Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Unkonventionelle Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft

Euro-Retter auf der falschen Spur

Posted by grobol - 10. Juni 2011

Wirtschaftsordnung

Je mehr Kredite die Geberländer im künftigen Europäischen Stabilitätsmechanismus verbürgen, desto erpressbarer sind sie. Mit jedem Kredit werden die soliden Staaten abhängiger von den überschuldeten Partnern. Ein Essay von Bernd Lucke

10. Juni 2011 2011-06-10 10:08:06, FAZ.net

Für die Bewältigung der EU-Schuldenkrise ist das offenkundige Scheitern der im vergangenen Jahr gewährten Griechenland-Hilfe ein Menetekel. Der im Herbst zu beschließende Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) sieht ein deutsches Engagement von knapp 200 Milliarden Euro in Form von Bareinlagen und unwiderruflichen Bürgschaften vor. Dies entspricht rund einem Drittel der jährlichen Steuereinnahmen von Bund, Ländern und Kommunen.

Obwohl es ihr ein Leichtes gewesen wäre, hat sich die Bundesregierung diesem Einsatz nicht unter Verweis auf das explizite Bailout-Verbot des Lissabon-Vertrages entzogen, ehedem die Grundvoraussetzung für die deutsche Zustimmung zur Währungsunion. Heute gibt es über diesen Kurswechsel der Regierung und das enorme finanzielle Volumen des ESM nicht einmal eine parlamentarische Kontroverse. Vielmehr stützt der Bundestag beides im parteiübergreifenden Konsens.

Wirtschaftsordnung: Euro-Retter auf der falschen Spur

© dapd
 

Einmütige Kritik kommt jedoch aus der Wirtschaftswissenschaft: Ziemlich genau vor einem Jahr warnten in der F.A.Z. der Vorsitzende des Sachverständigenrates und weitere angesehene Ökonomen vor einer Fortschreibung des Rettungsschirms. Stattdessen solle eine Insolvenzordnung für überschuldete Staaten geschaffen und eine Beteiligung privater Gläubiger vorgesehen werden. Gravierende Fehlentwicklungen befürchten auch der Wissenschaftliche Beirat des Wirtschaftsministeriums, rund 200 VWL-Professoren des Plenums der Ökonomen, der Wissenschaftliche Beirat beim Finanzministerium, der Kronberger Kreis, die Konjunkturchefs der Wirtschaftsforschungsinstitute und viele einzelne Ökonomen.

Dabei ist die Ursachenanalyse unstrittig: Schwache politische Institutionen (national und in der EU) führten dazu, dass fiskalischen Fehlentwicklungen unzureichend gegengesteuert wurde. Durch die Finanzkrise wurden die Schuldenstände unbeherrschbar für Staaten, die im internationalen Wettbewerb Produktivitätsrückstände haben oder sich bei der Rettung ihres Bankensystems übernahmen.

Für den weiteren Verlauf der EU-Schuldenkrise gibt es drei logische Möglichkeiten: Erstens könnten die überschuldeten Staaten künftig stark real wachsen, so dass sie aus eigener Kraft ihre Zahlungsverpflichtungen erfüllen. Zweitens könnte ein lediglich nominales Wachstum (das heißt Inflation) einen de iure vertragstreuen Schuldendienst ermöglichen. Dabei würde die Geldentwertung einen Teil der realen Schulden verdeckt vergemeinschaften. Drittens bleibt die Möglichkeit einer Staatsinsolvenz, die sich als Forderungsverzichte der (privaten) Gläubiger oder Transferleistungen der solventen EU-Partner niederschlagen kann

Die Bundesregierung setzt ausschließlich auf die erste dieser Möglichkeiten. Und in der Tat wären dreistellige Milliardenkredite vertretbar, könnte man eines kräftigen realen Wachstums der überschuldeten Staaten gewiss sein. Allerdings wäre in diesem Fall eine Staatsschuldenkrise gar nicht entstanden. Die bloße Tatsache der Krise zeigt, dass die offiziellen Wachstumsprojektionen jenseits der Politik ernsten Zweifeln unterliegen.

Defizitgrenzen sind stets straflos missachtet worden

Die EU unterscheidet im künftigen Stabilitätsmechanismus zwischen Illiquidität und Insolvenz. Derzeit seien die hilfebedürftigen Staaten nur illiquide, die Schulden trotz kurzfristiger Probleme langfristig tragfähig. Deshalb erübrige sich ein Forderungsverzicht privater Gläubiger. Nur bei einer negativen Schuldentragfähigkeitsanalyse liege eine Insolvenz vor, an deren Kosten auch die privaten Gläubiger zu beteiligen seien. Nun ist die Unterscheidung zwischen Illiquidität und Insolvenz trügerisch. Wie schon der Nobelpreisträger Paul Krugman betont, entsteht Illiquidität, weil eine Insolvenz für möglich erachtet wird – denn nur dann verweigern Kapitalgeber Kredite zu normalen Konditionen.

Die im Europäischen Stabilitätsmechanismus vorgesehene Schuldentragfähigkeitsanalyse kann allenfalls ausdrücken, dass in ihr günstigere Entwicklungen angenommen werden als in den Risikoabschätzungen der Märkte. Doch die Möglichkeit einer ungünstigen Entwicklung wird damit nicht aus der Welt geschafft. Folglich sollten staatliche Hilfsmaßnahmen so gestaltet werden, dass sie auch im ungünstigen Fall verantwortet werden können.

Da die Bundesregierung den Stabilitätsmechanismus bejaht, scheint sie in Inflation oder Staatsinsolvenz mündende Entwicklungen für unwahrscheinlich zu halten. Grund hierfür ist offenbar ihr Vertrauen in eine Steuerungsfunktion des ESM, dessen Kredite mit Strukturanpassungsauflagen verbunden werden, um schnelles reales Wachstum der überschuldeten Länder anzustoßen.

So weit die Theorie. In der Praxis hat die EU nicht nur bei Griechenland mit Auflagen ungute Erfahrungen gemacht: Auch die im Maastricht-Vertrag stipulierten Defizitgrenzen sind stets straflos missachtet worden. Das Versäumnis, Verstöße per Mehrheitsbeschluss zu ahnden, ist inzwischen als schwerer Fehler erkannt worden. Seitens der Bundesregierung wird nun behauptet, künftig seien Sanktionen “quasi-automatisch”, weil diese hinfort nur durch Mehrheitsvotum zu verhindern sind. Aber gerade ESM-gestützte Staaten stellt das nicht vor große Hürden, denn sie haben ein elementares Interesse aller Länder in der Hand: die Rückzahlung des gewaltigen Kreditvolumens.

Dies ist das Grundproblem des ESM: Die Durchsetzungsfähigkeit der Geberländer wird umso schwächer, je mehr ESM-Kredite ausgereicht wurden. Denn während die Geberländer die Kredite verbürgen, tun die Empfängerländer genau das nicht. Niemand kann Letztere hindern, einseitig und trotz empfangener Kredite eine Staatsinsolvenz zu erklären, wenn die Auflagen härter erscheinen als eine Einstellung des Schuldendienstes.

Das Drohpotential ist beträchtlich

Da die Insolvenz eines ESM-Staates für die Geberländer zu milliardenschweren Verlusten führte, ist abzusehen, dass deren verantwortliche Politiker sich dem Ansinnen, Auflagen oder Sanktionen zu mildern, empfänglich zeigen werden. Oder, um es weniger diplomatisch zu sagen: Je mehr Kredite die Geberländer im ESM verbürgen, desto erpressbarer sind sie. Mit jedem Kredit begeben sich die wirtschaftlich soliden Staaten stärker in die Abhängigkeit ihrer überschuldeten Partner.

Und selbst vor der Kreditgewährung ist das Drohpotential beträchtlich, denn eine Insolvenz kann die EU-Partner zu teuren Rettungen unvorsichtiger Banken nötigen. Daher kann ein bittstellerndes Land schon beim ersten Hilferuf nach Brüssel rote Linien bezüglich umzusetzender Auflagen ziehen. Klüger mag es freilich sein, sich vorab konziliant und reformbereit zu zeigen, denn nach Gewährung der ESM-Kredite ist das Drohpotential noch größer. Zudem kann nach Verstreichen einer Schamfrist stets geltend gemacht werden, dass Auflagen sich als zu hart erwiesen und tunlichst zu mildern sind, um das weitere Wohlverhalten des Landes zu sichern.

In Griechenland haben Regierung und Opposition in den vergangenen Wochen mustergültig mit Zuckerbrot und Peitsche operiert. So ist zu fürchten, dass der ESM bald keineswegs Kredite unter Auflagen gewährt: Eher werden überschuldete Staaten sich bereit erklären, weiterhin ESM-Kredite in Anspruch zu nehmen, falls die Auflagen hinreichend milde sind.

Dies ist schon jetzt erkennbar: Irland und Griechenland haben trotz steigender Risikoprämien niedrigere Zinsen für EU-Kredite durchgesetzt. Irlands Unternehmensteuern bleiben konkurrenzlos niedrig, obwohl viele kreditgewährende EU-Partner ärmer sind. Und Portugals Parlament hat vor dem Bittgang nach Brüssel wirtschaftlichen Reformen ostentativ die Zustimmung verweigert. Wie wird Portugal sich verhalten, wenn die ESM-Kredite ihm weitere Trümpfe in die Hand spielen?

Eine Insolvenz eröffnet einen Weg aus der Krise

Prima facie ist unklar, ob Reformauflagen schnell genug wirken, um eine Überschuldungssituation zu entschärfen. Aber selbst wenn dem so wäre, fehlt dem ESM ein wirkungsvolles Steuerungsinstrument, denn er beraubt sich selbst seiner Durchsetzungskraft. So können sich die strukturellen und wettbewerblichen Differenzen in der EU verfestigen, und die Gefahr unerfreulicher Entwicklungen (Inflation oder Staatsinsolvenz) nimmt eher zu als ab.

Wenn der ESM die solventen EU-Länder in Abhängigkeiten zieht, die der politische und wirtschaftliche Gestaltungsfähigkeit der EU schaden, dann ist es geboten, diese Abhängigkeiten zu vermindern. Statt staatlich zu verbürgen, was der Privatsektor anzubieten nicht mehr bereit ist, sollte ein geordnetes Insolvenzverfahren ermöglicht werden.

Die technische Umsetzung ist nicht trivial – und sie wird nicht billig. Aber eine Insolvenz eröffnet einen Weg aus der Krise, ehe sich noch schlimmere Schuldenstände akkumulieren. Öffentliche und private Gläubiger müssten auf Forderungen verzichten, zu veränderten Konditionen prolongieren und frisches Kapital nachschießen. Für die betroffenen Länder eröffnete dies Spielräume für Investitionen und niedrigere Steuern, so dass die Anreize für unternehmerisches Handeln wüchsen – und die Wahrscheinlichkeit der Rückzahlung der verbliebenen Staatsschuld. Daher stünde dem teilweisen Forderungsverzicht der Gläubiger eine Erhöhung des Marktwertes der verbliebenen Forderungen gegenüber.

Das Beispiel Lateinamerika

Schuldrestrukturierungen sind in vielen Staatsschuldenkrisen erprobt worden, zum Beispiel in Lateinamerika in den achtziger Jahren. Auch dort haben schwache politische Institutionen fiskalische Fehlentwicklungen begünstigt, bevor die Rezession 1979/80 die Situation durch steigende Zinsen und sinkende Exporte kulminieren ließ. Der Auslandsschuldendienst überforderte die aus Exporterlösen gespeisten Devisenreserven, so dass ein unkontrollierter Zahlungsausfall die Stabilität des amerikanischen Bankensystems bedrohte: Insolvenzgefährdete Staaten schuldeten den neun größten amerikanischen Banken das Dreifache ihres Eigenkapitals.

Da der ESM oft pauschal als alternativlos bezeichnet wird, hilft die Lateinamerika-Krise, zu rekapitulieren, wie vielfältig Schuldenkrisen begegnet werden kann. Dabei wird ersichtlich, wie extrem es ist, auf die Beteiligung privater Gläubiger vollständig zu verzichten und stattdessen alle Risiken koordinierter Rettungsaktionen allein der öffentlichen Hand aufzubürden.

Drei Phasen

Das Management der lateinamerikanischen Schuldenkrise teilt sich in drei Phasen: Zunächst, von 1982 bis 1985, mussten die privaten Gläubiger hinnehmen, dass Zinszahlungen kapitalisiert und Laufzeiten verlängert wurden, um die akuten Zahlungsverpflichtungen zu mindern. Jedoch blieb der nominelle Wert der Schulden erhalten, es gab also keinen größeren Schuldenerlass. Der Internationale Währungsfonds (IWF) gewährte (wie auch manche Banken) in kleineren Beträgen neue Kredite. Im Gegenzug verpflichteten sich die Schuldnerstaaten, Auflagen zur Strukturreform zu erfüllen.

Anders als im EU-Rettungsschirm engagierten sich in dieser ersten Phase die nationalen Regierungen der betroffenen Gläubigerbanken kaum. Dennoch gelang es den amerikanischen Banken, ihre von Staatsinsolvenz bedrohten Forderungen ungefähr vom Dreifachen auf das Einfache des Eigenkapitals zu reduzieren. Die Gefahr eines Kollaps des amerikanischen Finanzsystems war damit im Wesentlichen abgewendet – ohne dass die nationalen Regierungen größere Risiken übernahmen.

Die Entwicklung der Schuldnerstaaten aber blieb unbefriedigend. Die Strukturanpassungsauflagen wurden nicht umgesetzt, das angestrebte Wachstum nicht erreicht, die Auslandsverschuldung nahm zu, nicht ab. Kurz: Die Auflagen waren gescheitert. Umstritten ist, ob sie per se ungeeignet waren, ob sie unvollständig umgesetzt oder politisch entschärft wurden und daher wirkungslos waren.

Die zweite Phase begann mit dem 1985 entworfenen Baker-Plan. Auch hier gab es keinen größeren Schuldenerlass, doch wurde vermehrt der Erkenntnis Rechnung getragen, dass Wachstum und Entwicklung in den Schuldnerstaaten zu fördern seien. Deshalb wurden Umschuldungsvereinbarungen weniger vom IWF als von entwicklungspolitisch orientierten Organisationen wie der Weltbank koordiniert. Die privaten Gläubiger, voran die amerikanischen Banken, mussten sich verpflichten, ihre Kredite an die Schuldnerstaaten jährlich um 2,5 Prozent zu steigern. Gleichzeitig engagierten sich jetzt auch nationale Regierungen, die gemeinsam mit internationalen Organisationen etwas mehr als die Hälfte aller Kredite gaben.

Auch im Baker-Plan gelang es nicht, die Auflagen umzusetzen und die angestrebten Exporterlöse zu realisieren. Schließlich erklärte Brasilien 1987 die Staatsinsolvenz – weniger aus ökonomischer Notwendigkeit denn aufgrund innenpolitischen Drucks. Da Schuldnerstaaten einseitig die Spielregeln des Baker-Planes verletzten, waren die Banken nicht mehr zu weiterer Kreditvergabe bereit.

1989 läutete der Brady-Plan die dritte, letztlich erfolgreiche Phase ein. Nunmehr wurde von der auch in der EU gepflegten Fiktion Abstand genommen, die überschuldeten Staaten seien lediglich vorübergehend finanziell klamm. Der Brady-Plan akzeptierte die faktische Insolvenz und entwickelte Instrumente, die den privaten Gläubigern Forderungsverzichte erleichterten. Dazu gehörten Änderungen in Bilanzierungsvorschriften, Schuldenrückkäufe auf dem Sekundärmarkt und debt-equity-swaps, die Gläubiger mit Produktivkapital des Schuldnerlandes saturierten.

Das Schwergewicht des Brady-Plans lag auf der Entschuldung, deren Kosten teils von privaten Gläubigern, teils von der öffentlichen Hand zu tragen waren. Zudem gab es nach wie vor Strukturanpassungsauflagen des IWF. Das Ausmaß der Entschuldung variierte stark, von 20 Prozent für das ölreiche Venezuela bis zu 80 Prozent für das bürgerkriegsgeplagte Nicaragua. In den Folgejahren klang die Schuldenkrise ab. Dass Entschuldung Entfaltungsmöglichkeiten für Investitionen und Infrastrukturentwicklung geschaffen hatte, kann kaum bestritten werden.

Alte Fehler werden wiederholt

In der EU wiederholt man derzeit die Fehler der frühen achtziger Jahre: Man verweigert eine Entschuldung mit der Behauptung, die betroffenen Staaten seien lediglich illiquide. Man favorisiert eine austeritätsorientierte Strukturanpassungspolitik, die kurzfristig rezessiv wirkt, so dass die Überschuldung tendenziell zunimmt. Man verfügt weder über Mechanismen, um die konsequente Umsetzung der Auflagen zu sichern, noch hat man eine Handhabe gegen einseitige Insolvenzerklärungen wie die Brasiliens 1987.

Anders als in der lateinamerikanischen Krise werden die beträchtlichen Risiken der Hilfen zu 100 Prozent vom europäischen (zu 30 Prozent vom deutschen) Steuerzahler getragen. Private Gläubiger leisten nach den Vorstellungen von EU und Bundesregierung nicht den mindesten Forderungsverzicht und finanzieren nicht den kleinsten zusätzlichen Kredit.

Diese Strategie ist kaum nachvollziehbar. Zwar ist unbestritten, dass die Funktionsfähigkeit des Finanzsystems aufrechterhalten werden muss. Doch warum können Banken nicht so stark zu einer Umschuldung beitragen, wie es mit der Stabilität des Finanzsystems kompatibel ist? Ist unser Finanzsystem wirklich so labil, dass es nicht den mindesten Verlust ertragen kann? Und umgekehrt: Ist unser politisches System stabil genug, um – im ungünstigsten Fall – Verluste aus dem ESM-Engagement in dreistelliger Milliardenhöhe zu verkraften?

Der letzte Punkt ist in der öffentlichen Debatte bisher kaum gewürdigt worden. Ein Scheitern des ESM hätte für Deutschland politisch bedrohliche Konsequenzen, weil das Vertrauen der Bürger in die Fähigkeit zu verantwortlicher Führung erschüttert würde. Das Parteiensystem könnte vor ähnlichen Umbrüchen stehen, wie sie Italien aus anderen Gründen in den neunziger Jahren durchlebte.

Betrachten wir exemplarisch die Union: Sie hat in den letzten Jahrzehnten die meisten ihrer profilbildenden Charakteristika verflachen lassen oder verloren: Den demokratischen Nationalismus, die kirchliche Prägung, den Antikommunismus, die atlantische Orientierung, das Bekenntnis zu Familie und Bildungsbürgertum, das Eintreten für das gegliederte Schulwesen, die umwelt- und energiepolitische Kompetenz. Was bleibt, ist das Erbe Ludwig Erhards, der Mythos des Wirtschaftswunders und das tiefwurzelnde Ressentiment vieler Wähler, Sozialisten könnten nicht mit Geld umgehen.

Ein Scheitern des ESM würde CDU und CSU in ihrer letzten Kernkompetenz, dem wirtschaftlichen Sachverstand, desavouieren. Kaum besser wäre die Lage der FDP. Welche politischen Folgen hätte die zu erwartende starke Beschädigung der bürgerlichen Parteien, wenn die deutschen Bürgschaften in einer großen ESM-Krise eingefordert würden? Könnten SPD und Grüne profitieren, obwohl auch sie den ESM unterstützt haben? Oder würden sich die deutschen Wähler neuen, europaskeptischen Parteien zuwenden?

Beim ESM wird die wirtschaftliche Kompetenz der die Regierung tragenden Parteien heute gerade aus der Wirtschaftswissenschaft in Frage gestellt. Sollte dies nicht Anlass sein, die wirtschaftlichen und politischen Gefahren eines Scheiterns eingehender zu bedenken? Die im Herbst anstehende Entscheidung über den ESM darf nicht abermals akklamatorisch, unter unzureichender Informationslage und dem Druck angeblicher Alternativlosigkeit fallen. Auf dem Bundestag lastet große Verantwortung, der er nur mit intensiver Befassung und kontroverser Debatte gerecht werden kann.

Der Autor

Bernd Lucke ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg. Im vergangenen Jahr hat er das „Plenum der Ökonomen“ gegründet. Es bietet Volkswirten eine virtuelle Plattform, auf der sie zur Wirtschaftspolitik gemeinsame Stellungnahmen erarbeiten. Das Plenum soll den Ökonomen im Land mehr Gewicht verleihen. In einem ersten Aufruf haben 190 Volkswirte im Februar die Hilfen für die hochverschuldeten Euroländer kritisiert. Lucke hat VWL in Bonn und Berkeley studiert, Promotion und Habilitation folgten an der FU Berlin. Er ist gefragt als Politikberater und gerngesehener Gastprofessor, demnächst in Bloomington, Indiana. (hig.)

About these ads

Eine Antwort to “Euro-Retter auf der falschen Spur”

  1. “Die Ursache für das Sinken des Zinsfußes wird vorzüglich darin gefunden, daß die besonders rentablen Kapitalanlagen großen Maßstabes heute erschöpft sind und nur Unternehmungen von geringer Ergiebigkeit übrig bleiben. …Nur ein allgemeiner europäischer Krieg könnte dieser Entwicklung Halt gebieten durch die ungeheure Kapitalzerstörung, welche er bedeutet.”

    (Aus der Zeitschrift des Sparkassenverbandes, 1891)

    “Trotz der heiligen Versprechen der Völker, den Krieg für alle Zeiten zu ächten, trotz der Rufe der Millionen: ‘Nie wieder Krieg’, entgegen all den Hoffnungen auf eine schönere Zukunft muß ich sagen: Wenn das heutige Geldsystem, die Zinswirtschaft, beibehalten wird, so wage ich es, heute schon zu behaupten, daß es keine 25 Jahre dauern wird, bis wir vor einem neuen, noch furchtbareren Krieg stehen.
    Ich sehe die kommende Entwicklung klar vor mir. Der heutige Stand der Technik läßt die Wirtschaft rasch zu einer Höchstleistung steigern. Die Kapitalbildung wird trotz der großen Kriegsverluste rasch erfolgen und durch Überangebot den Zins drücken. Das Geld wird dann gehamstert werden. Der Wirtschaftsraum wird einschrumpfen, und große Heere von Arbeitslosen werden auf der Straße stehen. An vielen Grenzpfählen wird man dann eine Tafel mit der Aufschrift finden können: ‘Arbeitssuchende haben keinen Zutritt ins Land, nur die Faulenzer mit vollgestopftem Geldbeutel sind willkommen.’
    Wie zu alten Zeiten wird man dann nach dem Länderraub trachten und wird dazu wieder Kanonen fabrizieren müssen, man hat dann wenigstens für die Arbeitslosen wieder Arbeit. In den unzufriedenen Massen werden wilde, revolutionäre Strömungen wach werden, und auch die Giftpflanze Übernationalismus wird wieder wuchern. Kein Land wird das andere mehr verstehen, und das Ende kann nur wieder Krieg sein.”

    Silvio Gesell, 1918

    Es dauerte tatsächlich “keine 25 Jahre” vom Ende des ersten bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges. Der dritte Weltkrieg wäre in den 1980er Jahren fällig gewesen und wurde nur durch die atomare Abschreckung bis in die Gegenwart verhindert. Durch das Ausbleiben dieser “überfälligen Sachkapitalzerstörung” hat die Zinsumverteilung – sowohl innerhalb der Nationalstaaten als auch zwischen den Staaten – heute ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht, sodass die Weltwirtschaft auf ein Phänomen zusteuert, das der “Jahrhundertökonom” John Maynard Keynes als “Liquiditätsfalle” bezeichnete: der mitgekoppelte – also sich selbst beschleunigende – Zusammenbruch des Geldkreislaufs und damit der – irreversible – Zusammenbruch der gesamten Arbeitsteilung – das Ende jeglicher Kultur.

    Liquiditätsfallen hat es in der Geschichte der halbwegs zivilisierten Menschheit viele gegeben (schon solange der Mensch Zinsgeld, anfangs Edelmetallgeld, benutzt) und alle Kulturen und Weltreiche sind an der Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz zugrunde gegangen. Heute stehen wir vor der absoluten Steigerung dieses Phänomens: die globale Liquiditätsfalle! Die Heilige Schrift bezeichnet dieses Ereignis als “Armageddon”.

    Um die größte anzunehmende Katastrophe der Kulturgeschichte rechtzeitig abzuwenden, bedarf es der “Auferstehung der Toten”. Als geistig Tote sind alle Existenzen zu bezeichnen, die vor lauter Vorurteilen nicht mehr denken können. Es folgt der eigentliche Beginn der menschlichen Zivilisation. Herzlich Willkommen im 21. Jahrhundert: http://www.deweles.de

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 362 Followern an