Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Nach den kristallklaren Aussagen des Föhrenbergkreises zur Finanzwirtschaft aus dem Jahr 1999 gibt es jetzt einen neuen Arbeitskreis zum Thema.

“Zweifelhaft, ob Spar­kurs die Wirtschaft ruiniert”

Geschrieben von hkarner - 23. Januar 2012

Reformen über Reformen

Interview | András Szigetvari, 20. Jänner 2012 22:37, derstandard.at

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    Foto: Reuters/Pascal Rossignol

    Zu wenig reformiert oder schon zu Tode gespart? Der ultra-liberale Balcerowicz fordert von Athen mehr Reformen.

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    “Eine unheilige Allianz fordert den Eingriff der EZB.”

 

Um sich zu retten, müssen sich die Griechen Osteuropa zum Vorbild nehmen, findet Marktreformer Leszek Balcerowicz

Um sich zu retten, muss Griechenland Reformen über Reformen folgen lassen, findet Leszek Balcerowicz, Vater der polnischen Marktreformen. Er erklärt, warum neben den “PIIGS” auch die BELL-Länder wichtig sind.

STANDARD: Die Reformstrategien in Griechenland erinnern an jene des postkommunistischen Polens. Es wird gespart, liberalisiert und privatisiert. Lassen sich die beiden Fälle direkt vergleichen?

Balcerowicz: Nur bedingt. Polen war damals enorm verschuldet und fast bankrott – das ist eine Gemeinsamkeit. Aber die polnische Wirtschaft war viel maroder als die griechische. In Polen war die Situation außerdem einfacher, weil es einen Bruch mit dem Kommunismus gab und die Menschen große Hoffnung in die neue Führung setzten. In Griechenland hat die sozialistische Pasok die Wahlen 2009 mit dem Versprechen gewonnen, mehr staatliche Leistungen zu erbringen. Seither hat sie nur gespart. Die Politik genießt also null vertrauen.

STANDARD: Ist Polen nicht ein gutes Beispiel dafür, dass Europas Strategie in Hellas scheitern wird? Polen war das einzige EU-Land, dessen Wirtschaft in der Krise nie geschrumpft ist. Das lag am starken Inlandskonsum, der in Griechenland soeben kaputtgespart wurde.

Balcerowicz: Das sehen viele Kritiker so. Ich bin mir aber nicht sicher. Es ist zweifelhaft, ob der Sparkurs die Wirtschaft ruiniert.

STANDARD: Wie kommen Sie darauf?

Balcerowicz: Ich habe zwei Gruppen von Ländern miteinander verglichen: einmal die PIIGS, also Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien. Die andere Gruppe waren die BELL-Länder, deren Problematik weit weniger bekannt ist. Zu ihnen zählen Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen. Die beiden Gruppen sind sehr ähnlich: Die PIIGS sind in der Eurozone und konnten nicht klassisch auf die Krise antworten, indem sie ihre Währungen abwerten. Die BELL-Länder sind zwar nicht im Euro, haben ihre Währungen aber an den Euro gebunden und konnten deshalb nicht abwerten. Es war interessant zu sehen, wie unterschiedlich diese Gruppen durch die Krise gekommen sind.

STANDARD: Was war anders?

Balcerowicz: Die BELL-Staaten hatten 2008/2009 wie die PIIGS eine schwere Rezession erlebt. Sie haben daraufhin massive Reformen eingeleitet – viel schmerzhaftere, als in den PIIGS-Staaten. Das Ergebnis: Alle Länder der BELL-Gruppe wachsen inzwischen wieder kräftig, während Griechenland, Portugal, Spanien und Italien stagnieren oder schrumpfen. An den Einsparungen kann das nicht liegen, denn die waren zum Beispiel in Lettland viel tiefgreifender. Ich glaube, der Unterschied liegt darin, dass die BELL-Länder sich stärker geöffnet und ihr Wirtschaftssystem umgestellt haben. Sie haben den Wettbewerb verstärkt, Monopole aufgebrochen und damit das System effizienter gemacht.

STANDARD: Lettlands Wirtschaft ist um ein Fünftel geschrumpft, Tausende haben das Land verlassen. Die Frage ist doch: War der Preis für die Reformen nicht zu hoch?

Balcerowicz: Aber eine Migrationswelle aus Lettland gab es bereits vor der Krise. Schuld am Zusammenbruch der Wirtschaft und an der Arbeitslosigkeit waren nicht die Reformen, sondern die gigantische Kreditblase, die geplatzt ist.

STANDARD: Sie waren lange Jahre Chef der polnischen Notenbank. Wie sehen Sie die Eurokrise: Befürworten Sie eine stärkere Intervention der Europäischen Zentralbank?

Balcerowicz: Ich bin strikt dagegen. Eine unheilige Allianz bestehend aus Investoren, Politikern und Journalisten fordert den Eingriff der EZB. Die Investoren, weil sie ihre verlustbringenden Staatsanleihen an die Zentralbank verkaufen könnten. Die Politiker, weil sie einfache Lösungen haben möchten und die Journalisten, weil sie auf der Suche nach Dramen sind.

STANDARD: Aber wo wäre das Problem bei einer Intervention?

Balcerowicz: Die Inflation würde rapide ansteigen. Vielleicht etwas verzögert, aber der Anstieg würde kommen. Die Zentralbank versucht zwar das Geld, das sie an einer Stelle zusätzlich ausgibt über andere Kanäle wieder aus dem Markt zu holen. Aber das wird im großen Stil nicht klappen. Außerdem würde die EZB ihre Glaubwürdigkeit verspielen.

STANDARD: Noch einmal zurück zu Polen: Ist der Euro für das Land noch interessant?

Balcerowicz: Zuerst müssten wir unsere Schulden senken und unsere Wirtschaft flexibler machen. Das hat die Eurokrise soeben gezeigt: Länder mit moderaten Schulden und einer wettbewerbsfähigen Wirtschaft haben vom Euro und dem gemeinsamen Markt profitiert. Die anderen haben verloren. Durch die niedrigen Zinsen haben sie sich zu stark verschuldet. Zudem ist der Wettbewerb im Euro härter, weil die Länder Verzerrungen nicht mehr über eine Währungsabwertung korrigieren können. Ein verfrühter Beitritt Polens wäre gefährlich. (András Szigetvari, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 21./22.1.2012)

Person Leszek Balcerowicz war in der ersten nicht-kommunistischen Regierungen Polens Vizepremier und Finanzminister. Nach ihm ist der umstrittene Balcerowicz-Plan benannt, mit dem Polens Wirtschaft liberalisiert wurde, der allerdings auch Lohneinbruch und höherer Arbeitslosigkeit führte. Von 2001 bis 2007 war Balcerowicz Chef der polnischer Nationalbank. Wien besuchte er anlässlich einer Tagung des International Institute for Applied Systems Analysis.

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