte (hier), erkennt man ohne weiteres, dass Japan – gemäß der traditionellen Deutung dieser Werte – nicht nur beim Schuldenstand, sondern auch bei den laufenden Defiziten des Staates in einer weit „schlechteren Ausgangslage“ als Deutschland und Frankreich und Italien ist (Abbildung 1). Im vergangenen Jahr wies Japan immer noch das höchste laufende Defizit der G 7 Länder auf.


20160729_HF01_Abb1


Dass in Japan der Staat trotzdem investiert, hat einen einfachen Grund. In Japan wissen die verantwortlichen Politiker offensichtlich, dass es angesichts der Konstellation der Finanzierungssalden der Wirtschaft gar keine andere Möglichkeit gibt, Impulse für die Konjunktur zu setzen (Abbildung 2). Japan hat nicht wie Deutschland die Möglichkeit, die Schuldenfrage vom Ausland lösen zu lassen, weil vor allem die USA Japan massiv unter Druck setzen, wenn es versucht, über eine Ausweitung seiner Leistungsbilanzüberschüsse seine Probleme zu lösen.

Abbildung 2 zeigt, dass der gesamte private Sektor in Japan, also die privaten Haushalte und die Unternehmen, versucht, per Saldo zu sparen, also systematisch weniger ausgibt als er einnimmt.


20160729_HF01_Abb2


Kann man das Defizit des Auslandes nicht ausweiten, gibt es gar kaum eine andere Möglichkeit als staatliches Deficit Spending, um eine Dauerrezession zu vermeiden. Die privaten Haushalte und die Unternehmen vom Sparen abzuhalten, ist jedenfalls sehr schwierig und kaum jemals versucht worden. Da die Salden, wir haben das auf flassbeck-economics und Makroskop immer wieder erklärt, sich zu Null addieren müssen, ist der Staat nicht nur kurzfristig, sondern permanent gefordert, die entstehende Nachfragelücke zu schließen.

Dass Deutschland diesen einfachen Zusammenhang nicht begreifen will oder kann, ist in erster Linie ein intellektuelles Armutszeugnis. Wie die Abbildung 3 zeigt, rettet sich Deutschland vor der japanischen Konsequenz bisher nur durch seinen Merkantilismus in Form permanent hoher und steigender Leistungsbilanzüberschüsse.


20160729_HF01_Abb3


Dass es kurz nach dem Mittelalter Staaten gab, die – ohne Informationen über die Welt und ohne jede Kenntnis der Zusammenhänge – nichts anderes im Sinn hatten, als über einen Wirtschaftskrieg andere Nationen zu schwächen und sich selbst besser zu stellen, mag man nachvollziehen können. Dass es im 21. Jahrhundert einen Staat gibt, in dem die Politik, die wichtigsten Medien und die große Mehrheit der sogenannten Wirtschaftswissenschaft systematisch die Augen vor neuen Erkenntnissen der Zusammenhänge verschließen und so tun, als ob andere Länder Deutschland einfach imitieren könnten, ist beschämend. Es ist der Offenbarungseid einer Gesellschaft, die sich gerne frei und offen gibt, in Wirklichkeit aber verbohrt und dumpf ist.

 

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