Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

„Finanztransaktionssteuer nur in Österreich nicht zielführend“

Posted by hkarner - 20. Mai 2010

„Finanztransaktionssteuer nur in Österreich nicht zielführend“
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Wiener Theologe und Ethik-Investment-Experte Gabriel: Politik muss Finanzmärkte im Sinn des Gemeinwohls steuern, denn Wirtschaft ist „kein Naturereignis“

19.05.2010, Kathpress

Wien (KAP) Die zuletzt auf EU-Ebene in Angriff genommene Regulierung der Finanzwirtschaft sei im Blick auf das Gemeinwohl positiv zu bewerten, die zuletzt lancierten Vorschläge seien aber nicht weitreichend genug: Das sagte der Wiener Theologe und Ethik-Investment-Experte Klaus Gabriel am Mittwoch in einem „Kathpress“-Gespräch über jüngste wirtschaftspolitische Entwicklungen. Die Politik müsse sich von entsprechenden Lobbys emanzipieren und den von der Realwirtschaft in den vergangenen 20 Jahren abgekoppelten Finanzmärkten strenge Regeln auferlegen, so der frühere Bankkaufmann mit Schwerpunkt Vermögensverwaltung und jetzige Assistent am Wiener Institut für Sozialethik. Immerhin sei die Wirtschaft „kein Naturereignis“, sondern gestaltungsbedürftig, erklärte Gabriel.

Zur derzeitigen Debatte über die Einführung einer Finanztransaktionssteuer meinte Gabriel, nur auf Österreich-Ebene sei dies „nicht zielführend“: Investoren könnten einfach in benachbarte Länder ausweichen. Auf europäischer Ebene mache eine solche Maßnahme aber durchaus Sinn, denn durch die unterschiedlichen Zeitzonen der anderen großen „player“ USA und Fernost seien Ausweichmanöver deutlich schwieriger. Schon mit einer relativ geringen Besteuerung auf Devisen- und Derivatstransaktionen könnten Spekulationen mit schnellem Geld unattraktiv werden, sagte der Theologe. Gabriel hatte seine Dissertation 2007 auch dem Thema „Nachhaltigkeit am Finanzmarkt“ gewidmet und jüngst gemeinsam mit Markus Schlagnitweit von der Katholischen Sozialakademie das Buch „Das gute Geld“ über ethisches Investment vorgelegt.

 Positiv bewertete Gabriel die jetzt ins Auge gefassten Regulierungen im Bereich der Hedgefonds-Hochrisikoveranlagungen. Auch dass Deutschland nun ungedeckte „Leerverkäufe“ von Anleihen der Staaten in der Euro-Zone verbiete, sei ein „positives Signal“, das noch vor kurzem undenkbar gewesen sei. Dringend notwendig wäre auch eine Differenzierung der Geldinstitute in Banken, die sich dem „Kerngeschäft“ des Sparens widmen, und in Investmentbanken, die dann deklarierter Weise und ohne Risiko für das Geld kleiner Sparer als „Spielcasino“ agieren. Die derzeitige Größe und Verflechtung der Banken schafft laut Gabriel eine „too big to fail“-Situation, in der ein Konkurs um jeden Preis verhindert werden müsse und alle Bürger für überzogene Risiken geradezustehen hätten. 

Die grundsätzlich begrüßenswerten Reaktionen auf die vor eineinhalb Jahren losgetretene Finanzkrise kommen nach Einschätzung Gabriels aber zu spät. Nun müsse sich Europa auch mit der inzwischen dazugekommenen Verschuldungskrise mancher EU-Staaten herumschlagen. Und hier werde das Pferd am falschen Ende aufgezäumt, warnte der Fachmann. Zunächst müssten im Fall von Griechenland, das auch mit einem harten Sparkurs aus der Schuldenlast „nicht mehr herauskommen“ werde, diese Schulden verringert werden z.B. durch ein Zinsmoratorium oder durch eine Wertminderung der Staatsanleihen. Erst in letzter Konsequenz dürfe der Steuerzahler zur Kasse gebeten werden, sonst drohen laut Gabriel die Verarmung mancher Bevölkerungsteile und ein Zerbrechen des sozialen Friedens. Dass genau das nicht auch in anderen gefährdeten Staaten wie Portugal und Spanien passiert, sei Aufgabe der Politik. 

Klaus Gabriel erinnerte an den Anspruch der christlichen Soziallehre, dass wirtschaftliche Aktivitäten keinen Selbstzweck darstellen, sondern auf ein „gutes Leben“ für alle Mitglieder der Gesellschaft ausgerichtet sein sollen. Dass dieser Anspruch auch in Wirtschaftskreisen zunehmend Gehör findet, merkt der Theologe nach eigenen Angaben u. a. an der Einladung zur Mitarbeit im Föhrenbergkreis, einem „think tank“ zu ökonomischen Grundsatzfragen, und am wachsenden Interesse von Banken an Ethik-Themen.

Und wir sind froh, dass Klaus Gabriel in unserem Arbeitskreis mitarbeitet! (hfk)

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