Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Flassbeck hat recht. Theorie und Praxis beweisen, dass die Interpretation der EURO-Krise als Schuldenkrise falsch ist.

Posted by egloetzl - 20. Dezember 2011

Erhard Glötzl, 19.12.2011

 

Ja, eine stärkere Integration der EU ist notwendig und wünschenswert.

Ja, die langfristige Absicherung der gemeinsamen Währung ist besonders wichtig.

Das wichtigste Mittel dazu aber ist, die Inflationsunterschiede in der EU kurzfristig durch eine an der Produktivität orientierte Lohnpolitik in allen Staaten zu vermindern. Diese Maßnahme ist wichtiger als alle jüngst beschlossenen Regeln in der EU und trotzdem wird eine solche Regulierung insbesondere von Deutschland blockiert. Das beruht auf einem fundamentalen Missverständnis über das Wesen einer Währungsunion.

Vor allem muss man aber erkennen, dass wir es derzeit mit zwei unterschiedlichen Krisen zu tun haben, die grundsätzlich verschiedene Ursachen haben und daher auch verschiedene Lösungsansätze brauchen:

  1. Die allgemeine Überschuldungskrise
  2. Die EURO-Krise, d.h. die hohen Zinsen für Staatsanleihen vor allem für die südlichen EURO-Staaten

Die Ursache der allgemeinen Überschuldungskrise ist dem Kapitalismus systemimmanent: Die positive Rückkopplung bei Fremdkapitaleinkommen (Zinsen) und Eigenkapitaleinkommen (Gewinne) führen zu einem exponentiellen Wachstum dieser. Im Gegensatz dazu wächst die Realwirtschaft nur annähernd linear (abnehmende Wachstumsraten durch Sättigungseffekte in alternden Volkswirtschaften). Diese wachsende Diskrepanz ist auf Dauer nicht durchhaltbar und muss zum Systembruch führen. Siehe dazu: http://fbkfinanzwirtschaft.wordpress.com/2009/10/09/21-thesen-zu-ursache-vermeidung-und-bekampfung-von-finanzkrisen/

Durch die unregulierte Finanzwirtschaft wird diese Ungleichheit noch weiter verstärkt. Siehe dazu:

http://fbkfinanzwirtschaft.wordpress.com/2011/09/19/%E2%80%9Eacker-mann-oder-ackermann%E2%80%9C-uber-die-umverteilungsgewinne-in-der-finanzwirtschaft/

Dieses generelle Wachstum von Schulden bzw. Guthaben führt ungefähr alle 70 Jahre wiederkehrend zu gesellschaftlichen Krisen (Haircut  oder Währungsreform oder Wirtschaftskrise oder Krieg) und kann eben ohne gesellschaftliche Verwerfungen nur mit einem kontinuierlichem Haircut (= Kapitalsteuern) gelöst werden. Genau gesagt müssen die Kapitalsteuern so hoch sein, dass die Guthaben nicht rascher wachsen als die Realwirtschaft. Siehe dazu: http://fbkfinanzwirtschaft.wordpress.com/2011/07/12/offener-brief-an-josef-cap-und-werner-kogler/ und http://derstandard.at/1323916683867/Staatsschulden-Der-Rechenfehler-der-Schuldenbremser

Derzeit stecken wir allerdings schon im Endstadium der Überschuldungskrise. Siehe dazu die Position des Föhrenbergkreises:  http://fbkfinanzwirtschaft.wordpress.com/2011/12/18/schuldenbremse-der-sanierungsbedarf-pro-jahr-liegt-bei-etwa-26-milliarden-euro-das-sind-37-der-staatseinnahmen/#more-11719

Ohne massive gesellschaftliche Verwerfungen, lässt sich eine Überschuldungskrise dann wohl nur mehr über Inflation einigermaßen beherrschen. Siehe dazu: http://fbkfinanzwirtschaft.wordpress.com/2011/12/10/ja-zur-guthabenbremse-nein-zur-schuldenbremse/

Nun aber zur 2. derzeitigen Krise, der EURO-Krise. Die gängige öffentliche und politische Meinung dazu ist:

1. Die gegenwärtige EURO-Krise ist eine Staatsschuldenkrise

2. “Schuldenbremsen” sind das geeignete Mittel zur Beherrschung der Krise

3. Der EURO ist nicht in Gefahr

Dass diese falsche Ursachenanalyse zu einer völlig unbrauchbaren Lösungsstrategie führen muss, zeigt die Praxis: Selbst wenn man Griechenland als Sonderfall betrachtet, so zeigt sich die Untauglichkeit auch daran, dass die jüngst von der EU beschlossenen Schuldenbremsen keinerlei Auswirkungen zur Senkung der Zinsen auf Staatsanleihen hatten. Warum das nicht anders sein kann, zeigt aber auch die theoretische Analyse von Prof. Heiner Flassbeck Siehe dazu: Standard vom 9.12.2011 http://derstandard.at/1323222543487/Deutscher-Oekonom-Europa-spart-sich-in-den-Abgrund :

  1. Das Wesen einer Währungsunion besteht vor allem darin, dass alle Teilnehmer die gleiche Inflationsrate haben müssen, weil sie nicht mehr die Möglichkeit zu selbständiger Geldpolitik haben.
  2. Die Ursache der gegenwärtigen Krise sind vor allem die unterschiedlichen Inflationsraten in den EURO-Ländern. Die EZB hat zwar das Inflationsziel von 2% im Mittel erfolgreich erreicht, aber einerseits haben die Südstaaten eine durchschnittliche Inflationsrate von etwa 2,6 %, Deutschland dagegen nur etwa 1%.[1] Der Turbo für die Exportwirtschaft Deutschlands wird umso größer,  je niedriger die Inflation in Deutschland in Summe gegenüber der Inflation des EURO liegt, d.h. er ist von Jahr zu Jahr immer größer geworden. Die Bremse für die Exportwirtschaft der Südländer wird umso größer, je höher die Inflation in Summe gegenüber der Inflation des EURO liegt, d.h. sie ist von Jahr zu Jahr immer größer geworden. Bei vorgegebener EU-Inflationsrate von 2% war aber die niedrige deutsche Inflationsrate nur deshalb möglich, weil die Inflationsrate der Südländer entsprechend höher war. Ohne die hohen Inflationsraten in den Südländern wäre entweder die niedrige Inflationsrate in Deutschland oder das EURO-Inflationsziel von 2% nicht möglich gewesen. In diesem Sinn sind sowohl die Überschussländer wie Deutschland und Österreich als auch die Defizitländer wie die Südländer in gleicher Weise für die Inflationsungleichheiten und damit für das EURO-Desaster verantwortlich. Vor allem aber sind auch all die Ökonomen verantwortlich, die auf diese Zusammenhänge nicht entsprechend hingewiesen haben oder noch immer Gegenteiliges behaupten.
  3. Die Inflationsrate ist am stärksten durch den Quotienten aus den Löhnen dividiert durch die Produktivität bestimmt. [2] Da eine Anpassung der Produktivität, wenn überhaupt nur sehr langsam möglich ist und ohne der Möglichkeit einer eigenständigen Geldpolitik kann der Unterschied in den Inflationsraten in erster Linie daher direkt nur über die Lohnpolitik beeinflusst werden. Die Anpassung der Inflationsraten wäre dabei zwar grundsätzlich auf zwei Arten möglich: Löhne in Südeuropa absenken oder in Deutschland und den anderen Überschussländern anheben.Aber die Methode, Löhne in den Südstaaten abzusenken, hat folgende gravierende Nachteile: Ohne Produktivitätsänderungen können sinkende Preise am Markt nur durch eine Rezession, begleitet von Arbeitslosigkeit und gesellschaftlichen Verwerfungen und außerdem nur sehr langsam hervorgerufen werden. Obwohl diese Vorgangsweise daher volkswirtschaftlich sehr nachteilig ist, wird sie trotzdem unverständlicherweise vom IWF nicht nur immer wieder forciert  sondern derzeit auch in Europa angewendet. Die praktischen Erfahrungen und die theoretischen  Argumente sprechen jedoch eindeutig gegen diese Methode. Das genaue Gegenteil gilt für die Methode, die Löhne in den Überschussländern zu erhöhen: Höhere Löhne erhöhen die Inland-Nachfrage und stimulieren dadurch die Wirtschaft. Dieser Effekt ist bei Weitem höher als eine mögliche Verminderung der Nachfrage durch eine Verminderung der Netto-Exportquote. Lohnanpassungen nach oben sind auch viel leichter umzusetzen und führen rascher zu steigenden Preisen.
  4. Daher kann die Krise nicht über „Schuldenbremsen“ sondern primär nur über eine koordinierte an der Produktivität orientierte europäische Lohnpolitik gelöst werden, d.h. plakativ gesagt: stark steigende Löhne in Deutschland und nur schwach steigende Löhne in Südeuropa. Will man die Anpassung auf diese Weise rasch ermöglichen, wäre sogar eine Erhöhung des europäischen Inflationszieles auf 3% sinnvoll. Beharrt hingegen Deutschland auf seinem niedrigen Lohn- und Inflationsniveau und versucht man daher die Inflationsungleichheiten dadurch zu beseitigen, dass man die griechischen Löhne entsprechend weit unter die Deutschen Löhne senkt, muss das, wie man sieht, zu einem gesellschaftlichen Desaster führen.
  5. Die gegenwärtige Krise in Europa ist eine Krise des EURO, weil die Politik das Wesen einer Währungsunion nicht verstanden hat und daher Maßnahmen setzt, die die Krise verschärfen werden und den EURO zum Zerfallen bringen werden.
  6. Nicht weil die Staatsschulden zu hoch wären sondern weil die Investoren eben seit 2008 einen Zusammenbruch des EURO befürchten müssen, deshalb verlangen sie so hohe Zinsen für Staatsanleihen der Südstaaten. Vorher war ein Zusammenbruch des EURO kein Thema und daher waren auch die Zinsraten für alle Staatsanleihen der EURO-Staaten unabhängig von der Höhe der jeweiligen Staatsverschuldung im Wesentlichen gleich hoch. Im Zuge der Währungsumstellung würden aber vermutlich z.B. alle italienischen Schulden in Lira umgewandelt und durch die Abwertung der Lira entwertet, denn eine Beibehaltung der Schulden in EURO wäre für Italien wohl nicht zu verkraften. Die ausländischen Investoren wären davon im Gegensatz zu den inländischen Investoren besonders betroffen, denn deren Kaufkraft bliebe in Lira erhalten. Das ist auch der Grund dafür, dass generell gerade Staaten, die besonders im Ausland verschuldet sind, besonders hohe Zinsen zahlen müssen. Beim Zusammenbruch des EURO müssten daher dann gerade die Überschussländer ihre Forderungen an die Südländer abschreiben und hätten dann wahrscheinlich höhere Verluste, als sie heute glauben vermeiden zu können.

Es gibt kein fundiertes ökonomisches Argument gegen diese Analyse. Die Inflationsungleichheiten haben nicht nur zu innereuropäischen Leistungsbilanzdefiziten geführt, sondern vor allem auch den deutschen Export in die Nicht-EU-Länder massiv erleichtert und damit die gesamte deutsche Exportindustrie gestärkt. Aber gleichzeig wurde für die Südländer damit genau das Gegenteil erreicht und deren Exportindustrie ruiniert. Siehe dazu auch: http://fbkfinanzwirtschaft.wordpress.com/2011/12/13/sorting-out-the-euro-mess/#comment-1637

Daher gibt es zur Bewältigung der gegenwärtigen europäischen Krise als wichtigste zielführende Maßnahme zur Wiederangleichung der Inflationsraten nur:  Eine  an der Produktivität orientierte Lohnpolitik in der EU.  Und diese produktivitätsorientierte Lohnpolitik muss analog zu den Maastrichtkriterien in der EU verbindlich durch Verträge geregelt werden.

Wir, die Österreicher und vor allem auch die Deutschen haben Leistungsbilanzüberschüsse gegenüber den anderen EU-Ländern. Wir und die Deutschen haben also in Summe mehr produziert als wir konsumiert und investiert haben. Wir haben also nicht über, sondern unter unseren Verhältnissen gelebt. Die europäische Währungsunion kann aber nur dann stabil sein, wenn alle Teilnehmer genau ihren Verhältnissen entsprechend leben. Primär nicht aus Gerechtigkeitsgründen, sondern um die Stabilität der EU und des EURO zu sichern, sind in Österreich und vor allem in Deutschland höhere Lohnabschlüsse zwingend notwendig. Andernfalls ist ein europäisches Desaster vorgezeichnet.

Es ist leider nicht mehr nur 5 Minuten vor 12 Uhr sondern viel schlimmer, es ist vielleicht schon 2 Jahre vor 1933.

Wir haben die Wahl zwischen der Sparpolitik von Reichskanzler Brüning und dem „New Deal“ von Roosevelt. Wir haben die Wahl zwischen einer Deutschen Dominanz und einem solidarischen Europa, in dem alle ihren Verhältnissen entsprechend leben. Wir haben die Wahl zwischen Schuldenbremse und Guthabenbremse.

Warum aber lernt die Menschheit nicht aus der Geschichte? Warum sind wir gerade am besten Weg, die Geschichte zu wiederholen? Bundeskanzler Kreisky hätte wohl heute zu vielen gesagt: „Lernen Sie Geschichte“. Und dem müsste man noch hinzufügen: „Verstehen Sie endlich die Grundprinzipien der Ökonomie“. 


[1] Genau gilt für die Inflation im Zeitraum zwischen 1999 und 2011:

EU 1999-2011: 27%, pro Jahr im Durchschnitt: 2,0%,

Südeuropa (gewichtet gemittelt) 1999-2011: 36%, pro Jahr im Durchschnitt: 2,6%

Deutschland 1999-2011: 12%, pro Jahr im Durchschnitt: 0,95%

Österreich 1999-2011: 21%, pro Jahr im Durchschnitt: 1,6%

[2] Genauer gilt: gleiche Inflation heißt gleicher Preis = Güternachfrage/Güterangebot = (privater Konsum + UnternehmensInvestition + öffentliche Güternachfrage) /[(Güterangebot/Arbeitnehmer)*Anzahl Arbeitnehmer] ≈

≈ [Lohneinkommen + UnternehmensInvestition + (Steuern - öffentliche Löhne – Umverteilungszahlungen)] / [(Produktivität)*Anzahl Arbeitnehmer].  Produktivitätsorientierte Lohnpolitik ist deshalb am wichtigsten zur Steuerung der Inflation, weil der 1.Summand weitaus am größten ist.

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