Föhrenbergkreis Finanzwirtschaft

Nach den kristallklaren Aussagen des Föhrenbergkreises zur Finanzwirtschaft aus dem Jahr 1999 gibt es jetzt einen neuen Arbeitskreis zum Thema.

Die Mär vom deutschen Kapitalabfluss

Geschrieben von hkarner - 24. Mai 2011

Rettung Griechenlands

Wenn die Bundesrepublik den Griechen ein Darlehen gewährt, verknappt das nicht die heimische Kreditvergabe, wie Hans-Werner Sinn behauptet. Ein einfaches Beispiel widerlegt seine These.

© Bild: 2011 AFP

Kommentar, FTD

Wenn die Bundesrepublik den Griechen ein Darlehen gewährt, verknappt das nicht die heimische Kreditvergabe, wie Hans-Werner Sinn behauptet. Ein einfaches Beispiel widerlegt seine These. von Gustav Horn und Fabian Lindner

Gustav Horn ist Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung. Fabian Lindner ist Referatsleiter Arbeitsmarkt

Es gibt wieder einmal schlechte Nachrichten aus München. Wenn die Deutschen die Euro -Krisenstaaten stützen, um den Zerfall der Währungsunion zu verhindern, schneiden sie sich doppelt ins eigene Fleisch – behauptet zumindest Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts. Demnach tragen die Deutschen im Rahmen des Euro-Rettungsschirms nicht nur Kreditrisiken, sie leisten angeblich auch einem weiteren Nettokapitalexport Vorschub.

Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Institut Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Institut
Sinn behauptet seit Jahren, diesen Begriff, der in der Leistungsbilanz der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) auftaucht, müsse man wörtlich nehmen und als Indikator für Strukturprobleme begreifen. Durch Nettokapitalexporte, so Sinn, werde “frisches deutsches Sparkapital” ins Ausland exportiert und fehle daheim für Investitionen.
Für 2010 macht er beispielsweise folgende Rechnung auf, die nicht nur für Laien bedrohlich klingt: “Die gesamtwirtschaftliche Ersparnis betrug in diesem Jahr 277 Mrd. Euro, 111 Mrd. Euro wurden netto in Deutschland investiert, und 166 Mrd. Euro flossen netto als Kapitalexport ins Ausland.”
Sinn stellt hier die These auf, die Kreditmenge in einem Zeitraum sei limitiert – mehr als die im gleichen Zeitraum anfallende Ersparnis könne nicht vergeben werden. Deswegen sei dieser Sparbetrag heiß umkämpft. Und deshalb machten die “Konkurrenten am Kapitalmarkt (…) den deutschen Investoren die Kredite abspenstig”. Folge: Die Bundesregierung verhalte sich grob fahrlässig, wenn sie diesen Konkurrenten – den Krisenstaaten – durch Hilfszusagen auch noch dabei hilft, deutsches Sparkapital wegzulocken. Wahnsinn, oder?
Der Haken an Sinns Thesen ist: Sie sind falsch. Weder kann Ersparnis irgendwie durch Nettokapitalexport abfließen, noch sind Kredite auf die laufende Ersparnis limitiert. Die Ausländer nehmen uns nicht die Kredite weg – sie kaufen vielmehr deutsche Waren und schaffen dadurch Einkommen und Beschäftigung im Inland.
Um die tatsächlichen Zusammenhänge zu verstehen, muss man leider detaillierter in die graue Welt der Buchhaltung eintauchen. Dann findet man zunächst einmal heraus, dass ein Nettokapitalexport nicht das ist, was er semantisch vorgibt zu sein.
Ein Nettokapitalexport ist das buchhalterische Gegenstück zum Leistungsbilanzüberschuss. In der Leistungsbilanz werden alle Einkommen und Ausgaben für Leistungen verbucht – seien es der Kauf und Verkauf von Gütern und Dienstleistungen, Arbeits-, und Kapitaleinkommen oder Transferzahlungen. Nicht nur die ganze Volkswirtschaft hat eine Leistungsbilanz, sondern auch einzelne Wirtschaftseinheiten – Haushalte, Unternehmen und Einzelpersonen. Verdient jemand mehr, als er ausgibt, oder verkauft er mehr, als er kauft, entsteht ein Leistungsbilanzüberschuss; kauft er mehr, als er verkauft, entsteht ein Leistungsbilanzdefizit.
Natürlich birgt eine Kreditvergabe Risiken

Jeder Leistungsbilanz steht eine Kapitalbilanz gegenüber. In der wird verbucht, wie Leistungsbilanzsalden finanziert werden. Wegen der doppelten Buchhaltung führt ein Leistungsbilanzüberschuss immer zu einem Kapitalbilanzdefizit – den nennen die VGR-Buchhalter Nettokapitalexport. Wenn also jemand mehr verkauft, als er selbst kauft, exportiert er in der Sprache der Buchhalter netto Kapital. Zugegeben: Das ist missverständlich. Aber es sollte einen Ökonomen eigentlich nicht in die Irre führen.
Mit dem Abfluss von deutschem Sparkapital hat das nämlich nichts zu tun. Ein einfaches Beispiel: Ein Mann geht zum Bäcker und kauft Brötchen. Der Bäcker legt das Geld in seine Kasse. Der Kunde hat dem Bäcker gegenüber ein Leistungsbilanzdefizit, denn er kauft vom Bäcker mehr, als er ihm verkauft. Umgekehrt hat der Bäcker dem Kunden gegenüber einen Leistungsbilanzüberschuss. Nach dem Kauf hat der Kunde weniger, der Bäcker mehr Geld. Wegen der doppelten Buchführung entspricht der Leistungsbilanzüberschuss des Bäckers einem Nettokapitalexport.
Ist Sparkapital vom Bäcker zum Kunden geflossen? Hat der Bäcker jetzt weniger Mittel, um etwa einen neuen Ofen zu kaufen? Natürlich nicht: Er hat durch den Nettokapitalexport mehr Mittel, und die kann er später verwenden, wie er will. Sinns Behauptung kommt so vom Kopf auf die Füße: Die Ersparnis des Bäckers ist nicht abgeflossen, sondern er hat sie erst bilden können, weil ihm durch den Einkauf Einkommen entstanden ist. Das ändert sich nicht, wenn der Bäcker Deutscher ist und der Kunde Grieche – nur heißen Kauf und Verkauf dann Import und Export. Wenn alle Inländer insgesamt mehr ins Ausland verkaufen, als sie aus dem Ausland kaufen, exportiert die Volkswirtschaft buchhalterisch Kapital. Damit fließt immer noch nirgendwo “frisches deutsches Sparkapital” ab.
An all dem ändert sich auch nichts, wenn der Kunde seine Brötchen auf Kredit finanziert. Geht er zu seiner Bank, schafft die ihm Giralgeld aus dem Nichts – ohne dass jemand anderem Kredite abspenstig gemacht werden müssten. Will der Kunde Bargeld haben und die Geschäftsbank hat keines, kann sie es sich von der Zentralbank leihen – die es wieder aus dem Nichts schafft. Buchhalterisch ist die Kreditvergabe nur eine Bilanzverlängerung. Sie ermöglicht dem Kunden, sich etwas zu kaufen, und dem Bäcker, etwas zu verdienen.
Damit machen auch die Krisenstaaten niemandem Kredite abspenstig. Natürlich birgt eine Kreditvergabe Risiken – die muss man benennen. Den Krisenländern aber keine Darlehen mehr bereitzustellen würde das Kreditangebot in Deutschland kaum verbessern. Eine solche Hilfeleistung zu unterlassen hätte eher andere Folgen: Die deutschen Exporteure hätten weniger Absatz und Einkommen; von der Gefahr neuer Bankenpleiten ganz zu schweigen. Das wäre der Preis, den man für die Verweigerung von Notkrediten zahlen würde.
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