Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Offener Brief an Josef Cap und Werner Kogler

Posted by egloetzl - 12. Juli 2011

Linz, 4.7.2011

Lieber Josef Cap, lieber Werner Kogler!

Ihr wart bei der gestrigen ORF-Diskussion (“Im Zentrum”, 3/7) ganz nahe am Verständnis für unsere Probleme:

Wir haben nicht ein vorübergehendes Problem sondern ein systemisches Problem. Leider ist die Ursache für dieses systemische Problem so schwer zu verstehen, weil es sich um ein Paradoxon handelt: „Das Fundamentalparadoxon der Geldwirtschaft: Die Ohnmacht der Schuldner“. Was für den einzelnen Schuldner gilt, nämlich dass er seine Schulden durch Fleiß und Sparsamkeit zurückzahlen kann, gilt für die Gesamtheit der Schuldner in Summe leider nicht. Ohne diese fundamentalen Zusammenhänge zu verstehen, werden wir nie zu einer Lösung des systemischen Problems finden. Und das ist die Begründung:

  1. Erster Hauptsatz der Volkswirtschaftslehre: Schulden und Guthaben (=Forderungen bzw. Geldvermögen) entstehen immer gleichzeitig und in gleicher Höhe. Sie sind daher in Summe immer gleich hoch.
  2. Weil die Summe der Schulden immer gleich hoch ist wie die Summe der Guthaben, können sie auch immer nur gleichzeitig abgebaut werden. Die Forderung nach einem Schuldenabbau ist daher immer identisch mit der Forderung nach einem Abbau der Guthaben. Schulden in Summe abzubauen und gleichzeitig die Guthaben in Summe zu erhalten, ist daher prinzipiell unmöglich.
  3. Wie entstehen Schulden und Guthaben? Die Gläubiger geben den Schuldnern Geld, damit die Schuldner Waren von den Gläubigern kaufen können.
  4. Wie können Schulden und Guthaben abgebaut werden? Ein „normaler“ Schuldner kann weder Geld drucken noch kann er sich Geld durch Besteuerung der Gläubiger holen. Daher können Schulden und Guthaben im Normalfall nur durch den umgekehrten Vorgang abgebaut werden. Das heißt, dass die Gläubiger von den Schuldnern Waren kaufen müssen, sonst haben die Schuldner kein Geld, die Schulden zurück zu zahlen. Wenn die Gläubiger keine Waren von den Schuldnern kaufen, kann es keinen Schuldenabbau geben. Es reicht also nicht, wenn sich die Schuldner für einen Schuldenabbau entscheiden und durch Fleiß und Sparsamkeit einen Überschuss an Waren erzeugen, sondern die Gläubiger müssen sich auch für einen Vermögensabbau entscheiden. Das aber wollen die Gläubiger nicht freiwillig und darin liegt also die Ohnmacht der Schuldner.
  5. Weil die Gläubiger keinen Vermögensabbau wollen und daher ihre Vermögen nicht freiwillig abbauen, können Schulden in Summe im Normalfall nur durch Konkurs und damit eine unfreiwillige Kürzung der Gläubigeransprüche reduziert werden.
  6. Der Staat hat zum Abbau seiner Staatsschulden darüber hinaus noch 2 weitere Möglichkeiten: Einerseits das Drucken von Geld, was einer Entschuldung über Inflation entspricht (das ist die derzeitige amerikanische Strategie) und andererseits durch Einhebung von Steuern. Erhöht der Staat die allgemeinen Steuern, wird dadurch kein Vermögen abgebaut und daher ändert sich auch die Summe der Schulden nicht. Sie wird nur vom Staat auf die breite Masse der Privaten übertragen, wodurch das grundsätzliche Verschuldungsproblem nicht gelöst sondern nur verschoben wird. Als einzige Möglichkeit zum Abbau der Staatsschulden verbleiben daher die direkte Besteuerung von Geldvermögen, damit sie kleiner werden, und die Besteuerung von Erträgen aus Geldvermögen, dass sie nicht weiter wachsen.
  7. Unser derzeitiges Wirtschaftssystem hat zwar wesentlich zu einem allgemeinen materiellen Wohlstand in unserer Gesellschaft beigetragen, dieser Erfolg steht aber immer mehr auf dem Spiel, weil es gleichzeitig auch zu einem immer stärkeren Zerfall unserer Gesellschaft in Arm und Reich führt. Umverteilung ist daher nicht nur eine Forderung, deren Erfüllung aus Gründen der Gerechtigkeit dringend nötig wäre, sie ist insbesondere nötig für die Stabilität unseres Wirtschaftssystems.

Präziser formuliert braucht Kapitalismus für seine Stabilität eine progressive Besteuerung von Kapital (Vermögen, Zuwachs, Einkommen und Transaktionen) in der Höhe, dass die Kapitaleinkommen nicht schneller wachsen als das BIP und damit auch nicht schneller wachsen als die Arbeitseinkommen.

Es ist für alle und letztlich auch für die Besitzer von Kapitalvermögen von größerem Vorteil, wenn Kapital reguliert und besteuert wird, als dass es in einer gesellschaftlichen Katastrophe vernichtet wird. Denn wer aus der Geschichte nicht lernt, muss sie wiederholen. Diese Erkenntnis ist die größte politische Herausforderung für das 21. Jahrhundert.

In tiefer Sorge um die Zukunft!

Dr. Erhard Glötzl

Erhard Glötzl ist Mitglied unseres Arbeitskreises

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Eine Antwort to “Offener Brief an Josef Cap und Werner Kogler”

  1. [...] so hoch sein, dass die Guthaben nicht rascher wachsen als die Realwirtschaft. Siehe dazu: http://fbkfinanzwirtschaft.wordpress.com/2011/07/12/offener-brief-an-josef-cap-und-werner-kogler/ und [...]

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