Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Die Bilanzwillkür

Posted by hkarner - 18. Juni 2009

Um den Banken in der Krise zu helfen, verwässern die Regierungen die Bilanzierungsstandards. Dass dabei Transparenz und Vergleichbarkeit verloren gehen, stört sie nicht.

Aus der Financial Times D. vom 16/6

Eigentlich sind Bilanzen dazu da, Investoren, Gläubigern und der Öffentlichkeit ein Bild von der Vermögens- und Ertragslage eines Unternehmens zu liefern. Doch seit Beginn der Finanzkrise ist dieser Anspruch Stück für Stück verloren gegangen. Gerade der Finanzsektor ist heute weiter von Klarheit und Wahrheit entfernt als je zuvor. Es gibt keine zwei Banken mehr auf der Welt, deren Abschlüsse eins zu eins miteinander vergleichbar sind.

Das liegt nicht nur an den umfangreichen Staatseingriffen, die das Bild generell verzerren. Es liegt vor allem an den zahlreichen Ausnahmeregeln und Wahlmöglichkeiten, die die Regierungen seit Beginn der Krise zugelassen haben und die sich in ihrer Gesamtheit zu einem Paradigmenwechsel verdichtet haben.

Seinen Ausgang nahm dieser Paradigmenwechsel ausgerechnet im Mutterland der Transparenzgebote, in den USA. Dort wurde das Fair Value Accounting, also die Bilanzierung von Vermögenswerten und Verbindlichkeiten zu Marktpreisen, erfunden. Das Prinzip ist durchaus richtig: Den tatsächlichen Wert eines Gegenstands erhält man am zuverlässigsten, wenn man ihn am Markt verkaufen muss.

Lizenz zum Gelddrucken

Nachdem die Krise viele Märkte lahmgelegt hatte und es keine Marktpreise mehr gab, mussten Definitionen her, mit denen sich der Fair Value in gestörten Märkten bestimmen lässt. Heraus kam die Lösung, die betroffenen Banken selbst darüber entscheiden zu lassen, was der unverkäufliche Schrott in ihren Bilanzen wert ist.

Die Willkür dieses Vorgehens liegt auf der Hand. Für die Betroffenen ist es ein Geschenk, das einer Lizenz zum Gelddrucken gleichkommt. Die amerikanische Citigroup zum Beispiel verbuchte im ersten Quartal einen Gewinn von 1,6 Mrd. $. 

Der Konzern verschob seine toxischen Wertpapiere innerhalb der Bilanz einfach vom Handelsbestand in seinen langfristigen Anlagebestand und konnte dadurch sonst fällige Abschreibungen umgehen. Analysten haben ausgerechnet, dass die Bank ohne diese Manipulation einen Verlust von 2,5 Mrd. $ gehabt hätte.

Großer Beliebtheit erfreut sich auch die Hochschreibung der Passivseite. Die Bank nimmt über eine Schuldverschreibung 100 Euro am Markt auf. Wenn der Marktpreis dafür auf 70 Euro fällt, tut sie so, als hätte sie 30 Euro gewonnen. Das wäre in Ordnung, wenn sie das Papier tatsächlich zu diesem Preis zurückgekauft hätte.

Tatsächlich aber kann sie es im Normalfall erst am Ende der Laufzeit tilgen und dann sind eben nicht 70, sondern 100 Euro fällig. Es handelt sich also um einen Scheingewinn. Der Citigroup brachte das im ersten Quartal immerhin Erträge von 2,7 Mrd. $.

In Europa wurden diese Gestaltungsmöglichkeiten in modifizierter Form weitgehend übernommen. Manche Institute machen davon Gebrauch, andere nicht. So bewertet zum Beispiel die Schweizer Großbank Credit Suisse beide Seiten ihrer Bilanz durchgängig zum Fair Value, während in Deutschland die Deutsche Bank darauf verzichtet, mit ihren Verbindlichkeiten Scheingewinne zu generieren. Dafür nimmt sie andere Möglichkeiten wie das Verschieben vom Handels- in den Anlagebestand gern wahr. Ein direkter Vergleich der beiden Banken wird dadurch unmöglich, eine belastbare Aussage über die Qualität der Ergebnisse erst recht.

Neuerdings hat sich die Politik die sogenannte Neubewertungsrücklage zur Brust genommen. In diesem Posten lagern die Banken Finanzinstrumente, bei denen sie nicht so recht entscheiden können, ob sie dem kurzfristigen Handels- oder dem langfristigen Anlagebestand zugerechnet werden sollen. Wertveränderungen dieser Papiere laufen daher nicht in die Gewinn-und-Verlust-Rechnung, sondern werden mit dem Eigenkapital verrechnet.

Der hessische Wirtschaftsminister Karlheinz Weimar hat vorgeschlagen, diese Regelung einfach abzuschaffen, um den Druck auf das Eigenkapital der Banken zu lindern. In Berlin erntet er dafür nicht etwa Empörung, sondern Wohlwollen. Dass dadurch die ganze Systematik der internationalen Bilanzregeln IFRS über den Haufen geworfen wird, scheint da nicht weiter zu stören.

Ein Wertverlust ist aber nun mal ein Wertverlust und muss in der Bilanz abgebildet werden. Deshalb ist es richtig, Wertminderungen bei zum Verkauf verfügbaren Finanzinstrumenten vom Eigenkapital abzuziehen, wenn sie nicht tatsächlich verkauft werden. Wohin es führen kann, wenn man dies nicht tut, lässt sich bei der Hypo Real Estate besichtigen.

Der Immobilienfinanzierer war Ende 2008 de facto pleite, durfte aber wegen seiner amtlich festgestellten Systemrelevanz nicht bankrottgehen. Um die Schließung zu vermeiden, rechnete man den Verlust des vergangenen Jahres von 5,4 Mrd. Euro bei der Ermittlung der aufsichtsrechtlichen Kapitalquoten einfach nicht an. Begründung: Es lag noch kein testierter Jahresabschluss vor.

Wenn so etwas zur Regel werden sollte, dann sind das trübe Aussichten – auch für die Steuerzahler. Denn wenn die Bürger schon mit ihrem Geld die Banken retten, sollten sie wenigstens wissen, wie es um die Institute bestellt ist.

 
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