Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Nach den kristallklaren Aussagen des Föhrenbergkreises zur Finanzwirtschaft aus dem Jahr 1999 gibt es jetzt einen neuen Arbeitskreis zum Thema.

Der 1.Hauptsatz der Volkswirtschaftslehre – oder was Ökonomen von Physikern lernen sollten und was man alles von Senftuben lernen kann!

Posted by egloetzl - 7. Januar 2012

Erhard Glötzl, 5.1.2012 

Der 1.Hauptsatz der Volkswirtschaftslehre – oder was Ökonomen von Physikern lernen sollten und was man alles von Senftuben lernen kann!

(Kommentar zu Franz Hahn, Standard Kommentar der anderen, 4/1/2012)

Bereits1775 erklärte die Französische Akademie der Wissenschaften, keine Arbeiten zum Thema Perpetuum Mobile mehr anzunehmen oder zu prüfen, da ein Perpetuum Mobile unmöglich ist. Auf heute übertragen entspricht dies der Aussage, dass sich kein Physiker mit Ideen beschäftigt, die dem 1. Hauptsatz der Thermodynamik widersprechen, der besagt, dass in einem geschlossenen System die Gesamtenergie stets erhalten bleibt. Weil mittlerweile dieser Satz schon im Schulunterricht seinen festen Platz hat, befasst sich heute niemand mehr mit solchen physikalisch unmöglichen Dingen.

Die Ökonomie dagegen ist als Wissenschaft mit ihren Grundprinzipien leider noch nicht so weit in der Gesellschaft verwurzelt, dass auch die Prinzipien der Ökonomie den gleichen Stellenwert im Schulunterricht haben, wie die Prinzipien der Physik. Und eines dieser Prinzipien ist die Aussage, „dass in einer geschlossenen Volkswirtschaft die Summe aller Schulden stets gleich hoch ist wie die Summe aller Guthaben“, eine Aussage, die ohne jede Einschränkung immer gilt, worauf ja auch Prof. Walter Schachermayer und Prof. Heinz Kurz richtigerweise hinweisen. Bei jedem Leihvorgang entstehen nämlich Schulden immer gleichzeitig und in gleicher Höhe wie Guthaben. Das müsste auch Franz Hahn bekannt sein. Niemand hat behauptet, dass „Guthaben = Vermögen“ gilt. Das wäre natürlich falsch, weil zum Vermögen neben den Guthaben auch noch z.B. Aktien und sonstige reale Vermögen dazu gehören. Aber das hat alles überhaupt nichts mit einem Vexierspiel zu tun. Seit vielen Jahren ist mein Vorschlag daher, dieses Grundprinzip „Schulden = Guthaben“ als 1.Hauptsatz der Volkswirtschaftslehre  zu bezeichnen.

Natürlich kann man aus dem Energieerhaltungssatz keine Schlüsse ziehen, wie eine Dampfmaschine funktioniert. Trotzdem wird kein Physiker behaupten, es handle sich um eine inhaltsleere Tautologie, so wie Franz Hahn dies von Schulden = Guthaben behauptet.  Denn die wohl unbestrittene Bedeutung dieses Satzes liegt eben gerade darin, dass damit die reale Existenz vieler physikalischer Ereignisse ausgeschlossen werden kann: z.B. dass es keine Dampfmaschine geben kann, die Energie abgibt, ohne dass man vorne eine andere Energie hineinsteckt, wie sich das vielleicht manche Menschen wünschen würden.

Und genau darin liegt auch die fundamentale Bedeutung des 1.Hauptsatzes der Volkswirtschaftslehre und aller anderen sogenannten Bilanzierungsidentitäten. Sie sind keine inhaltsleeren Tautologien, wie Franz Hahn meint. Mit ihrer Hilfe kann man zwar keine Aussagen treffen, wie Vorgänge in der Wirtschaft ablaufen, aber man kann für viele wirtschaftliche Ideen ausschließen, dass sie tatsächlich möglich sind. So kann man damit z.B. ausschließen, dass es in einer geschlossenen Volkswirtschaft möglich ist, dass Schulden in Summe abgebaut werden und gleichzeitig die Guthaben erhalten bleiben, wie sich das vielleicht manche Gläubiger oder Politiker oder leider manchmal auch Ökonomen wünschen.

In der Regel kommt dann das Argument, dass es völlig weltfremd ist, im Zeitalter der Globalisierung von abgeschlossenen Volkswirtschaften auszugehen. Abgesehen davon, dass in diesem Sinne auch der Energieerhaltungssatz völlig weltfremd wäre, weil er ja auch nur für abgeschlossene Systeme gilt und es real aber gar keine abgeschlossenen physikalischen Systeme gibt, lassen sich daraus auch für nicht abgeschlossene Teilwirtschaften ganz wesentliche Aussagen ableiten: So kann man daraus z.B. ableiten, dass ein Schuldenabbau in Teilsystemen (z.B. österreichische Staatsschulden) immer nur dann möglich ist, wenn entweder gleichzeitig Guthaben abgebaut werden oder andere Teilsysteme (z.B. Private Haushalte oder Unternehmen oder das Ausland) ihre Schulden entsprechend erhöhen.

Besonders wesentlich aber ist die politische Konsequenz, die sich  daraus ergibt. Ja, es ist sehr wichtig, dass die Staatschulden abgebaut werden müssen. Aber jeder der einen Abbau der Staatsschulden fordert, muss seriöser Weise auch die Frage beantworten, welche Guthaben abgebaut werden sollen oder wer diese Schulden übernehmen soll. Prof. Walter Schachermayer und Prof. Heinz Kurz haben dazu inhaltlich klar Stellung bezogen: Ohne Verminderung der Guthaben wird das wohl unmöglich sein, eine Sichtweise der man sich nur vollinhaltlich anschließen kann.

 

Franz Hahn dagegen hat nur den Abbau der Staatsschulden gefordert, zur Kehrseite der Medaille aber hat er sich leider nicht geäußert, was politisch unkorrekt ist. Er vertritt leider wie die meisten heutigen marktgläubigen Ökonomen die These, dass es genügt, den Druck zu erhöhen, dann würden sich die Marktkräfte schon einen Weg bahnen und dieses Problem lösen. Das entspräche der Einstellung eines  Physikers, der den Senf aus der Tube entfernen will, der aber nur den Druck auf die Tube erhöht und dabei den Verschluss der Senftube nicht abschraubt. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Senf dann nicht an der vorgesehenen Öffnung austritt sondern die Tube platzt und er in der Malaise sitzt, ist groß. Und genau davor hat die von Hahn zitierte Tante Jeti mit Recht große Angst. Nämlich dass die marktgläubigen Ökonomen genauso unvernünftig handeln wie jener Physiker und einfach nur den Druck zum Schuldenabbau erhöhen, ohne sich darüber im Klaren zu sein, wer die Guthaben vermindern soll oder wer die Staatsschulden übernehmen soll. Dann säße die Tante Jeti nämlich genau dort, wo die Griechen jetzt sitzen: in einer ziemlichen Malaise, wenn die Wirtschaft zusammenbricht.

 

Und die Moral von der Geschichte ist ein Vorschlag zur Effizienzsteigerung des ökonomischen Diskurses: Wir brauchen einen Beschluss der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, dass man über Dinge, die dem 1.Hauptsatz der Volkswirtschaftslehre widersprechen, wie z.B. einige Äußerungen von Herrn Hahn, nicht mehr diskutieren muss.

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Eine Antwort to “Der 1.Hauptsatz der Volkswirtschaftslehre – oder was Ökonomen von Physikern lernen sollten und was man alles von Senftuben lernen kann!”

  1. [...] die Summe aller Schulden stets gleich hoch ist wie die Summe aller Guthaben“ …weiter Hier klicken, um die Antwort [...]

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