Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Wie die Uni-Ökonomen versagen – die Theorie der Prostitution als Mahnmal

Posted by hkarner - 3. Juli 2016

Ein Klassiker! (hfk)

Mathias Binswanger, 19. Jan. 2012, ÖkonomenstimmeBinswanger cc

Vor kurzem ist hier ein Beitrag von Rüdiger Bachmann unter dem Titel „Haben die Uni-Ökonomen versagt?“ erschienen. In dem Artikel sollte aufgezeigt werden, welch tolle Arbeit Ökonomen heute leisten und wie ungerechtfertigt Angriffe auf die Mainstreamökonomie seien. Dieses sich selbst auf die Schulter klopfen war offenbar notwendig, da sich die ökonomische Wissenschaft in letzter Zeit vor allem in Zusammenhang mit der letzten Finanzkrise Angriffen ausgesetzt sah, sie würde die heutige Realität der Finanzmärkte in ihren Modellen ignorieren und von realitätsfremden Annahmen ausgehen.

Gemäss Rüdiger Bachmann sind die Kritiker einfach Ignoranten, die nichts von Ökonomie verstehen, da sie nicht über das nötige Rüstzeug verfügen, um die Krisenphänomene exakt zu beschreiben. Ausgebildeten Ökonomen, die es wagen, Kritik an ihrer Wissenschaft vorzubringen wagen, werden hingegen als unterdrückte Privatdozenten diffamiert. Und wer die Annahme des Homo Oeconomicus kritisiert (Psychologische Kritik an der Ökonomie) behauptet damit laut Bachmann automatisch „Menschen sind alle dumm und irrational“. Entspricht ein solcher Umgang mit Kritikern einem dynamischen, offenen und flexiblen Wissenssystem, als welches Bachmann die moderne VWL empfindet?

Besonders eigenartig wird die Argumentation jedoch, wenn Bachmann seinem Kollegen Thomas Straubhaar vorwirft, dieser hätte sich darüber verwundert, dass „mikroökonomisches Gewinnstreben zum makroökonomischen Untergang führen könne“. Dass dies möglich sei, wisse die moderne VWL nämlich schon längst, denn schliesslich gäbe es in bestimmten Modellen Nashgleichgewichte oder multiple Gleichgewichte. Dieses Argument ist etwa so stichhaltig, wie wenn man behaupten würde, dass es irrelevant sei, wenn jemand an den Nebenwirkungen eines Medikaments erkrankt, denn diese Nebenwirkungen seien alle schon in der Packungsbeilage beschrieben worden. Doch was interessiert schon die Realität, wenn man hypothetische Gleichgewichtsmodellwelten kreieren kann, um dann mit diesen herumzuspielen. Denn wer das am besten kann, der gilt heute als „grosser Ökonom“ und darf in den angesehensten Fachzeitschriften publizieren.

Das folgende Beispiel möge illustrieren, wie banale und unsinnige Ideen zu Publikationen in Topjournals führen, wenn sie nur in einem formalen Gleichgewichtsmodell dargestellt werden. Im Jahre 2002 erschien im Journal of Political Economy ein Artikel mit dem vielversprechenden Titel „A Theory of Prostitution“. Zwei Ökonominnen, Lena Edlund und Evelyn Korn beschäftigen sich darin mit einem „hochinteressanten“ Phänomen: Prostitution ist eine Tätigkeit, die keine Ausbildung braucht, arbeitsintensiv ist und hauptsächlich von Frauen durchgeführt wird. Und trotzdem, und jetzt kommt das Rätsel, sind Prostituierte im Durchschnitt gut bezahlt. Wie kann das sein? Als Laie würde man naiv vermuten, dass attraktive und gleichzeitig sexbereite junge Frauen relativ knapp sind, und sich deshalb ein relativ hoher Preis bildet.

Der Preis der Prostitution…

Aber das Naheliegende ist natürlich viel zu einfach. Die „Freude am Sex mit einer jungen Frau“ als Hauptmotiv für die Nachfrage kommt im Artikel gar nicht vor. Stattdessen zerbrechen sich die Autorinnen den Kopf, warum verheiratete Männer zu Prostituierten gehen, obwohl sie Sex doch billig zu Hause haben könnten. Um das eigenartig zu finden, muss man sich schon sehr weit vom realen Leben entfernt haben, was in einem akademischen Umfeld aber leicht möglich ist.

Zwar vermuten die Autorinnen, dass die Freude an Vielfalt der Sexpartnerinnen bei Männern stärker ausgeprägt ist als bei Frauen. Und es könnte auch sein, die Autorinnen sind sich da nicht sicher, dass Sex mit einer älteren Frau weniger Freude macht als mit einer jüngeren Frau (S. 186). Doch all das ist für Edlund und Korn nicht weiter von Belang. Die Autorinnen haben nämlich eine eigene „brillante“ Idee, die das Rätsel der relativ hohen Löhne von Prostituierten „löst“: Frauen können nicht gleichzeitig Ehefrau und Prostituierte sein. Wenn also eine Frau als Prostituierte arbeitet, dann vermindert sie damit ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt und muss entsprechend mit einem hohen Lohn für diese entgangenen Möglichkeiten kompensiert werden. Das ist in einem Satz die „geniale“ Idee, die einen langen Artikel in einem Topjournal rechtfertigt.

Die beiden Autorinnen blasen ihre banale Erkenntnis nun zu einem hochformalen Modell mit 14 mathematischen Gleichungen auf, dessen Darstellung 19 Seiten in Anspruch nimmt, und wo unter vollkommen realitätsfremden Annahmen ein Sexmarkt-Gleichgewicht hergeleitet wird (Gleichung 3, S. 194). Aber Realitätsnähe ist kein entscheidendes Kriterium für eine Publikation in einem ökonomischen Topjournal. Was zählt, ist die Präsentation eines komplizierten formalen Modells.

…und seine Folgen

Doch damit ist des Unsinns noch nicht genug. Jungwissenschaftler stürzten sich in der Folge eifrig auf dieses faszinierende und interessante Thema und es entstand eine Reihe von Folgeartikeln. Da bisher kaum jemand zu diesem Thema in der Ökonomie publiziert hatte, konnten sie davon ausgehen, dass zumindest eine der beiden Autorinnen als Gutachterin für ihren Artikel angefragt würde, und so versuchten sie die Autorinnen Edlund und Korn durch überschwängliches Lob günstig zu stimmen (strategisches Zitieren). Auch das ist Prostitution, aber diesmal handelt es sich um die von Frey (2003) beschriebene akademische Prostitution, bei der Autoren alles tun, um für ihre möglichen Gutachter sexy zu erscheinen. So schreiben etwa die beiden Autoren Arunachalam und Shah (2008) gleich in der Einleitung (weiter lesen viele Gutachter gar nicht) von einem bahnbrechenden Artikel mit einer hochoriginellen Erklärung. Und dieser kleine Akt der „Prostitution“ hat sich für Arunachalam und Shah auch gelohnt. Ihr Paper wurde von den GutachterInnen offensichtlich positiv beurteilt und erschien 2008 in der American Economic Review, einer anderen ökonomischen Topzeitschrift.

Die Zeichen der Dekadenz

Als kleine Ehrenrettung der ökonomischen Wissenschaft muss man zwar erwähnen, dass es auch einige kritische Reaktionen auf den Artikel gab, aber diese betrafen immer nur einzelne Annahmen und nie den gesamten Artikel und dessen Modell. Was im Journal of Political Economy veröffentlicht wird, gilt schliesslich als Toppublikation mit einem hohen Impact Faktor. Und das darf per Definition kein Unsinn sein, auch wenn es, wie in unserem Beispiel, offensichtlicher Unsinn ist. Doch wer jahrelang zum Fachidioten ausgebildet wird und sich ständig unter anderen Fachidioten bewegt, kann das irgendwann nicht mehr erkennen.

Dieses Beispiel ist nun absolut kein Sonderfall, sondern zeigt besonders exemplarisch auf, wo das Problem liegt. Was zählt, ist die formale Darstellung eines Modells und nicht dessen Inhalt. In der heutigen Ökonomie hat man sich in vielen Fällen so weit von der Realität entfernt, dass es gar keine Rolle mehr spielt, was als Resultat herauskommt. In vielen Artikeln könnte auch das Gegenteil des dort präsentierten Resultates „bewiesen“ werden, und es würde gar nichts ändern. Das Resultat ist nämlich so oder so irrelevant. Eine Wissenschaft, in der das möglich ist, hat aber keinen Grund sich selbst zu beweihräuchern, denn sie ist in einem hochgradig dekadenten Zustand. Zum Glück gibt es aber Hoffnungsschimmer in Form von neuen Ansätzen, bei denen tatsächlich wieder geschaut wird, wie sich Menschen und Organisationen in der Realität verhalten.

 

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